Tiroler Krimiautorin Lena Avanzini: „Ich hänge an meinen Nebenfiguren“

Die Tiroler Krimiautorin, die unter dem Pseudonym Lena Avanzini schreibt, ist für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis 2020 nominiert. Die TT hat sich mit ihr auf einen Espresso verabredet.

Lena Avanzini tritt immer mit einer auffälligen Perücke auf.
© TT-Archiv

Lena Avanzini tritt immer mit einer auffälligen Perücke auf.
© TT-Archiv

Sie haben sich als Krimiautorin eine zweite Identität zugelegt. Wenn Sie als Lena Avanzini unterwegs sind, dann tragen Sie eine Perücke. Warum haben Sie sich für dieses Doppelleben entschieden?

Lena Avanzini: Das Leben ist doch sehr kurz. So kann ich zwei Leben gleichzeitig haben. Das finde ich recht abwechslungsreich. (lacht)

Welche Frau steckt hinter der Krimiautorin Lena Avanzini?

Avanzini: Die gibt es in der Öffentlichkeit gar nicht. Mein Privatleben soll auch privat bleiben.

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Wie sind Sie auf den Namen Lena Avanzini gekommen?

Avanzini: Ich habe aus dem Telefonbuch zehn Namen ausgewählt und bin mit der Liste zum Verlag gegangen. Die Lektoren haben dann ein Pseudonym ausgewählt. Ich mag italienische Namen.

Sie sind also eine Italienliebhaberin?

Avanzini: Nein, nicht extrem. Ich schätze die italienische Küche, den Espresso. Die Sprache ist sehr musikalisch, ich kann mich auf ihre Melodie besonders gut einlassen, weil ich sie nicht verstehe.

Es ist erstaunlich, dass Sie gar keine Lust haben, als Autorin im Rampenlicht zu stehen.

Avanzini: Mich stört am Literaturbetrieb, dass Äußerlichkeiten so oft im Vordergrund stehen. Ich will meine Leserinnen und Leser mit Geschichten begeistern, nicht mit meiner Person. Außerdem ist es ja auch eine Lebensqualität, unbekannt zu sein.

… aber Leserinnen und Leser interessieren sich meist sehr für die Person, die hinter dem Text steht.

Avanzini: Bei Bestsellerautoren mag das tatsächlich von öffentlichem Interesse sein, aber eigentlich kann ich den Hype um Autorinnen nicht wirklich nachvollziehen. Ich schätze Schriftsteller, von denen man privat so gut wie gar nichts weiß, Patrick Süskind zum Beispiel.

Ihr erster Krimi „Tod in Innsbruck“ (Emons) wurde 2012 mit dem Friedrich-Glauser-Preis der Sparte Debüt ausgezeichnet. Ihr aktueller Krimi „Am Ende nur ein kalter Hauch“ (Haymon) steht auf der Shortlist für die Sparte Roman, einen der wichtigsten Krimipreise im deutschsprachigen Raum. Ist das eine Motivation fürs­ ­Schreiben?

Avanzini: Natürlich freue ich mich darüber, und es motiviert mich auch, aber mir ist bewusst, dass diese Nominierung auch mit Glück zu tun hat, denn immerhin haben 300 Autorinnen und Autoren Werke eingereicht, die es vielleicht auch verdient hätten, an dieser Stelle zu stehen.

Die Hauptfigur Ihrer Krimitrilogie heißt Carla Bukowski. Gleich zu Beginn erfährt der Leser, dass diese Frau Unfassbares erfahren hat. Ihr Mann und ihr Sohn sind bei einem Brand ums Leben gekommen. Warum interessiert Sie eine seelisch beschädigte Figur mehr als eine toughe Powerfrau?

Avanzini: Weil mich grundsätzlich interessiert, wie Menschen auf Schicksalsschläge reagieren. Carla Bukowski ist eine Frau, die ihre Emotionen nicht unbedingt zur Schau stellt. Sie hat gelernt, mit diesen schlimmen Erfahrungen zu leben, ohne dabei ihren lebensbejahenden Humor zu verlieren.

Haben Sie bewusst eine Frau als Hauptfigur gewählt?

Avanzini: Nein. Mir geht es beim Schreiben vor allem um Abwechslung. In meinen ersten drei Krimis hat ein männlicher Ermittler eine große Rolle gespielt. Ich kann mich schriftstellerisch nur weiterentwickeln, wenn ich mich in unterschiedliche Persönlichkeiten hineinversetze. Da möchte ich mich nicht beschränken. Vielleicht ist das aber auch eine Anmaßung.

Die „wüde Hüde“, Gerichtsmedizinerin Frau Dr. Hilde Bartenstein, wirkt in ihrer Resolutheit äußerst authentisch. Wie gelingt so etwas?

Avanzini: Ich habe viel recherchiert und mich eingehend mit Gerichtsmedizin befasst. Das fand ich sogar phasenweise interessanter als die Beschäftigung mit der Polizeiarbeit. Natürlich gibt es da auch unangenehme Dinge. Man muss sich Bilder von toten Menschen ansehen. Ich achte aber darauf, dass die Beschreibungen von Leichen nicht zu voyeuristisch ausfallen. Auch möchte ich auf keinen Fall eine Anleitung fürs Morden schreiben. Die Handlung meiner Krimis ist zu hundert Prozent fiktiv.

Was fasziniert Sie an Kriminalromanen?

Avanzini: Es ist ein Genre, bei dem man sehr gut Grenzen ausloten kann. Ich habe nie bewusst geplant, Krimis zu schreiben. In meinen Geschichten sind einfach plötzlich Figuren umgekommen. (lacht)

Sie sind nicht hauptberuflich Krimiautorin. Wann schreiben Sie Ihre Bücher?

Avanzini: In meiner Freizeit, oft im Sommer. Ich arbeite im Zug, im Kaffeehaus, auch zuhause mit Kopfhörern und Oropax. Da höre ich dann gar nichts mehr, oft verliere ich sogar das Gleichgewichtsgefühl. (lacht)

Ihre schriftstellerische Arbeit ist aber längst kein Hobby mehr.

Avanzini: Das stimmt. Zum Glück muss ich nicht vom Schreiben leben. Trotzdem versuche ich, professionell an Texte heranzugehen. Ich muss schließlich auch die Abgabetermine, die der Verlag vorgibt, einhalten. Derzeit schreibe ich an einem neuen Krimi, aber dazu kann ich noch nichts verraten.

Sie schreiben an etwas Neuem, weil die Trilogie mit Carla Bukowski abgeschlossen ist. Fiel Ihnen dieser Abschied schwer?

Avanzini: Nein, im Gegenteil. Ich hätte die Bukowski manchmal auf den Mond schießen können. Viel mehr hänge ich an meinen Nebenfiguren, aber die überleben leider selten. (lacht)

Das Gespräch führte Gerlinde Tamerl


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