Kunstraum Dom: Geistig üppiges Augenfasten

Zum 20. Mal wird ab heute der Innsbrucker Dom – auch – zum Kunstraum. Durch das sehr spezielle Fastentuch, mit dem Via Lewandowsky das Altarbild „verhüllt“.

Das „Fastentuch“, das der Tiroler Sprachakrobat Wilfried Schatz in die Innsbrucker Spitalskirche gehängt hat, soll zum Nachdenken animieren.
© Foto TT/Rudy De Moor

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Als Florian Hube­r, Innsbrucks kunstaffiner Generalvikar, im vergangenen Sommer Via Lewandowskys monumentale Lichtinstallation am Bamberger Dom sah, wusste er gleich, dass eine Intervention dieser Art auch etwas für „seinen“ Dom wär­e. Den Magdeburger Auftritt, bei dem der international gefragte Dresdner Künstler die Worte „GOOD“ bzw. „GO D“ in zwölf Meter großen Buchstaben zwischen den zwei Türmen des prachtvollen, zwischen 1209 und 1520 errichteten Gotteshauses leuchten ließ, hat der 57-jährige Künstler für die Intervention im Innsbrucker Dom grundlegend modifiziert.

Rhythmisch im Herzschlag von Walen durchpulst: Via Lewandowskys „Fastentuch“ im Innsbrucker Dom.
© Foto TT/Rudy De Moor

Die Worte sind zwar dieselben geblieben, die Buchstaben sind hier allerdings „nur“ 25 Zentimeter hoch. Montiert in das linke untere Eck einer sechs mal vier Meter großen Plane aus grauem Kunststoff, die von der Kuppel des Altarraums abgehängt ist. Um auf diese Weise während der Fastenzeit den Blick auf das barocke Altarbild zu verhängen. Der Rahmen, auf den die Plane aufgezogen ist, zeichnet sich je nach Lichteinfall vage als Kreuz ab. Die Buchstaben werden dagegen im Dauerloop von weißem Licht durchpulst. Wobei das zweit­e O im Rhythmus des Herzschlags von Walen regelmäßig verblasst, wodurch das Wort GOOD zum GO D, dann wieder zum GOOD usw. wird.

Die ewige, letztlich nicht zu beantwortende Frage aufwerfend, ob Gott angesichts von Kriegen, Naturkatastrophen oder Seuchen wirklich gut ist. Da Via Lewandowskys Installation allerdings ohne Fragezeichen auskommt, wird der Schriftzug zur Behauptung, stilisiert zum Bild für das nicht darstellbare göttliche Prinzip. Weshalb der Künstler nach langen Überlegungen auch die Nichtfarbe Grau, die für ihn letztlich die Summe aller Farben ist, als Basis für sein „Fastentuch“ gewählt hat. Um trotz aller formaler Kargheit einen Hauch depressiver Sinnlichkeit zu suggerieren, ist Grau doch auch die Farbe, die man mit einer bestimmten Stimmungslage assoziiert.

Auf ganz andere Weise mehrfach hintergründig aufgeladen ist aber auch das Licht als Mittel der Kunst. Einerseits, um das immateriell Geistige zu visualisieren, andererseits aber auch lesbar als Verweis auf das Digitale genauso wie auf das Bilderverbot in alt­testamentarischen Zeiten.

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Via Lewandowskys Kunstintervention ist bereits die 20., die von der Initiative „Kunstraum Kirche“ im Innsbrucker Dom durchgeführt wird. Erst zum zweiten Mal gibt es heuer auch in der Innsbrucker Spitalskirche ein „Fastentuch“. Gestaltet vom Tiroler Sprachkünstler Wilfried Schatz, der eine fünf mal fünf Meter groß­e, als Barriere vor den Hauptaltar gehängte Fahne mit sehr speziellen Wörtern beschrieben hat. In Groß- wie Kleinbuchstaben in den Farben Weiß, Schwarz und Grün. Das Ergebnis sind Wortschöpfungen, die auf einen ersten Blick bisweilen absurd daherkommen. Um letztlich allerdings zum Nachdenken zu animieren. Zu einem sorgsamen Umgang mit der Sprache, aber auch mit den Mitmenschen und der Natur. Wenn da etwa steht „umkEHRE“, „abFALLE“ oder „SINNventur“, gepuzzelt aus Wörtern, die Schatz u. a. im aktuellen Fastenbrief von Bischof Hermann Glettler gefunden hat. Sämtliche Worte sind auch als LED-Laufschriftband an der Fassade der Spitals­kirche zu lesen.

Die „Fastentücher“ hängen bis Mitte der Karwoche im Innsbrucker Dom und in der Spitalskirche .


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