70. Berlinale bot Geschichten statt Spektakel

Die Berlinale verleiht heute Abend ihre Bären. Die Wettbewerbsfilme boten im 70. Jubiläums-Jahr Erzählkino ohne Spektakel.

Der potenzielle Bären-Gewinner „Berlin Alexanderplatz“ holt den gleichnamigen Roman des Schriftstellers Alfred Döblin aus dem Jahr 1929 in die Gegenwart: Francis (Welket Bungué) kommt als Flüchtling nach Berlin und trifft dort auf Mieze (Jella Haase).
© Kulbach/Sommerhaus

Aus Berlin: Marian Wilhelm

Berlin – Der Himmel über Berlin ist rot. Zumindest im Berlinale-Kino beim Film „Berlin Alexanderplatz“. Drei Kilometer Luftlinie trennen den „Alex“ vom roten Teppich am Potsdamer Platz. Dort sind bis gestern insgesamt 18 Wettbewerbsfilme durch den digitalen Projektor gelaufen. Heute Abend wird die Jury rund um Jeremy Irons einen davon mit dem Goldenen Bären auszeichnen. Klare Favoriten unter den großteils recht ruhig erzählten Wettbewerbsfilmen haben sich dabei nicht herauskristallisiert.

Mit „Never Rarely Sometimes Always“ und „First Cow“ konnten zwei Filme von amerikanischen Regisseurinnen überzeugen, die zuvor bereits in den USA Weltpremiere feierten. Eliza Hittman erzählt in ihrem erst dritten Film einfühlsam von einer 17-Jährigen und ihrer besten Freundin, die für eine Abtreibung nach New York reisen. Dieses politisch nach wie vor aktuelle Thema, genial mit den vier Fragebogen-Antwortmöglichkeiten der Klinik betitelt, ist im Film erzählerisch meisterhaft aufgefangen. Ein Preis für Hittman wäre damit weit mehr als nur ein politisches Statement.

Zwischen den Zeilen ihres Anti-Westerns „First Cow“ erzählt Regie-Veteranin Kelly Reichardt im US-Wahljahr dagegen viel über den Gründungsmythos Amerikas. Die Siedler-Geschichte über ein Außenseiter-Duo und die erste Kuh am Außenposten der Zivilisation ist aber denkbar klein und harmlos.

Der größte US-Star der diesjährigen Berlinale war aber sowieso kein Filmmensch: Hillary Clinton sorgte abseits des Wettbewerbs mit einer biografischen Serie für Aufmerksamkeit.

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Ansonsten dominierte die Hauptauswahl unspektakuläres Erzählkino, erfreulicherweise fast ohne die experimentellen Ausreißer der Vorjahre. Die deutschsprachigen Filme punkten auch über den Heimvorteil hinaus. Allen voran der dreistündige „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani. Der junge deutsche Regisseur aktualisiert den berühmten Döblin-Roman als Flüchtlings-Parabel mit Stil und Mut zu großen Gesten. Altmeister Christian Petzold widmet sich dagegen in „Undine“ auf zurückhaltende Weise dem romantischen Meerjungfrauen-Mythos, ebenfalls vor der Kulisse Berlins. Paula Beer und Franz Rogowski spielen darin ein verliebtes Pärchen, unter und oberhalb der Wasseroberfläche. Beide Filme kommen bereits im April in die österreichischen Kinos.

Neben dem Goldenen Bärchen warten im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz auch noch sieben silberne kleine Bären auf Filmschaffende mit Platz im Regal. Einer davon ohne seinen bisherigen Namensgeber Alfred Bauer, nachdem Recherchen vor Beginn des Festivals dessen Nazi-Vergangenheit thematisiert hatten. Das neue Leitungs-Duo der Berlinale, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, hatte also im ersten Jahr bereits einige Herausforderungen zu meistern. Nach der langen Zeit unter Alt-Direktor Dieter Kosslick ist ein Unterschied in der Auswahl spürbar. Die Liste der Stars fällt kürzer aus, kein Dauerfeuerwerk an großen Namen lenkt von den Bildern und Geschichten auf der Leinwand ab. Was das für ein internationales Publikums-Festival wie die Berlinale bedeutet, ist noch offen.


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