Halbherzig: „Der Zigeunerbaron“ an der Volksoper

Am Wiener Gürtel rückt man zur Ehrenrettung einer anrüchig gewordenen Ecke der Musiktheatergeschichte aus: Gestern, Samstag, Abend feierte Johann Strauß‘ „Zigeunerbaron“ Premiere, in der Regie von Operettenflüsterer Peter Lund, der dröge Stoffe schon mehrfach mit milden Modernisierungen ins Volksopern-Jetzt katapultiert hat. Für den „Zigeunerbaron“ hätte es wohl radikalerer Mittel bedurft.

Das Werk ist eine grandiose Hitschleuder, aber zwischen dümmlichem Plot, abgeschmackter Zigeunerromantik und unerträglicher Kriegsverklärung für heutiges Publikum eigentlich eine Zumutung. Dass man sich an der Wiener Fachklinik für schwer vermittelbares Operettenrepertoire der Herausforderung stellt, ist natürlich trotzdem grundrichtig.

Und tatsächlich: Peter Lund wählt einen gangbaren Weg der Zähmung - wenngleich mit vielen Kompromissen. Mit skurrilen Brechungen, Überzeichnungen und Zwischentönen entschärft er die ärgsten Momente politischer Inkorrektheit und ordnet sie mit augenzwinkernden filmischen Mitteln auch historisch notwendig ein. Das Textbuch hat er überarbeitet und eine Rahmenhandlung ersonnen, die nicht nur das plumpe Happy End gründlich relativiert.

Trotzdem verzichtet er nicht auf dankbare Klischees, Kostümrevue und Walzer-Hollodrio - die Flucht ins äußerst Wienerische „Leo“ der scheinbaren Unernsthaftigkeit. Das ist nachvollziehbar und kommt beim Premierenpublikum auch recht gut an. Die schweinsnasigen Choristinnen, die Kriegstreiber auf dem Pferdeskelett, der goldene Bilderrahmen als Wien-Szenenwechsel für die Bretterbühne - das sind nette Accessoires. Den schalen Beigeschmack dummseliger Vorgestrigkeit wird man so aber nur schwerlich los.

Insbesondere, wenn musikalisch jene ölige Herzhaftigkeit fehlt, die sonst beim Hinunterschlucken harter Operettenbrocken gerne behilflich ist: Von der Zigeunerin Czipra (Martina Mikelic) über ihre Tochter Saffi (Kristiane Kaiser) bis zum Schweinezüchter-Nachwuchs Arsena (Anita Götz) begegnen wir sehr possierlich herausgearbeiteten Frauen-Typen, die aber gesanglich zwischen forciert und unhörbar nicht zu überzeugen wissen.

Auch Lucian Krasznec als Barinkay und Kurt Rydl als Zsupan können den Abend trotz einiger guter Auftritte nicht schultern - und werden vom Orchester über viel zu weite Strecken geschluckt. Alfred Eschwe führt das Volksopernorchester zwar mit routiniertem Wiener Schmelz, aber völlig Esprit-befreit mit träge polternder Tempobremse durch die Partitur. Als Ohrwurm-Spender für Operetten-Galas und als Liederdekor für die Ballsaison eignet sich der „Zigeunerbaron“ ganz hervorragend. Eine überzeugende szenische Reanimation, die das Stück mutiger gegen den Strich bürstet, steht weiterhin aus.


Kommentieren


Schlagworte