Catherine Deneuve: Eine Diva im Paradies

In „Leben und lügen lassen“, seinem ersten französischen Film, feiert der japanische Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda die Kindheit, das Kino und Catherine Deneuve.

Catherine Deneuve, eine Ikone des französischen Kinos, gestattet sich als egozentrische Diva Fabienne Dangeville in Hirokazu Kore-edas „La Vérité – Leben und lügen lassen“ ein ironisches Spiel mit eigenen Karrierestationen – und als Kettenraucherin.
© Filmladen

Von Peter Angerer

Innsbruck – Ganz am Anfang interviewt ein Reporter die französische Diva Fabienne Dangeville (Catherine Deneuve) anlässlich des Erscheinens ihrer Memoiren „La Vérité“. Da sich die Fragen bald erschöpfen, greift der Journalist zum Kunstkniff der großen Frage: „Was werden Sie bei Ihrem Eintritt ins Paradies sagen?“

Wenn das große Licht erstrahlt, machen da Starallüren noch Sinn? Verfügt Gott über genügend Humor, einen weiteren Star zu ertragen? Aber wer möchte im Augenblick des Triumphs an den Augenblick des Todes denken? Glücklicherweise erscheint in diesem Moment Fabiennes Tochter Lumir (Juliette Binoche) mit ihrem US-amerikanischen Ehemann Hank (Ethan Hawke), der sich von kleinen Auftritten in TV-Serien ernährt. Charlotte (Clémentine Grenier), die Tochter der beiden, kann sich nur noch an den Geruch ihrer Großmutter erinnern und erfreut sich umso mehr an Großvater Pierre, der – von Fabienne in eine Schildkröte verwandelt – im Park des Schlosses der Großmutter lebt. Mit dieser magischen Eröffnung liefert der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda in „Leben und lügen lassen“ ein Glücksversprechen, das sich nur im Kino einlösen lässt.

Ein Hauptpreis bei den großen Festivals verwandelt einen Filmemacher schnell in einen Star-Regisseur mit der damit verbundenen Einladung ins Paradies, das natürlich in Hollywood liegt. Andererseits sind die Geschichten über Kinogastarbeiter, die dem Ruf von Ruhm und Reichtum nicht widerstehen konnten und aus dem Paradies vertrieben wurden, bittere Warnungen geworden.

📽️ Video | Trailer zu „La Vérité – Leben und lügen lassen“

Bereits 2013 erreichte Hirokazu Koreeda nach seinem Regiepreis in Cannes der erste Ruf nach Hollywood, denn der damalige Jury-Präsident Steven Spielberg sah in Kore-edas Umgang mit den Kinderdarstellern in „Wie der Vater, so der Sohn“ ein nie gesehenes Wunder, das ihn die eigenen Fähigkeiten vergessen ließ. Doch Kore-eda widerstand der Verführung, entschied sich für Frankreich.

Als er 2018 mit „Shoplifters” in Cannes die Goldene Palme gewann, hatte er das Drehbuch zu „La Vérité” (Originaltitel) im Gepäck. Kore-eda feiert, ohne das Französische zu beherrschen, in seinem Film die Kindheit, das Kino und vor allem Catherine Deneuve, die sich einem ironischen Spiel mit ihren eigenen Stationen in Leben und Karriere nicht verschließt.

Die Familienaufstellung borgt sich Kore-eda bei Billy Wilders „Sunset Boulevard“. Wie in Norma Desmonds Haushalt spachteln in friedlicher Eintracht Ex- und aktueller Ehemann Tiramisu, wie der Stummfilmstar hat auch Fabienne den Kontakt zur Realität vernachlässigt. Davon erzählen Auslassungen und Ausschmückungen in ihren Memoiren, in denen sich Verwandte oder Freunde nicht wiedererkennen.

Schlimmer wird die Eitelkeit der Beteiligten gekränkt, wenn sie überhaupt aus dem Leben der Diva getilgt wurden. Dabei ist Fabienne kein bösartiger Mensch. Wie für ihre Filme benötigt sie auch für das Leben ein Drehbuch und einen Text, den sie mit Gefühlen ausschmücken kann. Diese Erkenntnis könnte auch eine Diva mit Verbitterung erfüllen, der Hirokazu Kore-eda allerdings mit den Mitteln einer leichten Situationskomödie beikommt.


Kommentieren


Schlagworte