Brigitte Fassbaender: Das Timbre der tausend Farben

Brigitte Fassbaender erhält den „Nachtigall“-Preis der deutschen Schallplattenkritik.

Brigitte Fassbaender war von 1999 bis 2012 Intendantin des Tiroler Landestheaters.
© thomas boehm

Innsbruck –Ihr 80. Geburtstag im Juli 2019 hat Brigitte Fassbaender viel Wertschätzung beschert und noch immer erreichen sie Würdigungen. Der Trägerverein des renommierten Preises der deutschen Schallplattenkritik zeichnet die Sängerin, Regisseurin, Pädagogin und Ex-Intendantin des Tiroler Landestheaters (1999–2012) nun mit der „Nachtigall“ aus, einer von dem Künstler Daniel Richter entworfenen Bronze­skulptur. Sie wird vergeben an „herausragende Künstler, die unser Musikleben nachhaltig beeinflusst und zum Besseren gewendet haben – und noch wenden“. Der Termin der Überreichung wird erst bekannt gegeben.

Die groß besetzte Fachjury des Preises sichtet alle musikalischen Neuerscheinungen. Nach der Longlist werden die vierteljährlichen Bestenlisten destilliert und die ­Jahrespreise, Ehrenpreise sowie als Sonderpreis die Nachtigall verliehen.

Brigitte Fassbaender hat zahlreiche Interviews gegeben, zahllose ehrende Geburtstagsartikel bekommen und selbst ihre im Münchner C. H. Beck Verlag erschienenen Memoiren zum Jubeljahr beigesteuert. Ein wesentlicher Beitrag, weil sie ungeschminkt und offen auf ihr Leben und die Musikwelt blickt, aber auch Einblicke in Regiearbeiten gibt. Mehrere davon hat sie in Innsbruck verwirklicht.

Über 250 CD- und Schallplattenaufnahmen liegen gegenwärtig von Fassbaender vor, ein Großteil davon im Lied- und Konzertbereich. Unter den zahlreichen Preisen ragen die zwei Gramophone Awards von 1987 und 1992 heraus. Zum runden Geburtstag widmet ihr Warner Classics die CD-Box „Brigitte Fassbaender: The great Lieder recordings“ mit Liedern, Arien und Duetten von Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann, Johannes Brahms, Franz Liszt, Friedrich von Flotow, Hugo Wolf, Gustav Mahler und Alban Berg. Vertreten sind auch Dietrich Fischer-Dieskau, Nicolai Gedda,­ Lucia Popp, Anneliese Rothenberger, die Pianisten Irwin Gage, Aribert Reimann, Erik Werba und viele andere. Die „Nachtigall“-Jury beruft sich für die Auszeichnung auf diese Box: „Diese Edition präsentiert in hervorragender Weise die frühen Aufnahmen – darunter auch Fassbaenders erste Platteneinspielung überhaupt. Das Repertoire dieser Ausnahmesängerin ist sehr viel breiter, als es die ewige Konnotation mit der Oktavian-Partie im ,Rosenkavalier‘ vortäuscht. Es reicht von geistlicher Musik, Bach und Händel, bis an die Grenzen der Moderne, Berg und Schönberg. Aber auch die Iokaste in Enescus ,Oedipe‘ hat sie gesungen, an der Seite von Nicolai Gedda, auch die ,Winterreise‘ von Schubert, Operetten und ­Zigeunerlieder.“

Da ist aber auch die großartige „Brigitte Fassbaender Edition“ der Deutschen Grammophon, ebenso gültig bleibend mit Schuberts „Schöner Müllerin“ und „Schwanengesang“, mit Liedern von Loewe, Schumann, Wolf, Liszt, Strauss, Dvorák, Brahms, Mussorgsky, Mahler und Schönberg, mit Opernausschnitten von Mozart, Verdi, Wagner und anderen, mit großartigen Pianisten und Dirigenten.

Da ist diese unvergleichliche Stimme, das Timbre der tausend Farben, die so subtile, tiefe Herangehensweise, intensiv erfahrbar gerade im Lied. Dieses sich mit Haut und Haar der Kunst – die gewiss nicht immer eine holde ist – ergebende Singen, risikoreich, fesselnd. Das kann, immerhin noch via Tonträger, süchtig machen, doch dann ruft auch wieder die Gegenwart.

Denn vor Brigitte Fassbaender liegt auf dem Regiepult Wagners „Ring des Nibelungen“ für die Tiroler Festspiele Erl, mit der „Rheingold“-Premiere im Juli 2021. (u.st.)

Memoiren Brigitte Fassbaender: „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus.“ C. H. Beck, 281 Seiten, 27,80 Euro. CD-Box Brigitte Fassbaender: The great Lieder recordings. 8 CDs. Warner Classics. CD-Box Brigitte Fassbaender: The Brigitte Fassbaender Edition. 11 CDs. Deutsche Grammophon.


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