„Die Känguru-Chroniken“: Kampf um die Berliner Berge

Dani Levy verfilmt mit „Die Känguru-Chroniken“ Marc-Uwe Klings absurde Bestseller-Miniaturen über ein kommunistisches Beuteltier in Berlin.

Freunde bis zur Revolution: Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) ist Anarchist „mit Migräne-Hintergrund“, das Känguru schlagfertiger Kommunist.
© Filmladen

Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Berge gibt es auch in Berlin. Besonders beliebt sind dort der Prenzlauer und der Kreuzberg. Dummerweise lockt die Gentrifizierung auch böse Immobilienhaie an, die die Idylle in der Welthauptstadt der hedonistischen Coolness zusehends kaputt machen. Das bekommt auch der Möchtegern-Künstler „mit Migräne-Hintergrund“ Marc-Uwe zu spüren, als ihn der Lärm der Baumaschinen aus dem süßen Nichtstun reißt.

Lebemann Marc-Uwe (Gorki-Theater-Star Dimitrij Schaad) wohnt in einer unfreiwilligen Wohngemeinschaft mit einem sprechenden Hausbesetzer-Känguru, das sich bei ihm eingenistet hat. „Mein, dein, das sind doch bürgerliche Kategorien“, befindet das Beuteltier. Es sei nämlich Kommunist. Marc-Uwe tendiert eher zum lethargischen Anarchismus: „Bis zur Revolution können wir Freunde sein, danach wird es schwierig.“

Das vorlaute Känguru aus dem Computer (mittels Bewegungserfassung von Komödiant Volker Zack gespielt) ist definitiv gewöhnungsbedürftig und trotz selbstbewussten Auftretens anfangs etwas bemüht. Wer dieser irrwitzigen Idee aber vertraut, bekommt in 93 flotten Filmminuten viel Situationskomik serviert.

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Als Bösewicht dieser absurden Geschichte glänzt Henry Hübchen. Er ist nicht nur Immobilien-Spekulant mit drei Porsches, sondern auch korrupter Politiker der rechtspopulistischen „Alternative zur Demokratie“ (AZD). Statt Kreuzberger Kiez soll ein National-Tower entstehen. Gut, dass die nette Nachbarin Maria (Rosalie Thomass) als Hackerin bei der antifaschistischen Gegenaktion, einer bunten Berliner Nebenfiguren-Truppe, mitmacht und dass das Känguru gut boxt.

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Politische Theorie und Gentrifizierungs-Kritik werden zu harmlos-heiterem Humor verarbeitet. Damit landete der Autor und Kabarettist Marc-Uwe Kling mehrere Bestseller, mit seinem in mittlerweile vier Bücher gegossenen Känguru-Podcast.

Das Känguru hat in gewissen Kreisen Kult-Status. Als 2018 die Hörbuchfassung bei der Hausdurchsuchung bei linken Globalisierungsgegnern beschlagnahmt wurde, kam das Känguru zu politischen Ehren. Nun legt der Schweizer Komödien-Experte Dani Levy („Alles auf Zucker!“, „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“) eine vergnügliche Verfilmung vor. Zitat: „Wir wollten keinen hochglänzenden, niedlichen Animationsfilm drehen, sondern versuchen, die eigenwillige und raue Vorlage entsprechend kantig auf die Leinwand zu bringen, als ungehobelter, unerzogener Film gegen Nazis, Rechtspopulisten und die Zerstörung der Städte.“

Kling, der sein Känguru mit nerviger Stimme selbst synchronisiert, und Regisseur Levy beweisen gutes komödiantisches Timing. Die Schwierigkeit liegt darin, die Kurzgeschichten und Episoden zu einer kohärenten Filmhandlung zusammenzubauen. Das gelingt nicht durchgehend. Die alleinstehenden Kabarett-nummern, wie die mit dem Wiener Therapeuten (Paulus Manker), sind dennoch witzig. Zurückspul-Gags lockern das Ganze zusätzlich auf.

Fazit: Eine vergnügliche Berliner Großstadt-Komödie, die wenig von der typisch bundesdeutschen Schwere mitbringt.


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