ÖSV-Damenchef Mitter: „Es ist nicht unsere Entscheidung“

Krisenstimmung, Absagen-Flut, Coronavirus und die Heldinnen aus der zweiten Reihe: Vor dem rennfreien Wochenende spricht ÖSV-Damenchef Christian Mitter im TT-Interview über eine durchwachsene Saison.

Der ÖSV-Rennsportleiter der Damen Christian Mitter – im Bild mit Katharina Gallhuber – blickt auf einen schwierigen ersten Winter.
© gepa steiner

Die Rennen am Wochenende im deutschen Ofterschwang wurden ersatzlos gestrichen – wie groß ist die Enttäuschung darüber, dass nicht einmal ein Ersatzort gefunden wurde?

Christian Mitter: Es ist eine riesengroße Enttäuschung. Aber mit der Unsicherheit rund um das Coronavirus war es eine schwierige Situation, noch einen Ort zu finden. In der Schweiz darfst du nichts austragen – Italien kämpft mit Cortina d’Ampezzo schon mit seinem eigenen Rennen. Österreich hatte seine Ersatzrennen ja schon mit Saalbach statt den China-Rennen. Und du kannst auch nicht immer nach Österreich ausweichen, auch wenn die Bereitschaft da ist. Schweden hat in Aare seine eigenen Rennen, Norwegen in Kvitfjell auch. Es sind einfach die Plätze ausgegangen für Ersatz-Rennen.

Davor wurden schon die Abfahrten in Val d’Isère und Sotschi abgesagt, die Sie beide für fahrbar gehalten haben. Wie durchwachsen ist die Saison mit Klima und FIS-Entscheidungen?

Mitter: Es waren alle Entscheidungen am Limit, aber sie gehen in Ordnung. Die FIS macht da schon einen guten Job. Ich bin halt einer, der für das Fahren ist. Ich sehe es oft anders als die FIS. Aber das ist keine Kritik. Wir müssen den Leuten, die die Entscheidung treffen, auch vertrauen. Nur vom Wetter her ist die Saison sicher sehr durchwachsen.

Nun befürworten viele ein Ende des Ski-Weltcups aufgrund des Coronavirus – würden Sie ein solches Ende auch gutheißen?

Mitter: Nein. Ich will fahren. Wir haben dann eh mehr als ein halbes Jahr kein Rennen mehr. Aber es ist nicht unsere Entscheidung, da gibt es Experten. Wenn die italienischen Behörden sagen, es geht nicht, spielt meine Meinung keine Rolle. Da geht es dann um eine wichtigere Sache.

Im Endeffekt wird es eine Saison ohne kleine Kugel im Weltcup für die ÖSV-Damen, einzig Katharina Liensberger hat im Slalom noch eine Chance. Unterm Strich eine Enttäuschung?

Mitter: Klar, das wollen wir nicht. Momentan herrscht auch eine Krisenstimmung, und deshalb vergisst man oft, dass wir jetzt einen ziemlich guten Lauf hingelegt haben. In den letzten sieben Weltcup-Rennen waren wir sechsmal am Podium, davon ein Sieg. Vom Garmisch-Super-G weg war nur eine Siegerehrung ohne uns. Das war sicher okay. Es wäre daher noch umso blöder, wenn die Saison jetzt schon zu Ende wäre, weil wir gut drauf sind. Aber man muss sagen: Die Saison war sicher durchwachsen.

Sie haben die jüngsten Leistungen von Nina Ortlieb (Sieg La Thuile) oder Franziska Gritsch (Kombi-Zweite Crans Montana) angesprochen. Einer Krisenstimmung können Sie also nichts abgewinnen, oder?

Mitter: Einzelne Läufer sind sicher in der Krise. Oder zumindest in einem Wellental. Und das sind genau die Läuferinnen, die die letzten Jahre gewonnen haben. Deswegen sieht es mit den Kugeln auch schlecht aus. Aber man darf nicht vergessen: Wir haben acht Läuferinnen, die heuer ihr bestes Resultat erreicht haben. Ich möchte nicht alles schönreden, aber für die war das eine Supersaison. Nur die Leistungsträger haben nachgelassen – und daraus ist eine negative Stimmung entstanden, die es so nicht gibt.

Sie sprechen von Ramona Siebenhofer oder Nicole Schmidhofer, die im Vorjahr sicher stärker waren?

Mitter: Ramona ist sicher eine, die man aus dem Wellental rausführen muss. Aber die Frage ist: Wieso haben die Leistungsträger heuer ausgelassen? Ich denke, wir erleben heuer einen Umbruch im Team. Die Läuferinnen aus der zweiten Reihe sind stärker geworden, haben sich in die Auslage gefahren. Wenn die vorderen das Gas finden, haben wir ein starkes Team.

Der Gesamtweltcup wird vielleicht durch das Fehlen von Mikaela Shiffrin wegen des Todes ihres Vaters entschieden. Wirft das einen Schatten auf die Kugel?

Mitter: Nein, das sehe ich nicht so. Drei Tage später schaut keiner mehr darauf, wer dabei war und wer nicht. 2016, als Lara Gut gewonnen hat, waren unter anderem Lindsey Vonn, Anna Veith und Tina Maze verletzt. Das wäre, wie wenn ich bei den Herren sage, das zählt heuer nix, weil Marcel Hirscher weg ist.

Apropos Herren – mit Aleksander Aamodt Kilde und Henrik Kristoffersen kämpfen zwei um die große Kugel mit, die Sie als Trainer in Norwegen über viele Jahre vom Europacup in den Weltcup begleitet haben.

Mitter: Das ist sehr spannend. Und sie haben sich das gegenseitig so spannend gelassen, weil Henrik viel ausgelassen hat. Kilde fährt eine ganz starke Saison. Super, dass es so ein Dreikampf ist – und es ist super für den Skisport, dass jetzt mit Kilde ein Speed-Fahrer mit dabei ist.

Kilde ist der Athlet, den Sie in Norwegen am längsten betreut haben. Was macht ihn heuer so stark?

Mitter: Kilde ist ein unheimlicher Allrounder. Den habe ich als Cheftrainer damals vom Europacup weg bis in den Weltcup in der Technik-Gruppe gelassen, erst danach hat er gewechselt. Er ist in allen Disziplinen konkurrenzfähig, ein unheimlicher Athlet und Multitalent. Es würde mich freuen, wenn er das heuer gewinnt.

Das Gespräch führte Roman Stelzl


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