Albertina-Direktor Schröder im Interview: „Wir sind keine Trendsetter“

Kommende Woche eröffnet Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder die Albertina modern in Wien. Ein Gespräch über Gegenwartskunst und ihre Ansprüche.

Seit 1999 steht Klaus Albrecht Schröder an der Spitze der Albertina.
© Albertina

Von Ihnen stammt die Aussage „Wien verträgt mehr Gegenwartskunst“. Wie ist das gemeint?

Klaus Albrecht Schröder: In den letzten Jahren hat tatsächlich ein dramatischer Schwenk zur Kunst unserer Zeit stattgefunden. Die Alten Meister brechen in puncto Relevanz mehr und mehr weg, mit einigen Ausnahmen. Das Junge wird immer jünger und das Alte wird immer schneller veraltet. Dazu kommt, Globalisierung hat auch vor der Kunst nicht Halt gemacht, was in verschiedenen Ländern, Strömungen, Künstlergruppen stattfindet, kann keine Institution alleine mehr abbilden. Daher ist es wichtig, dass in einer Zeit, in der die zeitgenössische Kunst derart an Bedeutung gewinnt, Wien sich als Museumsstadt unserer Zeit darstellt.

Das klingt aus dem Mund von jemandem, der gerade eine erfolgreiche Dürer-Ausstellung gemacht hat, doch verwunderlich.

Schröder: Und dennoch ist es ein Faktum. Als ich vor zwanzig Jahren Rudolf und Jakob von Alt oder andere Künstler des 19. Jahrhunderts gezeigt habe, hatten wir bis zu 300.000 Besucher, heute bekommen wir dafür höchstens 60.000 – so sehr hat sich die Besucherstruktur mit dem Interesse für die Gegenwart verändert. Auch die Albertina ist im Bereich der Gegenwart am dynamischsten gewachsen.

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Kommende Woche eröffnen Sie deshalb auch die Albertina modern.

Schröder: Und auch dort will die Albertina ihrem Anspruch, den Kanon der Kunstgeschichte zu zeigen, gerecht werden. Wir sind nicht Trendscouts, nicht Trendsetter, zeigen nicht etwas, das übermorgen schon alt ist. Ebenso wichtig ist uns auch der didaktische Anspruch: Bei uns wird man nicht nur relevante Kunst sehen, sondern auch etwas lernen.

Thematisch gibt es dennoch Schnittmengen mit dem Belvedere oder dem mumok. Wie wird sich die Albertina modern unterscheiden?

Schröder: Diese Institutionen haben einen anderen Anspruch. Objekte werden hier als installatorische Erlebnisse gezeigt – das ist auch schön und interessant. Das Publikum hat aber ein Recht, etwas zu erfahren. Dass wir die Besucher an der Hand nehmen und den Erklärungsbedarf bei der Gegenwartskunst anerkennen, wird uns von anderen unterscheiden.

Wird die Albertina 2 den Kanon auch hinterfragen?

Schröder: Wir beginnen in der ersten Ausstellung „The Beginning“ bei der Stunde null nach 1945 und betrachten die Kunst bis 1980. Etliche Richtungen standen sich in dieser Zeit quasi diametral gegenüber – eines haben sie aber gemeinsam: Sie schotten sich ab von diesem Ideal des Nationalsozialismus. Wir werden von den rund 80 wichtigsten Künstlern der Zeit 70 zeigen. Und präsentieren auch zehn unbekannte, von denen man verstehen wird, wieso wir sie zum Kanon zählen. In der zweiten Ausstellung wird österreichische Kunst internationalen Positionen gegenübergestellt. Das wird zeigen: Die österreichische Kunst wurde lange Zeit weit unter Wert geschlagen, die österreichische Kunst braucht endlich eine Plattform.

Welche Unbekannten dürfen wir erwarten?

Schröder: Robert Klemmer, Robert Lettner, Erwin Thorn, Cornelius Kolig, Marc Adrian – sie sind der großen Masse unbekannt. Es sind also noch Entdeckungen zu machen.

Wie wird der neue Standort das Programm des Haupthauses ändern?

Schröder: Es wird sich gar nicht ändern. Ich werde im Stammhaus weiterhin zeitgenössische Kunst zeigen und Retrospektiven. Ebenso wie die Alten Meister oder die klassische Moderne – heuer mit Picasso und Modigliani.

Albertina bleibt also Blockbuster?

Schröder: Ich lehne den Begriff Blockbuster zutiefst ab. Ich möchte einen Raffael nicht mit einer Bombe vergleichen. Aber ja, die Aufgabe der Albertina ist, die großen Meister zu zeigen. Wir sind das einzige Museum in Mitteleuropa, das einen Modigliani besitzt. Natürlich muss er gezeigt werden.

Ihre grafische Sammlung gehört zu den wichtigsten weltweit: Hat die Grafik an Stellenwert verloren?

Schröder: Die Gegenwart hat großes Interesse an der Grafik. Nur weil aber ein Künstler wie Robert Longo den Kohlestift verwendet, macht ihn das nicht zu einem Zeichner. Er ist einfach Künstler. Wir zeigen Zeichnung nicht isoliert von anderen Kunstgattungen und beharren auf der Unteilbarkeit des Künstlerischen. Dadurch besucht das Kunstpublikum Zeichnungsausstellungen genau wie andere, sie erleben sie nicht als Minderheitenprogramm. Diesen Paradigmenwechsel herbeizuführen, war ein Kunststück, das mir gelungen ist.

Tirol probiert sich gerade am Kunststück, das Ferdinandeum zu einem Haus der Kunst zu machen. Wie würden Sie diese Aufgabe angehen?

Schröder: Ich glaube nicht, dass der Kollege Peter Ass­mann von mir einen Rat braucht. Ich als naiver Innsbruck-Besucher könnte mir aber vorstellen, dass bei der Rolle, die Innsbruck und Tirol im Tourismus insgesamt spielen, eine Internationalisierung des Programms ein Weg sein könnte, neue Besucherschichten anzusprechen.

Pop Art aus der Albertina ist derzeit in Linz zu sehen. Könnten Sie sich das auch in Tirol vorstellen?

Schröder: Selbstverständlich. Die Albertina ist für Kooperationen jederzeit offen.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner

Ab 13. März ist die Albertina modern im Künstlerhaus und ihre erste Ausstellung „The Beginning. Kunst in Österreich 1945–1980“ zugänglich.
© Albertina

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