Brus-Schau im Kulturforum New York eröffnet

Das Austria Kulturforum New York steht im Frühling im Zeichen des Steirischen Panthers und der Freiheit. Die Schau „Freedom will have been an episode“ vereint Werke des gebürtigen Steirers, Ex-Aktionisten und Polyartisten Günter Brus mit Arbeiten junger steirischer Kollegen. Im Zentrum der am Donnerstag eröffneten Ausstellung steht der Stellenwert der Freiheit in Kunst und Gesellschaft.

Die Idee zur Ausstellung sei im Jahr 2018 bei einem Treffen mit Michael Haider, dem Leiter des Austrian Cultural Forums New York (ACFNY) entstanden, erklärte Kulturlandesrat Christopher Drexler (ÖVP) bei der Ausstellungseröffnung. Drexler war mit einer Delegation aus steirischen Kulturschaffenden und Journalisten angereist. Mit der Ausstellung im Kulturforum New York wolle man aufstrebenden steirischen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit zur Vernetzung über Ländergrenzen hinaus geben, erklärte der Landesrat. „Er hat die fantastische Kooperation eingeleitet, die wir jetzt mit dieser Ausstellung krönen können und weiter vertiefen wollen,“ streute wiederum der Leiter des ACFNY dem Kulturlandesrat Rosen. „An so einer Art von Kooperation sind wir sehr interessiert“, erwiderte Drexler.

Die Schau im ACFNY wurde vom Universalmuseum Joanneum und dem Bruseum in Graz konzipiert. Sie solle zum Nachdenken über „einen schleichenden gesellschaftlichen Umbruch“ anregen, erklärte Kurator Roman Grabner vom Bruseum anlässlich der Eröffnung am Donnerstagabend (Ortszeit). Diese Umwälzung hat der in Berlin lebende Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han in seinem Essay-Band „Psychopolitik“ (2014) als „Krise der Freiheit“ bezeichnet und in diesem Zusammenhang auch auf das Episodenhafte der Freiheit verwiesen. Aus seiner Sicht stelle sich ein Gefühl der Freiheit „im Übergang von einer Lebensform zur anderen“ ein, bis sich diese selbst als Zwangsform erweist.

So könne sich der Mensch im 21. Jahrhundert zwar in Freiheit wähnen, aber auch hier folge auf die Befreiung eine neue Unterwerfung: Heute unterwerfe man sich etwa inneren- und Selbstzwängen in Form von Leistungs- und Optimierungszwang: Am Ende dieses Überganges wird die Freiheit nur ein Zwischenstück, also eine Episode, gewesen sein, wie Byung-Chul Han prophezeit.

Günter Brus (geb. 1938) hat das Leid an den gesellschaftlichen Regeln und Zwängen der späten 1960er-Jahre, aber auch an der physischen Verletzlichkeit und Ausgesetztheit in seinen drastischen Aktionen thematisiert. Zugleich hat er die geltenden künstlerischen Konventionen auf den Kopf gestellt, indem er seinen Körper zum Medium der Kunst erklärte. „Ich hab aus innerem Zwang heraus auf den Zwang reagiert“, sagte Brus im Gespräch mit der APA im Vorfeld der Ausstellung. Bei der Eröffnung war der über 80-Jährige auf Anraten seiner Ärzte nicht anwesend.

„Mit meinen Ideen bin ich im Nachkriegsösterreich auf heftigen Widerstand gestoßen, selbst in der Kunst haben ja die meisten einen Mittelweg gesucht. Der Aktionismus war zur rechten Zeit am rechten Ort. Heute würd‘ sich niemand mehr an meinen Aktionen stören. Heute hat der Künstler jede Freiheit und der Aktionismus ist Geschichte“, blickte Brus auf seine Aktionen zurück. Bei seiner letzten selbstverletzenden Aktion in München 1970, die er „Zerreißprobe“ nannte und bei der er sich blutend am Boden wand, war auch für ihn die Grenze erreicht. „Ich habe eingesehen, dass es einen Endpunkt für meine Arbeiten geben musste“, erinnerte sich Brus.

Die Ausstellung in New York startet mit Fotos von der legendären Aktion „Wiener Spaziergang“ (1965), in der Brus sozusagen als lebendiges Gemälde in den öffentlichen Raum vordrang. Weiters sind im Obergeschoß Aktionszeichnungen von Brus aus den 1960er-Jahren sehen. Der Künstler zeigt darin verstümmelte und aufgeschlitzte, verkabelte Körper in verglasten Räumen mit Mikrofonen, in denen das Individuum einer absoluten Überwachung ausgeliefert zu sein scheint. „Seine Figuren sind Gezeichnete, nicht nur mit dem Bleistift auf Papier, sondern auch von den Zwängen der Gesellschaft, den Forderungen an sich selbst und der Unbarmherzigkeit der Zeit, die ihre Spuren und Narben auf den Körpern hinterlassen haben“, umriss Grabner. Laut dem Grazer Experten habe Brus mit diesen Arbeiten die Entwicklungen der Gesellschaft um fast fünf Jahrzehnte vorweggenommen.

In der Ausstellung werden die Werke von Brus mit Arbeiten von vier jungen steirischen Künstlern bzw. Kollektiven konfrontiert. Sie haben vor Ort subtile Werke entwickelt, die ein anschauliches Lagebild vom Status der Freiheit in der Kunst und Gesellschaft geben. Unübersehbar zieht sich etwa im Stiegenhaus eine feingliedrige Zeichnung der Künstlerduos Marleen Leitner und Michael Schitnig (Studio Asynchrome) als raumgreifende Installation vom Erdgeschoß bis in den ersten Stock.

Die Einflussnahme auf das Alltagsverhalten durch kaum merkliche Interventionen, Lenkungsmaßnahmen durch unauffällige Kontrolle und Steuerungsmethoden thematisiert das Künstlerduo Zweintopf (Eva und Gerald Pichler) in seiner Installation im Keller des Hauses. Zu sehen ist die Arbeit „Fencing IV“ aus elektrifizierten Metallstangen, die unter Strom gesetzt werden können und in der Viehzucht dazu dienen, Rinder in ihren Bewegungen im Raum zu steuern.

Josef Wurm lässt in seinen titellosen Blättern in Mischtechnik in das Innerste menschlicher Körper blicken. Beim Blick auf die verstümmelten, aufgeschlitzten Leiber drängen sich Assoziationen zu Sektionsschnitten einer Obduktion zur Rekonstruktion des Sterbevorgangs auf. Die Blicke „unter die Oberfläche“, wie es Grabner bezeichnete, können als Wunsch, etwas an der bisherigen Verfasstheit ändern zu wollen, ausdrücken.

Ausschließlich auf den Eröffnungsabend war die Performance von Evamaria Schaller beschränkt. Einer Ariadne gleich hat sie den Besuchern zuvor einen Faden gelegt, um den Weg aus einem vorgegebene Ordnungssystem zu finden. Doch die Geste blieb von den Vernissagebesuchern unerwidert. Ein an die Grenzen des Erträglichen gehender Akt der Selbstzüchtigung, in dem die Künstlerin durch Schläge ihren eigenen Körper malträtierte wird sich tief in die Erinnerung so mancher Zuseher eingegraben haben.


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