John Malkovich im Konzerthaus: Kritik der Kritik der Kritik

Es ist eine Kritik mindestens dritter Ordnung, die die Rückkehr von Filmstar John Malkovich im Wiener Konzerthaus erfordert: „The Music Critic“, aufgeführt am Samstagabend, ist eine amüsante Abrechnung mit der Zunft des Kritikers, mit der Vermessenheit der veröffentlichten verbalen Vernichtung. Aber wie das Konzertbusiness so spielt: Auch die Kritik der Kritik bekommt eine Kritik.

Für seinen erneuten Besuch in Wien - nach musikalischen Auftritten als Jack Unterweger, als Casanova und als Diktator - hat sich der bekennende Musikliebhaber Malkovich bereits 2017 mit dem virtuosen Musikkabarett-Duo Aleksey Igudesman (Geige und Konzept) und Hyung-ki Joo (Klavier) zusammengetan. Die Idee des international schon mehrfach gespielten Abends ist so einfach wie bestechend: Während ein Klavierquintett in wechselnden Besetzungen Musik großer Meister darbietet, liest Malkovich mit leicht angeekelter Miene und professoralem Duktus aus den fiesesten Verrissen ihrer damaligen Zeitgenossen.

Da wirft Beethoven mit „abstoßenden Harmonien“ wahllos „Tauben und Krokodile“ zusammen, Brahms kreiert „Unschönheit“, die - immerhin laut Friedrich Nietzsche - nur die „Melancholie der Impotenz“ anzusprechen vermag, Chopin löst mit seiner „bizarren Originalität“ ein „ungesundes Streben nach Lärm“ aus und Schumann hat „in einer bösen Stunde“ beschlossen, sich statt der Musikkritik der eigenen Komposition zu widmen.

Auch zeitgenössische Komponisten bekommen ihr Fett ab - neben Igudesman selbst, dem Malkovich einen kleinen Einblick in die Kommentare zu seinen YouTube-Videos Malkovich gibt, auch der heuer verstorbene Gija Kantscheli, dem sowohl „Guardian“ als auch „Times“ im Jahr 2008 bescheinigten „Musik für eine Shampoo-Werbung“ beziehungsweise ein „big fat nothing“ produziert zu haben. (Kantscheli, erzählt Malkovich am Ende, wählte die bösen Texte selbst für das Projekt aus.)

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Garniert wird der neben Igudesman, Joo und Malkovich von So-Ock Kim, Max Baillie und Tanja Tetzlaff musikalisch souverän bestrittene Abend mit Anekdoten: von Kritikern, die offenbar gar nicht im Konzert waren (und daher die krankheitsbedingte Absage verpassten) oder von CD-Rezensenten, die ein und dieselbe Aufnahme unter verschiedenen Namen mit gänzlich konträren Urteilen bedachten. Zu guter Letzt liest Malkovich mit erhobenem Zeigefinger und unter eisiger Beleuchtung einen Artikel über einen seiner eigenen Auftritte in Istanbul, in der vom Kritiker gefordert wird, Malkovich möge in Zukunft kein türkisches Visum mehr ausgestellt bekommen.

Die Fehlbarkeit der Musikkritik nachzuweisen, ist auf diese Art natürlich nicht besonders schwer. Kritiker irren sich, sind mitunter kleinkariert und selbstgefällig - und haben keine Chance, es zu verbergen. Je vehementer die Meinung, desto mehr exponiert sie sich der Verfehlung. Es ist aber kein Zufall, dass die stärksten Momente des Abends jene der bösesten Pointen sind, die jeweiligen Höhepunkte der Beleidigung. Weil sie witzig sind und absurd und expressiv. Weil sie die Geschichte der Musik aus einem leicht schrägen, aber sehr gut dokumentierten Blickwinkel erzählen. Und weil mitunter viele kleine Wahrheiten unter einer großen Bosheit verborgen sind. So gerät die beißende Kritik an der Kritik hier auch zu ihrer unfreiwilligen Würdigung. Soll schon öfter vorgekommen sein.


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