„Drei Winter“ im Westbahntheater: Bohrende Fragen einer verdrängten Geschichte

„Drei Winter“ von Tena Štivicic im Innsbrucker Westbahntheater. Eine zupackende Familiensaga im Spiegel des Zerfalls Jugoslawiens.

Wort- und gestenreich, letztlich aber ratlos. Familienoberhaupt Vlado (Hans Danner) ist beim Familientreff um Erklärungen bemüht.
© Tauber

Von Markus Schramek

Innsbruck – Ein fröhliches Liedchen wird man nach diesem Theaterabend nicht auf den Lippen haben. Eher hämmert sich am Nachhauseweg Bruce Springsteens verzweifeltes Anti-Kriegslied „War“ durch die Gehirngänge. Denn „Drei Winter“, ein Stück der aus Kroatien stammenden Dramatikerin Tena Štiviˇcić, ist aufwühlend, direkt, drastisch. Ein größeres Kompliment als diese Attributsammlung könnte man dem Team des Westbahntheaters gar nicht machen. Die Inszenierung von Luka Oberhammer, am vergangenen Samstag erstmals zu sehen, hinterlässt tiefe Spuren in der Gefühlswelt der Betrachter.

Die jüngere Geschichte Jugoslawiens bietet reichlich Stoff zur künstlerischen Auseinandersetzung. Dazu hätte es nicht der aufgeflammten (nobelpreisbedingten)Debatte über Peter Handkes Wortspenden zum Balkankonflikt der 90er-Jahre bedurft. Im Fall von „Drei Winter“ fungieren markante Jahreszahlen als historische Wegweiser: das Kriegsende 1945, der sich anbahnende Zerfall der jugoslawischen Föderation 1990 und das Jahr 2011, als sich Kroatien, als zweite ehemalige Teilrepublik nach Slowenien, in Richtung EU-Beitritt aufmachte.

Szenen und Handlungsfäden wechseln fließend zwischen diesen Epochen, doch keine Bange: Es bereitet wenig Mühe, den Zeitsprüngen zu folgen. Die gerade aktuelle Jahreszahl, grellrot im Hintergrund eingeblendet, beseitigt überdies letzte Zweifel.

Wer hat im Laufe der letzten Jahrzehnte mit wem gepackelt, privat wie politisch, wer stand auf wessen Seite? Belastende Fragen wie diese bleiben liegen, über Generationen, geradeso wie die hingestreuten Habseligkeiten auf der Bühne. Eine gute Gelegenheit zur gegenseitigen Auf- und Abrechnung bietet sich, als sich eine ganze Sippe unter dem Dach des Elternhauses in Kroatien einfindet, eine Tochter zu vermählen.

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Apropos Dach: Bewohnen die Eheleute Vlado und Masha ihre Bleibe rechtmäßig? Wie ist sie nach dem Krieg in den Besitz der Familie gelangt? Die beiden Töchter Lucija (im Hochzeitsfieber) und Alisa (ins Ausland abgewandert) haben dazu unterschiedliche Ansichten.

Die Darsteller haben viel Stoff zu schultern, ihre Spielfreude bleibt trotz der (Über-)Länge des Stücks intakt. Neben Hans Danner (als Vlado) gelingen Verena Rosenauer (als Masha) sowie den beiden Töchtern, Veronika Schmidinger als Lucija und Andrea Praxmarer als Alisa, besonders starke Szenen.

Doch soll das nicht die Gesamtleitung schmälern: Ein Schauspielerensemble aus Profis und Laien hat sich an ein hochkomplexes Stück herangewagt. Das kann schmerzlich ins Auge gehen. In diesem Fall aber kann man nur den Hut ziehen.


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