Lernen in der besetzten Zone von Israel und Palästina

Ein Bericht über die Mitarbeit am kirchlichen Programm EAPPI in Palästina und Israel.

Szenen eines Alltags im Ausnahmezustand. Was bedeutet Kindsein und Bildung im Westjordanland? Palästinensische, israelische und internationale Friedensinitiativen bemühen sich auf unterschiedliche Weise um Entspannung. Ein Einblick.
© Finkenstedt

Von Christl Finkenstedt

Mehr als 200 nach internationalem Recht illegitime Siedlungen hat die israelische Regierung im Lauf von 52 Jahren Besatzung im Westjordanland gebaut. Dominant oben auf strategisch günstigen Hügeln sind sie eine ständige Kränkung und auch Quelle von Aggression für die palästinensischen Bewohner der Westbank, deren Land damit enteignet wurde.

Szenen aus dem Alltag.
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Mit Schikanen, eingeschlagenen Fensterscheiben, ausgebrannten Autos und vermüllten Wasserreservoirs machen zudem die Siedler*innen ihre Überlegenheit deutlich, kommt es zu Auseinandersetzungen, werden sie von den israelischen Streitkräften geschützt.

Erwachsene, vor allem aber Kinder leiden unter dieser Atmosphäre ständiger Anspannung, die viele ihrer Aktivitäten, auch den Zugang zu Bildung beschränkt, oft sogar gefährlich macht. Unbeschwerte Kindheit schaut jedenfalls anders aus.

Christl Finkenstedt: Die langjährige ORF-Journalistin war heuer EAPPI-Teilnehmerin. Das Programm unterstützt gewaltfreie Beziehungen und dokumentiert Menschenrechtsverletzungen. E-Mail: christl.finkenstedt@outlook.com
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Palästinensische, israelische und internationale Friedensinitiativen bemühen sich seit Langem auf unterschiedliche Weise um Entspannung. Eine davon ist EAPPI (Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel), ein Begleitprogramm zur Unterstützung gewaltfreier Beziehungen, initiiert vom Ökumenischen Rat der Kirchen. Die Teilnehmer*innen dieses Programms kommen aus der ganzen Welt. Sie beobachten Menschenrechtsverletzungen und geben die Daten an internationale Organisationen weiter.

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Wir waren ein Dreierteam, eine Schweizerin, ein Brite und ich, die Frau aus Österreich. Zu unseren Aufgaben gehörte der „Schoolrun“, d. h. wir begleiteten, kenntlich gemacht durch eine Weste mit Aufdruck „EAPPI“, dreimal in der Woche Kinder und Jugendliche auf dem Weg zur Schule. Mädchen mit und ohne Hijab, dem traditionellen Kopftuch, sind da unterwegs, gesetzliche Bekleidungsvorschriften gibt es also nicht, Burschen mit frech gestylten Stehfrisuren. Bei einer Abzweigung parkt ein Militärjeep der israelischen Streitkräfte, vier Soldaten klettern heraus, voll aufmunitioniert. Als unübersehbare Vertreter der Staatsgewalt sollen sie sich laut ihren Richtlinien präsentieren, sie wirken aber eher gelangweilt, Burschen, nicht viel älter als die, die gerade am Schulweg sind. Drei Jahre dauert ihre Wehrpflicht in Israel, zwei Jahre für Frauen. Oft seien die Soldaten auch im Gebüsch oder einem Haus neben der Straße versteckt, erzählen uns die Kinder. Ihre Aufgabe ist es, die israelischen Siedler zu schützen, die auf der stark frequentierten Straße mit hoher Geschwindigkeit vorbeirasen und dabei gelegentlich auch mit Unrat oder Steinen nach den Schüler*innen werfen. Wenn sich dann vor allem die Buben provoziert fühlen, sich mit Steinwürfen auch in Richtung der Soldaten revanchieren, klappt die Falle zu. Mit verbundenen Augen stundenlang, bewacht vom Militär, am Straßenrand stehen müssen, ist dann noch die harmloseste Art der Bestrafung.

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Steine und der Terror

Für diesmal aber keine besonderen Vorkommnisse, und während die letzten Spätzünder gerade noch rechtzeitig beim Schultor ankommen, beenden wir unseren „Schoolrun“ mit einer Tasse Kaffee im Büro des Direktors Dr. Mohammed Assad der As-Sawija Schule im Bezirk Nablus. 500 Buben und acht Mädchen, die sich für die spezielle naturwissenschaftliche Ausrichtung der Schule entschieden haben, werden hier unterrichtet.

Schon klar, „Gewalt ist kein Mittel“, versichert er uns, „aber Steine werfen ist für viele Jugendliche in Palästina eine Form des politischen Widerstands, für viele ist es auch ein Ventil, ihren Frust und ihre Aggressionen abzureagieren.“ Er hat Verständnis für seine Schüler, für ihr Leben unter einer aufdringlich präsenten und bedrohlichen Besatzungsmacht, deren Regeln sich auf undurchschaubare Weise von einer Stunde auf die andere ändern können, das bedeutet ständigen Stress und Unsicherheit.

Auf dem Schulweg am Übergang von einer Verwaltungszone zur anderen einen der Checkpoints passieren zu müssen, kann das eine Mal völlig unproblematisch sein, ein anderes Mal muss die Schultasche komplett ausgeräumt werden, wird der Metalldetektor eingesetzt, um das Kind, den Jugendlichen nach Waffen zu durchsuchen, auch sind Geburtsurkunde und eine Kopie der ID-Karte der Eltern vorzuweisen, morgen oder übermorgen sind vielleicht ganz andere Dokumente gefragt. Leibesvisitationen, auch von Mädchen, müssen nicht begründet werden. So genannte Flying Checkpoints können außerdem ganz nach Befinden des Militärs mal da, mal dort beliebig lang aufgebaut werden, dann kommen Schüler und Lehrer zu spät oder auch gar nicht mehr zum Unterricht, der Schulbetrieb gerät durcheinander. Sicherheitsgründe? Böse Absicht?

Es sind traumatische Erlebnisse, wenn mitten in der Nacht Soldaten den Ort mit Gummigeschossen, Soundbombs und Tränengas in Aufregung und Angst versetzen, wenn sie an die Haustüre klopfen, die Familie in einen Raum sperren und bis zum Morgengrauen das Haus auf den Kopf stellen, angeblich nach Waffen suchen. Helden, die sich da am nächsten Tag auf den Schulweg machen und mit klarem Kopf im Unterricht mitarbeiten können. Nicht alle Schüler halten diesen Belastungen stand, vor allem Mädchen geben irgendwann auf, sie brechen unverhältnismäßig oft die Schule ab.

Aber „Bildung ist die einzige wirkliche Waffe, die wir haben, sonst müssten wir den Kampf gegen die Okkupation aufgeben“, erklärt uns beim Abschied Direktor Mohammed Assad. Unser für diesmal unspektakulärer Beobachtereinsatz am Schulweg verhindert den Krieg der Steine und erspart ihm peinliche Auftritte, er wird vom Militär zur Verantwortung gezogen, wenn er seine Schüler nicht unter Kontrolle hat, wird vor der Klasse von den Soldaten beschimpft und gedemütigt.

Dass wir am Abend im EAPPI-Team unsere Beobachtungen miteinander besprechen können, ist hilfreich, erleichtert vom Druck der Geschichten, die wir zu hören bekommen. Wir hatten Glück, d. h. schlicht ähnliche Vorstellungen vom Zusammenleben, was nicht selbstverständlich ist, wie manche der anderen Teams erzählen, wo die privaten Gewohnheiten vom Kochen bis zum sauberen Geschirr und dem Benützen der Waschmaschine einfach nicht kompatibel waren und neben manchen verstörenden Einsichten noch viel zusätzlichen Stress erzeugten.

Kinder, die Steine werfen, sind Terroristen, hat das israelische Parlament 2015 entschieden, ab zwölf Jahren können sie von einem israelischen Militärgericht, das sich nicht an die international anerkannten Kinderrechte hält, zu Haftstrafen von bis zu 20 Jahren verurteilt werden, israelische Kinder hingegen kommen bei Verstößen vor ein Zivilgericht.

Der Weg zum Verräter

Rund 700 palästinensische Minderjährige werden pro Jahr in israelischen Gefängnissen inhaftiert, hat die Kinderrechtsorganisation DCI (Defence for Children International) recherchiert. Mit Gewalt und Drohungen, knappen Essensrationen unterscheidet sich ihr Gefängnisalltag nicht von dem der Erwachsenen. Unterricht, Weiterbildung gibt es dort für sie nicht. Sie verstehen die hebräische Sprache nicht, provozieren damit ihre Richter, werden gezwungen, Geständnisse in Hebräisch zu unterschreiben, das sie nicht lesen können. Für Eltern und auch für Anwälte ist es schwer, Besuche im Gefängnis genehmigt zu bekommen, daher haben sie oft keine Verteidigung, gesicherte Fristen für einen Prozess gibt es nicht. Sie fühlen sich im Stich gelassen und sind umso anfälliger für Versuchungen. „Du willst in zwei Wochen entlassen werden? Dann musst du uns sagen, wo dein Onkel sich versteckt hat, wer der Freund deiner Schwester ist.“ Durch körperliche und psychische Gewalt, aber auch durch Versprechen von Geld oder Arbeitsbewilligungen werden jugendliche Häftlinge unter Druck gesetzt, als Informanten mit der Besatzungsmacht zusammenzuarbeiten. Geständnisse von gefolterten Kindern ergeben, dass 40 Prozent von ihnen zu Kollaborateuren gemacht werden. Haben sie einmal der Versuchung, dem Druck nachgegeben, haben sie kaum mehr eine Chance auszusteigen, weil sie dann für beide Seiten, den Geheimdienst wie auch für die eigene Familie, das eigene Dorf, als Verräter gelten und verfolgt werden, ihres Lebens nicht mehr sicher sind.

Als Verräter beschimpft werden von der israelischen Regierung aber auch jene bewundernswerten israelischen Friedensbewegungen, die sich um die Verbesserung der Zustände für palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen engagieren, „Breaking the Silence“ zum Beispiel, ehemalige Angehörige der Streitkräfte, „B’Tselem“, aber auch eine Gruppe israelischer Rechtsanwälte. Ihre Arbeit für Menschenrechte wird zum Teil mit EU-Geldern unterstützt.

Mit 55 Milliarden Dollar will Donald Trump seine Vorstellung von Frieden und Wahrung der Menschenrechte in Israel-Palästina umsetzen. Dass Friedensbewegungen dann überflüssig werden, ist nicht anzunehmen.


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