Nationalsozialismus in Tirol: Der Opfer gedenken, das Vergessen verhindern

Ein neues Standardwerk dokumentiert die Erinnerungszeichen zu Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus in Tirol.

Gedenkmauer/Lichtort mit Informationstafeln auf dem Gelände des Landeskrankenhauses Hall für die Patientinnen und Patienten, die in der NS-Zeit auf dem Anstaltsfriedhof der Heil- und Pflegeanstalt begraben.
© Diverse

Von Gerlinde Tamerl

Innsbruck – Der Zeithistoriker Horst Schreiber hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche Publikationen zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit geschrieben. Akribisch und mit unglaublichem Tempo. So gelang es ihm, viele Forschungslücken zu schließen und damit auch die Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs für die nächste Lesegeneration wach zu halten.

Die TT hat den Forscher und Gymnasiallehrer nun zu einem Gespräch getroffen, denn Horst Schreiber, Jahrgang 1961, hat erst vor Kurzem in Zusammenarbeit mit den Tiroler Gemeinden eine neue Publikation mit dem Titel „Gedächtnislandschaft Tirol“ geschrieben. Darin werden alle Erinnerungszeichen zu Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus genau dokumentiert. Schreiber sagt: „Bis auf wenige Ausnahmen konnten wir für diese Publikation auch für alle auf den Gedenkzeichen gelisteten Opfer Kurzbiografien erstellen.“

Horst Schreiber
© NINDPE

Ab wann wurde überhaupt damit begonnen, Gedenkorte für die Opfer des Nationalsozialismus zu schaffen? Schreiber erklärt, dass an manchen Orten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg damit begonnen wurde, etwa in Wien oder in der Steiermark.

In Tirol hingegen geschah zunächst nichts, und zwar jahrzehntelang. „Bis weit in die 1980er-Jahre vermied man es, diese Zeichen der Erinnerung zu setzen. Es fehlten die Akteure, an der Universität, auch in der Politik. Selbst die katholische Kirche wollte ihren christlichen Märtyrern kein Zeichen setzen“, sagt Schreiber und umreißt sein Forschungs- und Dokumentationsprojekt mit den Worten: „Ich wollte mit diesem Werk eine Bestands­aufnahme der Erinnerungszeichen vornehmen und analysieren, welche Opfergruppen noch unberücksichtigt geblieben sind.“

Ich wollte mit diesem Werk eine Bestandsaufnahme der Erinnerungszeichen vornehmen.
Horst Schreiber (Zeithistoriker)

In Tirol wurde Anfang der 1980er-Jahre zunächst versucht, die „Versöhnung“ mit „Kriegerdenkmälern“ zu lösen. Dabei wurden aber Themen ausgeblendet, die zu Konflikten hätten führen können, etwa die Nennung jener, die während der NS-Zeit Widerstand geleistet haben.

Die größten Leerstellen der Erinnerungskultur sind laut Schreiber Roma, Sint­i, Jenisch­e, auch Zwangsarbeiter und Deserteure. Dazu gibt es neuerdings einige Forschungsprojekte. Schreiber will sich für die Errichtung eines Gedenkzeichens für die Jenischen einsetzen. „In der Erinnerungskultur in Tirol ist das Gedenken an Geistliche sehr dominant“, sagt Schreibe­r und ergänzt, dass mit den Seligsprechungen in den 1990er-Jahren das Gedenken an Geistliche einen regelrechten Boom erlebte. Ein besonders prominentes Beispiel ist etwa Otto Neururer, Schreiber hebt aber auch Jakob Gapp und Pater Reinisch hervor, die den National­sozialismus offen ablehnten und damit ihr Leben opferten.

Frauen hingegen sind in der Erinnerungskultur stark unterrepräsentiert. Schreiber nennt zwei Hauptgründe: „In der Erinnerungskultur hat man Menschen verewigt, die ums Leben gekommen sind. Das bedeutet aber nicht, dass nicht trotzdem viele Frauen am Widerstand beteiligt waren. Diese Frauen werden aber nicht in traditionellen Quellen genannt.“

Für die nahe Zukunft sind bereits weitere Gedenkzeichen geplant, etwa ein Zeichen der Erinnerung an das Arbeitserziehungslager Reichenau. Auch für Deserteur­e soll in Innsbruck ein Gedenk­ort entstehen. Schreiber findet auch kritische Worte für das Gedenken in der Gegenwart. Er sagt: „Auf der einen Seite wird von Seiten der Bundesregierung viel Geld in Gedenkveranstaltungen für die Opfer des National­sozialismus investiert, andererseits setzt die Regierung bei Menschen auf der Flucht völlig konträr­e Akzente.“ Dieser kritische Gedanke findet sich auch in Horst Schreibers ebenso differenzierter wie genau recherchierter Publikation, in der er den Opfern des National­sozialismus ein Zeichen der Erinnerung setzt und damit verhindert, dass die Geschichten dieser Menschen endgültig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden.

Info

Sachbuch Horst Schreiber, Gedächtnislandschaft Tirol. Zeichen der Erinnerung an Widerstand, Verfolgung und Befreiung 1938–1945. Studienverlag, 436 Seiten, 29,90 Euro.


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