Eingesperrt – mit kleinem Auslauf: Italien im Ausnahmezustand

Der Bewegungsradius von Millionen beschränkt sich auf die nächste Umgebung – mit Sicherheitsabstand. In China geht es aufwärts.

Die Schlange vor dem Postamt ist lang, weil die Menschen einen Meter Abstand voneinander halten müssen.
© AFP

Von Gabriele Starck

Maruggio, Rom, Peking –Die Straßen in der kleinen Stadt Maruggio am Sporn des italienischen Stiefels sind menschenleer. Nur ein Streifenwagen der Carabinieri ist unterwegs – im Schritttempo, wie ein kurzes Video zeigt, das die TT erhalten hat. Über den Lautsprecher am Wagendach weisen die Polizisten die Menschen an: „Bleiben Sie zuhause. Wenn Sie hinausmüssen, halten sie einen Meter Abstand zu anderen Personen. Und geben Sie Ihre Kinder nicht in die Obhut der Großeltern.“

📽 Video | Wagner (ORF) über Corona-Maßnahmen in Italien:

Von einem Tag auf den anderen ist alles anders. Die Regierung hat wegen des neuen Coronavirus ganz Italien zur Sperrzone erklärt, die Bewegungsfreiheit ist massiv eingeschränkt. „Es geht uns so weit gut, alle Geschäfte sind offen, die Apotheken auch, es gibt auch alles“, erzählt Susanna Defazio-Sansonetti, Tochter einer Innsbruckerin, die vor Jahrzenten nach Apulien geheiratet hat. „Allerdings dürfen wir nur im eigenen Dorf einkaufen. Und um zur Arbeit zu kommen, brauchen wir ein Zertifikat mit Angaben zu Start und Ziel, Ankunfts- und Abfahrtszeit.“ Bei ihr schwingt wie bei vielen in Süditalien Ärger mit. Ärger darüber, dass am Samstag, als der Großteil des Nordens zur Sperrzone erklärt worden war, Tausende Studenten und Pendler zu ihren Familien nach Süditalien flüchteten. Damit hätten sie das Virus und den Ausnahmezustand in den Süden geschleppt. „Bis dahin hatten wir nicht viele Infektionen“, betont Defazio-Sansonetti.

Der Vatikan hat sich Italien angeschlossen und sowohl Petersdom als auch Petersplatz für Touristen gesperrt.

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In der Lombardei, wo die Epidemie in Italien ihren Anfang nahm, schlug der Regionalpräsident gestern noch extremere Maßnahmen, sprich die totale Abschottung der Region, zur Eindämmung der Neuinfektionen vor: Alle Betriebe und Geschäfte sollen geschlossen und der öffentliche Verkehr eingestellt werden. Die Bürgermeister seien einverstanden, denn man werde, sollten sich die Patientenzahlen weiter erhöhen, nicht mehr in der Lage sein, allen eine angemessene Behandlung zukommen zu lassen.

© APA

Italiens ohnehin angeschlagene Wirtschaft spürt die Epidemie massiv. Allein Tourismus und Verkehr verzeichnen Einbrüche von etwa 90 Prozent. Die Regierung will nun mit einem zehn Milliarden schweren Wirtschaftspaket gegensteuern. Beinhalten soll das Paket auch die Aussetzung von Steuerzahlungen, Strom und Gasrechnungen für Familien. Von der EU-Kommission fordert Rom wegen des Milliardenpakets Nachsicht beim Defizit. Innerhalb eines Tages waren gestern weitere 168 Todesopfer in Italien zu beklagen. Die Zahl der bestätigt Infizierten stieg um rund 600 auf knapp 8000. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein.

Andere EU-Länder reagieren ebenfalls auf die Ausbreitung: Ungarns Notenbank desinfiziert Banknoten, Tschechien schließt Schulen, in Serbien darf niemand mehr einreisen, der aus einer stark betroffenen Region kommt.

Während Europa wohl das Schlimmste noch vor sich hat, ist China nach eigenen Angaben die Wende gelungen. In der Provinz Hubei, wo das Virus in der Stadt Wuhan seinen Ausgang nahm, sei die Epidemie „im Wesentlichen eingedämmt“, sagte Staatschef Xi Jingping gestern in Wuhan. Gestern gab es in Wuhan laut Behörden nur 17 Neuinfektionen, zwei weitere Fälle wurden aus anderen Gebieten gemeldet. Gesunde Personen dürfen nun zumindest innerhalb der Provinz Hubei wieder reisen.


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