Kontrollen am Brenner: Durch das Virus tritt der Grenzfall ein

Zur Eindämmung der Corona-Epidemie wird am Brenner seit gestern Früh kontrolliert. Die meisten Reisenden sahen das gelassen. Für den grenznahen Verkehr könnten bald Sonderregelungen kommen.

Die meisten Reisenden nehmen die Maßnahme gelassen.
© Thomas Boehm / TT

Von Benedikt Mair

Brenner, Innsbruck – In ihrem weißen Schutzanzug tritt Claudia Mark an das Auto heran, hebt die Hand im Latexhandschuh zum Gruß. Die Scheibe geht nach unten. „Wo kommen Sie aktuell her?“, fragt die Amtsärztin der Tiroler Landessanitätsdirektion freundlich. Durch den Mundschutz, den sie trägt, ist ihre Stimme nur gedämpft zu hören. Das digitale Fiebermessgerät hält Mark bereit. Ein blauer Laserstrahl scannt die Stirn des Mannes hinter dem Steuer. Einige Sekunden banges Warten, dann erleichtertes Nicken. „Alles gut“, sagt sie und winkt den Lenker durch.

Oft musste Claudia Mark dieses Prozedere gestern wiederholen. Unter einem weißen Zelt auf einem Autobahnrastplatz am Brenner positioniert, gehört die Medizinerin zu jener Einsatzgruppe, welche die unlängst angekündigten Gesundheitschecks durchführt. Besteht der Verdacht, dass ein Reisender mit dem Coronavirus infiziert ist, werden im Container neben dem Kontrollposten genauere Tests, etwa Rachenabstriche, durchgeführt.

📽 Video | Kontrollen am Brenner, Einreisestopp aus Italien:

So soll die Ausbreitung der Lungenkrankheit eingedämmt werden. Ausgewählte Fahrzeuge, die aus Italien nach Tirol reisen, werden seit gestern Früh, 9.30 Uhr, aus dem Verkehr gefischt – nicht nur auf der Brennerautobahn, sondern auch auf der Landesstraße, an den Grenzübergängen in Sillian und am Reschen. Ebenso werden Zuggäste überprüft. Abweisungen von Italienern, für die Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) ein Einreiseverbot nach Österreich aussprach, gab es noch keine. Dazu soll es erst heute kommen. Im „Laufe des Tages“ sollen Kontrollen an allen Grenzen zu Italien starten, sagt Landespolizeidirektor Edelbert Kohler. Dabei werden alle Menschen überprüft und ihre Personalien festgestellt. Wer nicht den Kriterien entspricht – wer entweder keinen Reisepass bei sich habe und kein ärztliches Attest vorweisen könne –, werde wieder zurückgeschickt. Wer einreisen will, müsse sich laut Kohler 14 Tage in Quarantäne begeben. 300 Polizisten sollen täglich für den Einsatz abgestellt werden.

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Amtsärztin Claudia Mark misst mit einem digitalen Fieberthermometer die Temperatur der Reisenden am Brenner.
© Thomas Boehm / TT

Viele der kontrollierten Reisenden stammen aus Deutschland, die meisten wollen aus dem Skiurlaub in Südtirol zurück in die Heimat. Jan Remmer stammt aus der Nähe von Bremen in Norddeutschland. „Bei einer Fahrtzeit von zwölf Stunden machen die zehn Minuten hier nichts aus“, meint er, nachdem er sich gestern kurz nach 10 Uhr am Brenner in die Reihe der wartenden Fahrzeuge einordnet. Problem hat er mit der Maßnahme keines. Im Gegenteil: „Ich finde es in Ordnung, wenn alles unternommen wird, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.“ Der Großteil hier denkt wie Remmer, es gibt aber auch Ausreißer. Dazu gehört Claudio Waldthaler, ein Südtiroler, der Richtung Innsbruck unterwegs ist und am Abend wieder heimkehren will. „Alles übertrieben“, klagt er. Genervt sei Waldthaler nicht, aber „das bringt ja nichts“. Corona sei schon da, in Italien gleich wie in Österreich. Eine Eindämmung der Krankheit hält er, trotz Kontrollen, für unwahrscheinlich.

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) verteidigt den Schritt, spricht von einer „dramatischen Situation, die sich direkt vor unserer Haustüre abspielt.“ Alle Mittel seien recht, um das Virus in den Griff zu kriegen. Von den punktuellen Tests an der Grenze erwartet sich Platter vor allem, dass „die Reisebewegungen in den nächsten Tagen weniger werden“.

Seit gestern Vormittag 9.30 Uhr werden ausgewählte Fahrzeuge von der Polizei zur Kontrollstation am Brenner geleitet.
© Thomas Boehm / TT

Ebenfalls von einer solchen Entwicklung überzeugt ist sein Südtiroler Amtskollege Arno Kompatscher. Er geht im Gespräch mit der TT davon aus, dass sich der Verkehr in Richtung Brenner, sowohl von Süden als auch Norden, auf ein Minimum reduzieren werde. Er unterstützt die Maßnahme. „Der Waren- und Güterverkehr bleibt aufrecht, was, glaube ich, für beide Seiten von Vorteil ist. Ja, wir müssen das Verbreitungsrisiko minimieren. Die Wirtschaft killen will aber niemand. Auch die Durchreise ist für italienische Staatsbürger möglich.“ Was Kompatscher hingegen Sorgen bereitet, ist die Situation im Wipptal – dies- und jenseits des Brenners. „Viele Tiroler arbeiten beispielsweise in Sterzing, bei Leitner. Theoretisch müssten sie sich nach Feierabend in Quarantäne begeben.“ Umgekehrt sei es für Südtiroler, die in Tirol arbeiten, aufwändig, immer ein aktuelles ärztliches Attest vorzuweisen. Südtirols Landeshauptmann habe diesbezüglich mit Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) gesprochen und ihn gebeten, für den grenznahen Raum Ausnahmeregelungen zu schaffen. „Mir wurde zugesichert, dass in den nächsten Tagen entsprechende Regularien geprüft werden.“

Am Brenner ist also der Grenzfall eingetreten. Aller Ernsthaftigkeit zum Trotz: Auf die Verhältnismäßigkeit will Amtsärztin Claudia Mark bei ihren Checks nicht vergessen. „Wenn wir jemanden rausholen, müssen die Kriterien schon genau erfüllt sein.“ Erst wenn Fieber festgestellt werde und der oder die Autoinsassen zusätzlich aus einem Risikogebiet angereist kämen, würden genauere Überprüfungen durchgeführt. „Ein bloßer Schnupfen reicht da nicht“, sagt Mark, ehe sie sich dem nächsten Wagen zuwendet und ihr Thermometer zückt.


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