Entgeltliche Einschaltung

Kreislaufstörung POTS: Ein Gefühl, als wäre man immer betrunken

Monika Riedler leidet an der schweren Kreislaufstörung POTS. Sie hat eine Selbsthilfegruppe gegründet und klärt mit einem Neurologen auf.

  • Artikel
  • Diskussion
Monika Riedler.
© Riedler

Von Theresa Mair

Entgeltliche Einschaltung

Innsbruck –Monika Riedler hält sich an der Maschine fest, während der Kaffee in die Tasse läuft. Wenn sie kocht und der Dunstabzug rauscht, muss sie sich hinsetzen. Sie schwankt durch die Wohnung, stützt sich an Wänden und Türstöcken ab. Riedler hat POTS. Das ist die Abkürzung für Posturales Tachykardie-Syndrom, eine recht unbekannte Erkrankung, die aber nicht wenige betrifft.

Gregor Wenning, Leiter der neurovegetativen Sprechstunde an der Innsbrucker Uniklinik für Neurologie, schätzt, dass rund 3000 Tiroler, vor allem Frauen, davon betroffen sind. 300 sind bei ihm in Behandlung. „POTS wurde 1870 während der amerikanischen Befreiungskriege erstmals als akute ,Herzneurose‘ beschrieben, weil es zu einem massiven Pulsanstieg kommt“, schildert er.

Gregor Wenning
(Neurologe): „Die Patienten haben teilweise erheblichste Beschwerden, die bis zur Berufsunfähigkeit führen können.“
© MUI/Vandory

Bei POTS spielt das autonome Nervensystem verrückt, das bringt den Kreislauf durcheinander, das Blut versackt in den Beinen. „Die Patienten haben teilweise erheblichste Beschwerden, die bis zur Berufsunfähigkeit führen können. Manche Patienten gehen mit dem Rollator oder brauchen einen Rollstuhl. 20 Prozent fallen immer wieder in Ohnmacht. Zehn Prozent haben eine Neuropathie dabei. Bei 80 Prozent findet man keine Ursache“, so Wenning.

Monika Riedler ist 42 Jahre alt, vor zwei Jahren fing die Symptomatik schlagartig bei ihr an. Sie habe schon als Kind viele Allergien gehabt, etwa Histamin. Riedler glaubt, dass ein Allergietest, bei dem sie beinahe einen anaphylaktischen Schock erlitten hätte, das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Gesichert ist das aber nicht.

Gewinnspiel: Jahresabo für Body & Soul

TT-ePaper 4 Wochen gratis ausprobieren, ohne automatische Verlängerung

Doch: „Seitdem bin ich ein anderer Mensch“, sagt sie. Sie fühle sich den ganzen Tag wie betrunken, nachmittags muss sie sich hinlegen, Reizüberflutung macht ihr zu schaffen. Inzwischen wurde ihr eine 70-prozentige Behinderung bescheinigt. Sie ist nicht mehr arbeitsfähig. Ein persönlicher Assistent von „Selbstbestimmt Leben Innsbruck“ begleitet Riedler jeden Morgen, damit sie ihre Tochter sicher in den Kindergarten bringen kann. „Ich habe ein recht gutes Körpergefühl, deswegen hat es mich noch nie umgehauen. Aber es kann schon sein, dass ich mich plötzlich auf der Straße hinsetzen muss“, erzählt sie. Das Schwierigste für sie war es, „die Krankheit anzunehmen. Auf Verständnis von außen darf man nicht hoffen, weil man POTS nicht sehen kann“, sagt sie. Ein großes Problem sei, dass POTS von vielen Ärzten nicht erkannt werde und man schnell in ein „Psycho-Eck“ gestellt werde. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viele mit POTS in der Psychiatrie landen“, sagt sie.

© TT-Grafik

Wenning bestätigt, dass es in der Symptomatik eine gewisse Überlappung mit Panikattacken gebe. Allerdings könnte dies eindeutig ausgeschlossen werden: „Patienten mit Panikattacken sprechen auf Anxiolitika und Benzodiazepine an. Bei POTS ist es klar der Kreislauf, da helfen diese Medikamente nicht“, sagt er. Mit dem so genannten Schellong-Test, einer einfachen Untersuchung, bei der Puls und Blutdruck in Ruhe und nach abruptem Aufstehen gemessen werden, könne die Störung der Kreislaufregulation schnell festgestellt werden, sagt Riedler. Mittlerweile werde dieser auch in der Notaufnahme in Innsbruck gemacht. Noch spezifischer ist eine Untersuchung auf dem Kipptisch in der Neurologie.

Riedler lässt sich nicht unterkriegen. Sie hat eine Selbsthilfegruppe gegründet (Online-Kontakt: pots.tirol) Der Austausch sei für Betroffene wesentlich. Sie trinkt viel Wasser und versucht, sich fit zu halten, soweit es ihr Zustand zulässt. Eine gute Bauch- und Beinmuskulatur verhindere, dass das Blut schnell absackt. Sie baut auch Entspannungs- und Gleichgewichtsübungen in den Alltag ein. „Schwimmen ist super. Denn durch den Wasserdruck hat man keinen Schwindel“, sagt sie. Allerdings ist bei ihr eine Neuropathie hinzugekommen, die ihr Nervenschmerzen bereitet.

Den Humor hat sie sich aber nicht nehmen lassen. „Immer wenn ich Angst bekomme, der Puls hinaufschnellt und es in der Brust zu ziehen beginnt, denke ich an Professor Wenning, der sagt: ,Das ist POTS!‘“


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung