Die perfekte Kandidatin: Rezept gegen das Patriarchat

Regisseurin Haifaa Al-Mansour erzählt vom steinigen Weg einer saudischen Ärztin, die für den Gemeinderat kandidiert.

Ärztin Maryam (Mila Alzahrani) kämpft mit eigenen Mitteln gegen das Patriarchat in Saudi-Arabien und für Gleichberechtigung.
© Filmladen

Von Marian Wilhelm

Innsbruck –In einem Land, wo bis vor Kurzem Kinos verboten waren, Filme zu drehen, und das als Frau: Haifaa Al-Mansour hat wahrlich keinen leichten Job. Im Ausland kommt die saudi-arabische Regisseurin dafür umso besser an mit ihrem Aufbäumen gegen patriarchale Öl-Religions-Fundamentalisten ihrer Heimat. Wenn dann auch noch die Geschichten in diesen Kontext passen, ist es schon fast egal, welche Form und Raffinesse die Filme selbst haben. Doch in ihrem zweiten Film erzählt Al-Mansour auf durchaus kurzweilige Weise von der Ärztin Maryam (Mila Alzahrani) inmitten einer vorgestrigen Männerwelt. Diesmal steigen freilich mit einer erwachsenen Protagonistin auch die politischen Ansprüche der Geschichte, nach der kindlichen Perspektive des fahrradfahrenden „Mädchen Wadjda“ ihres Debütfilms.

Maryam hat als Doktorin nicht nur gegen die erwartbaren konservativen Vorurteile der männlichen Patienten zu kämpfen. Auch die überraschenden finanziellen und bürokratischen Hürden der superreichen Öl-Diktatur Saudi-Arabien legen ihr Steine in den Weg. Die Steine sind aber leider nicht wortwörtlich zu verstehen, denn die Straße zum Krankenhaus ist eine nicht fertig gebaute Schlamm-Baustelle. Da bringt ihr auch der neuerdings erlaubte Frauen-Führerschein wenig – ein überdeutliches Symbol, dass es noch ein weiter, steiniger Weg zur Gleichberechtigung ist.

Kandidatur für den Gemeinderat

Maryam ärgert sich darüber so sehr, dass sie spontan das einzige politische Mittel ergreift, das ihr auch als Frau theoretisch offensteht: Sie kandidiert für den Gemeinderat. Bald findet sich die pragmatische Frau mit ihren Schwestern in einem Kampf wieder, an dem sie nur langsam wächst. Ihr musikalischer Vater ist, wie schon der Vater von Wadjda, der Typ verständnisvoll-unterstützend. Das entspricht den Männern im Leben der Regisseurin selbst und bildet ein wertvolles Gegenbild zu den engstirnigen Patriarchen, die Ärztin Maryam und Regisseurin Haifaa Al-Mansour das Leben schwermachen.

Als europäische Koproduktion mit teilweise europäischem Team ist „Die perfekte Kandidatin“ nicht für das saudische Kinopublikum gemacht, das es nicht gibt. Doch der einfache Erzählfilm revoltiert – anders als etwa die mehr oder weniger heimlich gedrehten und verbotenen Regime-kritischen Festival-Filme der Kinonation Iran – mit sanften erzählerischen Mitteln und durch seine bloße Existenz. Maryam ist ebenso wie ihre Regisseurin ein Vorbild. Und vielleicht ist gerade in der aktuellen weltweiten Corona-Situation eine engagierte Ärztin die perfekte Kandidatin.

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