Honig, die Fälschung im Küchenschrank

Der Tiroler isst im Schnitt 1,2 Kilo Honig jährlich. Gilt der doch als gesund. Doch weil Importhonig oft im Labor entsteht, ist er eines der am häufigsten gefälschten Lebensmittel.

Eine Biene muss für 500 Gramm Honig 40.000-mal ausfliegen 
und 120.000 Kilometer 
zurücklegen.
© iStockphoto

Von Judith Sam

Innsbruck – Selbst in hochgelegenen Ecken Tirols schmilzt der Schnee, Blumen sprießen und bald werden Bienen emsig über die Felder schwirren, um Nektar zu sammeln. „Ob die heurige Honigernte erfolgreicher wird als die letzte, ist vorerst schwer abzuschätzen“, sagt Reinhard Hetzenauer, Präsident des Tiroler Imkerverbandes. 2019 war der Ertrag wetterbedingt um 50 Prozent zurückgegangen.

Da jeder Österreicher pro Jahr im Schnitt 1,2 Kilo Honig verspeist, muss folglich viel davon importiert werden. So weit, so unproblematisch: „Doch Honig zählt zu den drei am häufigsten gefälschten Lebensmitteln. Besonders problematisch ist Ware aus China.“ Dort entsteht das goldene Nahrungsmittel nämlich nicht am Feld, sondern im Labor: „Dieser Honig besteht aus Reissirup, Zucker und wenigen Pollenbestandteilen, die beigesetzt werden, damit er authentischer schmeckt. Mit Erfolg. Selbst erfahrene Imker können den Unterschied oft nicht schmecken. Künstlich zugesetzte Aromastoffe machen’s möglich.“ So gehen wertvolle Inhaltsstoffe, wie Vitamine, Aminosäuren und Mineralstoffe, verloren.

Trotzdem greift so mancher Kunde beim Einkaufen zu ausländischem Honig: „Kein Wunder, kostet ein Kilo davon doch rund vier Euro. Ostösterreichischer hingegen kostet pro Kilo acht bis zehn Euro, westösterreichischer 15 bis 17 Euro. Wegen der kürzeren Saisonen und niedrigeren Temperaturen produziert ein Tiroler Bienenvolk durchschnittlich nur 15 Kilo Honig im Jahr. Im Osten liegt der Ertrag bei bis zu 80 Kilo.“

Die Pollen, die chinesischem Honig beigesetzt werden, haben jedoch auch einen zweiten Effekt: „Normalerweise kann man nach einer Analyse der Pollen sagen, aus welcher Region der Honig stammt. Da die aber künstlich hinzugefügt wurden, wird das unmöglich.“ Allerdings gibt es die Möglichkeit einer Kernspinresonanzspektroskopie. Doch die ist teurer und aufwändiger. „Manchmal sind solche Methoden dennoch notwendig. Ein Beispiel: Bei der Weltbienenkonferenz 2019 in Kanada konnte jedermann seinen Honig zur Prämierung einreichen. Bei der finalen Ausstellung fehlte dann die Hälfte der Einsendungen. Die vielen Honige waren ausgeschieden, weil sie gefälscht waren“, resümiert Hetzenauer.

Noch schwieriger sei es, Manuka-Honig als Fälschung zu überführen. Die begehrte Ware aus Neuseeland gilt als entzündungshemmend und antibakteriell. Die Nachfrage danach ist folglich groß. Doch weil die Zahl der Südseemyrte-Pflanzen gering ist, aus denen der Honig gewonnen wird, werden nur rund 2000 Tonnen Manuka jährlich produziert. Doch 10.000 Tonnen werden verkauft. „Irgendwas passt an dieser Rechnung nicht. Man kann allerdings nicht genau nachvollziehen, was da vorgeht“, kritisiert der Tiroler Honigexperte.

Als Folge dieser Entwicklungen fordert er eine bessere Kennzeichnung für heimischen Honig: „Die aktuelle Deklaration arbeitet gegen uns Imker. Man kann nämlich anhand des Aufdrucks nicht exakt sagen, wie viel von dem enthaltenen Honig aus der EU stammt. Extrem ausgedrückt könnte man 99 Prozent chinesischen Honig in ein Glas füllen und einen Tropfen heimischen Honig – und dann ganz legal von Honig aus der EU und dem Ausland sprechen.“

Um sicherzugehen rät Hetzenauer, Honig beim Imker vor Ort zu kaufen: „Da weiß man, was man hat.“


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