Leipziger Buchmesse abgesagt: Taktikwechsel ohne Trainingslager

Die Leipziger Buchmesse zählt zu den Fixpunkten des literarischen Jahreskalenders. Als Maßnahme zur Eindämmung des Coronavirus wurde sie heuer abgesagt. Stürzt die Buchbranche dadurch in eine neuerliche Krise?

Die Leipziger Buchmesse 2020 hätte gestern eröffnet werden sollen. Vor gut zwei Wochen wurde sie abgesagt.
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Von Joachim Leitner

Innsbruck, Leipzig – Europa­weit sind die Umsätze der Buchbranche im vergangenen Jahr leicht gewachsen. In Österreich etwa wurde 2019 ein Plus von 1,6 Prozent verzeichnet. Auch in Italien, Frankreich und der Schweiz wurde zuletzt mehr Geld für Bücher ausgegeben. Alexande­r Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sprach bereits im vergangenen Juni von einem „Wendepunkt in der Buchbranche“, nachdem er für Deutschland erstmals seit 2012 Zuwächse im Buchverkauf präsentieren konnte.

Auf einem Teil der Reise- und Hotelkosten bleiben wir definitiv sitzen.
Linda Müller (Haymon-Verlag)

Noch vor wenigen Wochen durfte man bei der im Beklagen des eigenen Bedeutungsschwundes durchaus geübten Branche ungewohnten Optimismus diagnostizieren. Dann erreichte das Coronavirus Europa. Als Maßnahme gegen die Verbreitung der neuartigen Krankheit wurde die Leipziger Buchmesse – und wenig später auch die Lit.Cologne, Europas größtes Literaturfestival – abgesagt.

Für kleine, unabhängige Verlage eine Hiobsbotschaft. „Gerade die angesichts der Situation absolut nachvollziehbare Absage der Leipziger Messe trifft die kleinen überproportional heftig“, sagt Björn Bede­y, einer der Sprecher der deutschen Interessengemeinschaft Unabhängiger Verlag­e. Die Frühjahrsschau der Buchbranche versteht sich als Publikumsmesse mit umfangreichem Rahmenprogramm. 2019 wurden beinahe 300.000 Besucher gezählt, Medien berichteten ausführlich über Neuerscheinungen und Veranstaltungen. Was insbesondere für österreichische Verlage von Bedeutung ist. „Leipzig war und ist das Fenster österreichischer Literaturverlage in den gesamtdeutschsprachigen Raum, es gibt für sie nun keine Möglichkeit mehr, ihre Produktionen bis zum Herbst einer über Österreich hinausgehenden, größeren interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren“, erklärt Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen Autoren. Die IG hätte an ihrem Gemeinschaftsstand mehr als 500 Neuerscheinungen aus gut 150 Verlagen präsentiert.

Der Innsbrucker Haymon-Verlag wäre zudem mit einem eigenen Stand in Leipzig vertreten gewesen. Der finanzielle Schaden, der durch die Absage entstanden ist, lasse sich noch nicht abschätzen, sagt Linda Müller, die die Messe-Präsenz des Tiroler Verlags organisierte. „Auf einem Teil der Hotel- und Reisekosten werden wir definitiv sitzen bleiben. Standkosten sollen von der Messe zurückerstattet werden. Wie und in welchem Umfang ist allerdings noch nicht geklärt.“

Preise der Leipziger Buchmesse: Die Ausgezeichneten

Belletristik. Lutz Seiler wurde für seinen zweiten, bei Suhrkamp erschienenen Roman „Stern 111“ ausgezeichnet. Der Nachwende-Roman sei „kunstvoll erzählt“ und ziehe „in den Bann des Möglichkeitsraums Berlin nach ’89“, urteilte die Jury. Seiler wird das Buch am 10. November auch im Innsbrucker Literaturhaus am Inn vorstellen.

Sachbuch/Essayistik. Wie die Auszeichnung in der Sparte Belletristik ist auch der Preis für das beste Sachbuch mit 15.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet wurde die Historikerin Bettina Hitzer für ihre im Klett-Cotta-Verlag vorgelegte Studie „Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts“.

Übersetzung. Pieke Biermann wurde für ihre Übertragung von Fran Ross’ Roman „Oreo“ aus dem Englischen ausgezeichnet. Die Jury feierte ein „sprachliches Feuerwerk“: „Jiddische Ausdrücke, Gossenslang und akademisches Highbrow-Palaver stellen die Übersetzung vor enorme Herausforderungen. Biermann hat sie bravourös gelöst.“

Noch schwerer ins Gewicht falle allerdings, dass Autorinnen und Autoren um die Möglichkeit gebracht wurden, ihre neuen Werke in großem Rahmen zu präsentieren, sagt Müller. Die Haymon-Autoren Stefan Slupetzky („Im Netz des Lemming“) und Herbert Dutzler („Letzter Jodler“) wären bei publikumsträchtigen Veranstaltungen – etwa der Langen Leipziger Kriminacht – aufgetreten. „Die Messe ist immer auch ein wichtiger Test“, sagt Müller, „wie reagiert das Publikum auf eine Neuerscheinung? Wofür interessieren sich Veranstalter, wofür Journalisten?“

Dem pflichtet auch der Innsbrucker Verleger Bernd Schuchter (Limbus) bei. Die Messe sei eine Art „Trainingslager“: „Man trifft alte, neue und vielleicht auch künftige Weggefährten und fragt sich, warum man das, was man macht, macht.“ Auch für „seine“ Autoren – Erika Wimmer Mazohl zum Beispiel, die in Leipzig ihren gerade erschienenen Roman „Löwin auf einem Bein“ vorgestellt hätte – sei es zweifellos sehr schade, dass Auftritte ausfallen und damit wichtige Aufmerksamkeit verloren geht. Ins große Lament­o einstimmen will Schuchter allerdings nicht: „Ich halte Messen wie die in Leipzig für überbewertet. Jede Buchhandlung ist im Grunde eine kleine Messe. Und die haben ja zum Glück noch geöffnet. Vielleicht muss man gerade jetzt auch daran erinnern. Wer der Branche helfen will, sollte Bücher kaufen. Literatur kann gerade in krisenhaften Zeiten Trost sein – und Lesen ist eine ideale Alternative zu Veranstaltungen, die jetzt abgesagt werden mussten.“

Ich halte die Messe in Leipzig für überbewertet. Jede Buchhandlung ist eine kleine Messe.
Bernd Schuchter (Limbus-Verlag)

Trotzdem: Als wichtigste Aufmerksamkeitsgeneratoren für das literarische Frühjahr fallen Buchmesse und Lesefestivals aus. Erste – in Breitenwirkung noch kaum vergleichbare – Alternativen bemühen sich derzeit, diese Lücke zu füllen. Unter dem Hashtag bücherhamstern wird online für Neuerscheinungen unabhängiger Verlage geworben; Auch #virtuellemesse stellt Novitäten vor; die Schriftstellerin Karin Peschka hat den YouTube-Kanal „Fünfzehn Minuten für Leipzig“ gestartet, auf dem Autorinnen und Autoren Kurzlesungen aus ihren Büchern hochladen können – als kleiner, allerdings unbezahlter Ersatz für ausgefallene Lesungen.

Und auch die Leipziger Buchmesse selbst setzt auf mediale Präsenz. Die Preise der Buchmesse wurden gestern Vormittag im Rahmen einer Sondersendung des Deutschlandradios bekannt gegeben (siehe Infokasten) – und der deutsche Senderverbund ARD organisiert eine „virtuelle Buchmesse“ mit Autorengesprächen, die im Radio und im Internet übertragen werden.

Auch die Absage einer Messe mit lautem Getöse bringt Aufmerksamkeit.
Svenja Hagenhoff (Buchwissenschafterin)

Wie sich das Krisen-Frühjahr auf die Buchbranche tatsächlich auswirken wird, ist derzeit nicht absehbar. Seriöse Aussagen seien erst in einigen Monaten möglich, teilt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit. Svenja Hagenhoff, Professorin für Buchwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg, ist aber leise optimistisch. Die Buchmessen-Absage sei für die Stadt Leipzig ökonomisch eine Katastrophe, für den Literaturbetrieb allerdings gelte: Auch schlechte Nachrichten sind zunächst einmal Nachrichten. Aus der Rezensionsanalyse wisse man: „Es ist vollkommen egal, ob ein Buch gut oder schlecht besprochen wird. Wichtig ist, dass es besprochen wird“, erklärt sie. „Einmal eine Messe abzusagen mit lautem Getöse bringt ja wieder genau die Aufmerksamkeit, die man haben will.“


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