Genetiker Josef Penninger: „Das Virus ist nicht zu unterschätzen“

Der österreichische Genetiker Josef Penninger hat möglicherweise ein Mittel gegen die Auswirkungen von Covid-19 gefunden. Das Virus sei ansteckender und tödlicher als Grippe. Männer seien stärker betroffen.

Warum manche auf der Intensivstation landen und andere nicht, ist ebenso ungeklärt, wie dass Kinder kaum Symptome aufweisen.
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Sie haben ein Medikament entwickelt, das den Krankheitsverlauf bei Coronavirus-Patienten mildern könnte. Wann kommt es auf den Markt?

Josef Penninger: Wir arbeiten an einer Therapie für Leute, die schon erkrankt sind. Die bewirkt, dass das Virus nicht in die Zellen reingehen kann, und sie sollte auch vor Lungenversagen schützen. Aber das müssen wir erst testen. Wir haben jetzt in Europa und in China angesucht, damit wir anständige klinische Studien machen können. Der Wirkstoff, den wir haben, wartet auf den ersten Patienten.

Wie lange kann das dauern?

Penninger: In etwa zwei Monaten könnten wir mit den Tests fertig sein und genug Wirkstoff hergestellt sein, um ihn flächendeckend einsetzen zu können. Noch haben wir aber keine Zusage aus China oder aus Europa.

Josef Penninger
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Wie sieht es mit einem Impfstoff gegen das Coronavirus aus?

Penninger: Medikamentenentwicklung braucht viele Jahre. Wir haben 15 Jahre lang für diesen Wirkstoff geforsch­t. Viele Forscher arbeiten auch an Impfstoffen. Deren Entwicklung wird sicher eineinhalb bis zwei Jahre dauern. In ein bis zwei Monaten wird ein Impfstoff vielleicht getestet, aber bis man sicher sagen kann, dass er wirkt, das dauert. Da darf man keine falschen Hoffnungen wecken.

Sie haben gemeint, man dürfe die Gefährlichkeit des Virus nicht unterschätzen. Wie gefährlich ist das Virus?

Penninger: Bei allen Influenzaausbrüchen, die wir hatten, mit Ausnahme der Spanischen Grippe 1918/19, lag die Sterblichkeitsrate bei 0,1 bis 0,15 Prozent. 0,1 Prozent heißt, dass einer von 1000 Leuten an der Grippe stirbt. Das ist schlimm genug und das traf auch vorwiegend ältere Leute. Wenn ich mir heute die vorliegenden Daten zum Coronavirus anschaue, dann liegt die Sterblichkeit zurzeit bei 3,6 Prozent. Das heißt, es ist 36-mal tödlicher als die Grippe. Wir dürfen das Virus nicht unterschätzen. Hoffen wir, dass wir es gut eindämmen können. Aber wenn es sich tatsächlich so wie die Grippe verbreitet, dann haben wir ein wirkliches Problem. Das ist wohl für jeden nachvollziehbar.

Sie meinen, das würde die Kapazitätsgrenzen unseres Gesundheitssystems sprengen?

Penninger: Das hieße, sehr viele Leute würden ins Krankenhaus kommen, sehr viele Leute würden schwer krank und das würde unser System überfordern. Das hat man anfangs in Wuhan gesehen, das sieht man jetzt aber auch in Italien.

Covid-19 wird immer wieder mit der Influenza verglichen. Ist dieser Vergleich zulässig?

Penninger: Die Erkrankungen sind sehr unterschiedlic­h. Grippe findet eher oben in der Lunge statt, Covid-19 ist tief in der Lunge und so wie bei SARS auch nicht nur auf die Lunge beschränkt. Ich war beim ersten SARS-Ausbruch dabei, das ist multiorga­n und befällt andere Gewebe im Körper. Mir scheint, Covid-19 führt zu schwereren Erkrankungen.

Warum erkranken Kinder am Virus nicht oder kaum?

Penninger: Ich habe da wirklich keine Antwort, aber das ist höchst interessant. Dass ältere Leute gefährdeter sind, das kennen wir von anderen Krankheiten und von der Grippe auch. Das gilt ebenso für Leute mit Diabetes, Bluthochdruck, Herzvorerkrankungen und Raucher. Warum Kinder so geringe Symptome aufweisen, könnte mit ihrem Immunsystem zu tun haben oder auch mit unserem Protein ACE2. Das müssen wir alles noch rausbekommen. Wir haben viele Viren erforscht, wie Ebola, SARS oder die Spanische Grippe. Wir haben aber nie herausgefunden, warum ältere Mäuse so viel anders reagieren als jüngere.

Weiß man schon, warum die Krankheitsverläufe so unterschiedlich sind? Warum müssen die einen in die Intensivstation und die anderen werden zu Hause gesund?

Penninger: Ganz ehrlich: Ich habe keine Antwort darauf. Wir sehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Männern und Frauen. Die Männer scheinen schwerer zu erkranken als Frauen. Wir müssen das alles noch erforschen. Wir kennen das Virus nicht und es kennt uns nicht. Das ist ein globales Experiment.

Steckbrief

Josef Penninger: Der renommierte Genetiker ist in Oberösterreich geboren, hat in Innsbruck studiert und übernahm 2018 die Leitung des Life Sciences Institute an der University of British Columbia in Vancouver. Penninger hat das Biotechnologieunternehmen Apeiron in Wien gegründet, das einen Wirkstoff entwickelt hat, der helfen könnte, das Coronavirus zu bezwingen.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel geht davon aus, dass 60 bis 70 Prozent der Deutschen sich infizieren könnten. Andere rechnen mit 40 Prozent, womit rechnen Sie?

Penninger: Ich bin kein Epidemiologe. Derzeit nimmt man an, dass eine Person, die infiziert ist, 2,4 andere infiziert. Das ist übrigens höher als bei der Grippe. Covid-19 ist also ansteckender. Wenn man einen Höhepunkt überschreitet, dann gibt es weniger Leute, die angesteckt werden können. Wo der liegt, kann ich nicht sagen.

Können Sie das noch einmal erklären, warum die Ansteckungskette sich irgendwann selbst ausbrennt?

Penninger: Ganz einfach, wenn man in einem Raum ist mit zehn Leuten und nur einer ist infiziert, dann kann der neun weitere anstecken. Die können dann in den nächsten Raum gehen, wo wieder zehn Leute sind. Wenn aber sechs von zehn bereits infiziert sind, dann kann man nur noch vier anstecken.

Die Weltgesundheitsorganisation hat am Mittwoch Covid-19 zur Pandemie erklärt. Macht das für Sie einen Unterschied?

Penninger: Für mich ist das vollkommen irrelevant. Das mag Auswirkungen auf die Schutzmaßnahmen haben. Aber für mich ist das ghupft wie ghatscht. Für die Wortklauberei gibt es andere Experten.

Das Gespräch führte Anita Heubacher


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