Coronavirus in Tirol: Der Stillstand kommt in Raten

Cafés, Bars und Restaurants sind schlecht besucht, Einkaufszentren gähnend leer, in den Fußgängerzonen tummeln sich wenig Menschen. Nach und nach bremsen Angst und Sorge vor dem Coronavirus in Tirol das öffentliche Leben aus.

20 Grad, Sonnenschein, der erste richtige Frühlingstag: Und doch war der Innsbrucker Marktplatz gestern Nachmittag fast völlig menschenleer.
© Thomas Böhm

Innsbruck, Kitzbühel, Reutte, Lienz – Bevor Zeyrat Abidin Caca aus seinem Taxi am Innsbrucker Burggraben steigt, greift er in die Ablage an der Autotür und holt ein Desinfektionsspray heraus. „Nach jedem Fahrgast mach ich mir die Hände sauber. Sicher ist sicher, ein bisschen Sorgen mach ich mir nämlich schon.“ Viele Kunden habe er derzeit aber ohnehin nicht, „50 Prozent weniger als sonst“, sagt der Taxler. „Kein Einheimischer fährt, die Touristen bleiben aus. Am Bahnhof, Flughafen, in der Stadt.“ Cacas Situation sei kein Einzelfall, sondern dieser Tage eher die Regel, sagt Gabriel Klammer, Obmann der Fachgruppe für Personenverkehr in der Wirtschaftskammer.

„Nicht nur im städtischen, sondern auch im ländlichen Raum ist das Geschäft eingebrochen.“ Die Gründe dafür seien laut Klammer „mannigfaltig. Sie reichen von der Absage von Veranstaltungen bis hin zur allgemeinen Panik.“ Die Angst vor dem Coronavirus hat Tirol endgültig erreicht. Und nach und nach bremst sie das öffentliche Leben aus.

Gedanken über die Zukunft

Als der Chef des Café Novellis in Reutte am Unsinnigen Donnerstag die beiden Desinfektionsspender geliefert bekam und aufstellte, blieben sie unbeachtet. „Als die erste Meldung über Fälle von Corona in Pfronten auftauchte, wurden sie dann doch immer mehr verwendet“, sagt Hannes Gomig. Noch läuft das Mittagsgeschäft angemessen, etwas weniger als in der eigentlichen Hochsaison März. Die Tische sind gut besetzt. Bloß die herzliche Umarmung oder der Handschlag zur Begrüßung bleiben aus. Mit den Maßnahmen der Bundesregierung ist Gomig einverstanden: „Besser, wir fahren jetzt zwei, drei Wochen retour, als dass es plötzlich einen Kollaps mit einem nicht zu bewältigenden Anstieg von Krankheitsfällen gibt.“

Hannes Gomig vom Café Novellis in Reutte hat vor Wochen Desinfektionsständer angeschafft – erst seit Corona werden sie genutzt.
© Paschinger

Auf der anderen Seite der Reuttener Mühler Straße liegt der Storfwirt. Der Mittagstisch ist dort – fast wie immer – gut besucht. Dennoch spricht Chef Rainer Katzensteiner von einer „dramatischen Entwicklung“. Es ist vor allem das Catering für Firmen und Feiern, das als guter Geschäftszweig nahezu völlig einbricht: „Zu 95 Prozent weg. Vor zwei Wochen waren wir noch ein bestens laufender Betrieb. Jetzt muss ich mir Gedanken über die nähere Zukunft machen.“ Beinahe schon „ein wenig neidig“ schaut er auf andere Gastronomiebetriebe, die aufgrund der auslaufenden Wintersaison in die Betriebsruhe überwechseln.

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„Der Wochenstart war gut“

Ruhig und beschaulich ging gestern das Leben in Kitzbühel seinen Lauf. Die Auswirkungen des Coronavirus sind im Alltag noch wenig zu spüren. Nur Touristiker und Gastronomiebetreiber leiden unter den Folgen. Das Ausmaß ist aber ganz unterschiedlich. Einige, dazu gehört auch Mike Mayr-Reisch vom Sporthotel Reisch, spüren nur einen minimalen Rückgang.

„Das Restaurant läuft ganz normal und auch die Bar“, sagt Mayr-­Reisch. Er hätte ohnehin mit Ende März die Saison beendet und bis dahin seien die Zimmer in seinem Hotel auch noch gut gebucht. Juppi Koidl vom Restaurant Centro in der Kitzbüheler Innenstadt hat einen anderen Zugang: „Bis zum Wochenende war alles noch normal, auch der Wochenstart war gut. Aber seit Mittwoch sieht es anders aus“, sagt Koidl. Er spricht von geschätzten 20 bis 30 Prozent Rückgang im Restaurant, „und das Wochenende wird da wohl nicht besser werden“.

Tage zum Zusperren

„Wir spüren das Ausbleiben der Laufkundschaft aus Südtirol sehr deutlich“, lautete der Tenor in den Geschäften der Lienzer Einkaufsstraßen. Betroffen waren dieser Tage sowohl der Bekleidungshandel, Sportgeschäfte, Friseure, Drogerien wie auch eine Bäckerei, die eigentlich den gut frequentierten Terrassenverkauf am Johannesplatz aufnehmen wollte. „In der Früh haben uns die Leute gestürmt, um Brot zu kaufen. Seither ist es fast wie ausgestorben“, berichtete die junge Verkäuferin, während sie die wenigen verbliebenen Süßspeisen verpackte. Für nächste Woche würden bereits die Dienstpläne geändert, um Personal einzusparen. „Wir sollen Überstunden abbauen.“

Auch in einem großen Modemarkt warteten die Angestellten vergeblich auf Kundschaft. „Die Leute sind nicht zum Shoppen aufgelegt“, zuckte eine Dame hinter der Kasse mit den Schultern. Die beiden vergangenen Tage seien „zum Zusperren“ gewesen. In einem Uhrenfachgeschäft beobachteten drei Verkäuferinnen durch die Schaufenster die Straße. „Es ist nichts los. Sehr wenige Leute, und fast kein Verkehr.“

Bewegungsfaul

In einem Innsbrucker Fitnesscenter finden sich Mittwochabend etwa um ein Viertel weniger Sportbegeisterte ein als sonst üblich. „Wir haben viele Anfragen, ob wir überhaupt noch offen halten“, erklärt die Geschäftsführerin des Studios. Zwischen Laufband und Stepper gibt es auch hier nur ein Thema: das Coronavirus. „Wir waren gestern zu zweit im Kino und hatten den ganzen Saal für uns alleine“, erzählt eine Innsbruckerin. Sie findet die Maßnahmen „übertrieben“. Die, die Angst hätten, seien wohl gar nicht hier, meint ein anderer.

Sehr ruhig auch gestern die Lage beim Screening-Zentrum am Innsbrucker Baggersee. Die Abwicklung läuft reibungslos. Immer wieder kommen Fahrzeuge, die von der Gesundheitshotline 1450 zugewiesen werden, hier an und die Personen werden getestet. Auch gestern waren es wieder knapp 60 Abstriche, die hier genommen wurden, wie Elmar Rizzoli, Sicherheitsbeauftragter der Stadt, erklärt.

Sonne versus Quarantäne

Und noch etwas hat Rizzoli zu berichten. Denn während weit über hundert junge Menschen, vornehmlich Studenten, gestern das Frühlingswetter an der Innpromenade vor der Universität genossen, geriet am Nachmittag nur wenige hundert Meter entfernt das Studentenheim Rössl in der Au in den Fokus der Behörden. „Unter den Bewohnern sind mehrere positive Fälle“, sagt Rizzoli. Die infizierten Studenten wurden in einem Stockwerk des Heims zusammengelegt. „Die übrigen Bewohner wurden aufgefordert, nach Hause zu fahren“, so Rizzoli weiter. Diejenigen, die nicht in die Heimat zurückkehren können, wurden von den Erkrankten getrennt und auf den übrigen Stockwerken untergebracht.

„Ich versuche Abstand zu halten und wasche mir fleißig die Hände, wische den Tresen ständig ab“, schildert Erika Stecher ihre Strategie, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu vermeiden. Die Stubaierin arbeitet in einem Geschenkeladen im Einkaufszentrum Dez, seit Tagen sei die Zahl der Besucher im Sinkflug. Es sei nicht nichts los, aber weniger. „Heute habe ich um 9 Uhr aufgesperrt, der erste Kunde kam um 11 Uhr. Die fehlenden Italiener und Südtiroler fallen ins Gewicht. Seit Montag bleiben aber auch die Einheimischen immer mehr aus.“ (bfk, aha, tom, pascal, bcp, aheu, mw)

Kunden seien derzeit Mangelware, sagt Erika Stecher, die in einem Geschenkeladen im Innsbrucker Dez arbeitet.
© Mair

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