Eine Sache der Genitalien: Die Serie „Freud“ auf ORF und Netflix

Dieser Freud geht auf Mörderjagd: Robert Finster, Ella Rumpf und Georg Friedrich sind ab morgen in der Serie „Freud“ zu sehen. Zuerst auf ORF, dann auf Netflix.

Newcomer Robert Finster ist derzeit Ensemblemitglied am Schauspielhaus Graz.
© Satel Film

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – „Sie hören meine Stimme, Sie sehen das Pendel. Nur meine Stimme und das Pendel. Alles andere verschwindet.“ Mithilfe von Hypnose soll Lenore sich nochmal an den Tag erinnern, an dem sie ihre Stimme verloren hat – den Tag, an dem sie ihre siebenjährige Tochter während eines tragischen Unfalls verlor. Und es klappt: „Josephin!“, schreit die vermeintlich Verschwiegene plötzlich. Und Freud ist zufrieden. Nicht weil seine Therapie greift, sondern weil die Szene schon „ziemlich glaubwürdig“ klingt – so könne man das auf der Psychiatrie in Wien auf jeden Fall schon inszenieren. Inszenieren? Ist Sigmund Freuds Hypnosetherapie etwa nichts weiter als ein großer Bluff?

Die neue ORF/Netflix-Serie „Freud“ jedenfalls stellt den großen Begründer der Psychoanalyse ihrem Publikum so vor. In der ersten Koproduktion von ORF und dem US-Streamingriesen Netflix hofft der junge Doktor „Sigi“ zwar, mit seiner neuen Therapie-Methode in bislang unbekannte Regionen der menschlichen Seele vorzudringen, so richtig klappen will es aber noch nicht. Die achtteilige Serie, geschrieben von Benjamin Hessler, Stefan Brunner und Marvin Kren (der auch Regie führt), setzt eben schon 1886 ein. Freud steht zu dieser Zeit noch am Anfang seiner Forschung und seine später revolutionären Theorien werden von den Kollegen noch verlacht.

Biografisch oder historisch korrekt darf man Marvin Krens Freud (gespielt von Robert Finster) nicht nehmen: Die Serie ist Fiktion. Freuds Wissenschaft wird publikumswirksam radikal heruntergebrochen: „Es ist immer, immer, eine Sache der Genitalien“, resümiert er seinen Durchbruch an einer entscheidenden Stelle. In der Psychiatrie ist dieser Freud aber nicht oft vorzufinden: Auch wenn er sich anfangs noch sträubt, bald geht der Wissenschafter auf Verbrecherjagd. Unterstützt etwa von Fleur Salomé (Ella Rumpf), einem mysteriösen Medium, die unter Hypnose grausame Morde vorhersehen kann. Richtig, eine klassische Gesprächstherapie dürfte hier wohl nicht mehr greifen.

Hineingezogen in den Strudel von Verbrechen wird schlussendlich auch Ermittler Alfred Kiss (Georg Friedrich), der neben seiner Arbeit mit ermordeten Wiener ­Madln eigentlich erst noch traumatische Kriegserlebnisse aufarbeiten sollte. Friedrichs Figur ist die facettenreichste im Cast: Nach und nach fasst der zotige Polizist Vertrauen in das Können von Freud. In kleinsten Gemütszuckungen schafft es Friedrich, Kiss’ Brüchigkeit zu vermitteln. Die Newcomer Robert Finster und Ella Rumpf erscheinen dagegen viel statischer.

In ihrem Umfeld wird deshalb technisch ausgiebig geklotzt: Freud und Fleur sind praktisch durchgehend high, benebelt von Visionen, in schauderhaften Träumen von blutbeschmierten, nackten Mördern gefangen oder einfach auf abgefahrenen Trips hängengeblieben (Freud verwendet Kokain noch als „Arzneimittel“). So kommen die Zuseher an die Persönlichkeiten selbst kaum heran. Sie wirken durchgehend undurchsichtig. Anders bei Gräfin Sophia (Anja Kling) und Graf Viktor Szápáry (Philipp Hochmair), die Fleur Salomé wie eine Art Attraktion in grusligen Séancen vorführen – das Publikum versteht sofort, dass hier die Fäden zusammenlaufen. Und das sinistre Pärchen aus ungarischem Adel hat (Spoiler!) das ganz große Komplott im Sinn, und versucht nicht einfach nur, in der Wiener Gesellschaft Fuß zu fassen.

Wie der Writer’s Room mit wenigen Figuren die Erzählstränge ineinander verwebt, ist gekonnt, geschieht aber auch mit einer Extraportion Kunstnebel. In Teilen erinnert „Freud“ damit an Krens ebenso technisch hochgepitchte Fritz-Lang-Adaption „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Weit hypnotisierender als die übernatürlichen Ausreißer ist aber das reale Setting im Wien der 1880er: Düster, grau und irgendwie in der Vorahnung, dass große gesellschaftliche Umbrüche bevorstehen, präsentiert es sich – perfekt für eine kleine, feine, aber aufsehenerregende Mordserie. Was Wien betrifft, bleibt Kren (Gott sei Dank!) authentisch: Das Gros der Figuren grantelt auf Wienerisch, beim Heurigen oder auf der Bude. Die Frage, ob „Freud“ wie schon die BBC-Erfolgsserie „Sherlock“ auch in der Gegenwart funktioniert, stellt sich nicht. Denn genau dieses Wien wird auch die internationale Streaming-Community faszinieren. Ab 23. März läuft „Freud“ dann auf Netflix.


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