Tragödie am Fluss der Tränen: EU-Außengrenze für Flüchtlinge dicht

Am griechischen Grenzfluss Evros spielt sich ein neues Drama in der Flüchtlingskrise ab. Die Region befindet sich im Ausnahmezustand. Die Angst vor Erdogans Politik ist groß.

Flüchtlinge beim Versuch, den Grenzfluss Evros zu überqueren. Doch die EU-Außengrenze ist dicht.
© AFP

Kastanies – Die Landesstraße nahe der griechischen Kleinstadt Didymoteicho verläuft eng entlang des griechisch-türkischen Grenzflusses Evros. Das Biotop am Fluss ist weltweit für seine Vogelarten bekannt – ruhig fließt das Wasser gen Süden, Vögel zwitschern. Plötzlich Schreie: „Gehen Sie sofort weg. Sie wissen doch, das hier ist militärisches Sperrgebiet!“ Zwei griechische Nationalgardisten – Herren im Alter von etwa 50 Jahren – verjagen jeden, der sich dem Fluss nähert. Es ist Alltag am Evros, seit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Ende Februar die Grenzen seines Landes für Migranten öffnete und damit einen neuen Zustrom verzweifelter Menschen auslöste, die versuchen, nach Griechenland zu gelangen.

„Die ganze Aktion ist von der türkischen Seite aus gut organisiert“, sagt ein Offizier des griechischen Militärs am Grenzübergang von Kastanies. In den ersten Märztagen kamen Tausende Migranten zum Grenzfluss Evros und versuchten, nach Griechenland überzusetzen. Mit Bussen wurden sie zur Grenze gebracht, Lager wurden auf türkischer Seite errichtet. Doch Athen war nach immer wieder geäußerten Drohungen des östlichen Nachbarn vorbereitet – einen Zustrom von Migranten wie 2015 wollte man nicht erlauben. Damals hatte knapp eine Million Menschen aus der Türkei nach Griechenland übergesetzt. Die meisten sind heute in Deutschland und in anderen wohlhabenden EU-Ländern.

Am Evros werden die Mi­granten nun per Lautsprecher informiert, dass die Grenze dicht ist. Wenn sie dennoch versuchen, die Grenze zu überwinden, setzen griechische Grenzer Tränengas und Wasserwerfer ein, um sie daran zu hindern. Auf der anderen Seite werden die Migranten von türkischen Sicherheitskräften unterstützt – immer wieder werden Tränengaskartuschen der türkischen Gendarmerie über die Grenze geschossen, um griechische Grenzer vom Zaun zu vertreiben.

Eine Befragung von einigen hundert Migranten, denen es gelang, EU-Boden zu erreichen, zeigt nach den Worten des griechischen Offiziers, wer hinter der Aktion steckt. „In der Mehrheit sind diese Menschen nicht verfolgte Flüchtlinge. Sie leben schon seit Jahren in der Türkei, viele sprechen fließend Türkisch“, sagt er. Einige seien für die Aktion der Türkei sogar aus Gefängnissen entlassen worden, wo sie wegen kleinerer Delikte oder Drogengeschäften eingesperrt waren.

„Hier ist der Fluss der Tränen“, sagt Maria, eine Bewohnerin des Dorfes Kastanies. Ihr Haus liegt rund 300 Meter von den Ausschreitungen entfernt. „Hier kommen jeden Tag die Tränengasschwaden herübergezogen. Ich bin alt und kann nicht weggehen“, sagt sie. Sie sorgt sich um ihren Sohn, der seit Anfang März als Grenzpolizist am Evros im Einsatz ist. „Der da gegenüber (Erdogan) ist durchgedreht“, schimpft sie. Eine andere Frau, Evdokia, die in der Nachbarschaft eine kleine Taverne betreibt, ruft dazwischen: „Der hat kein Problem, wenn hier Blut vergossen wird.“ Eine weitere junge Frau sagt: „Erdogan ist leider nicht zu bremsen. Er nutzt diese armen Menschen, um die EU unter Druck zu setzen.“

Offiziere der Grenzschutzagentur Frontex, die bereits am Evros im Einsatz sind, sehen nun seit einigen Tagen eine deutliche Veränderung der Situation. Nachdem zunächst Tausende entlang des Flusses versuchten, nach Griechenland überzusetzen, kommen nun nur noch einige hundert am Tag. In der Nacht zum Freitag wurden lediglich knapp 900 Übergänge vereitelt. In den ersten Tagen verhinderte die griechische Polizei eigenen Angaben zufolge täglich mehr als 10.000 solcher Versuche. „Die Menschen haben es begriffen: Europa ist nicht bereit, sie auf diese Art aufzunehmen“, sagt ein aus Polen stammender Grenzpolizist mit Blick auf die Aggressionen jenseits des Zauns, wo vermummte Gestalten Brandsätze werfen und versuchen, den Zaun mit Gewalt einzureißen.

Die Bewohner am Evros fragen sich, wie es weitergeht. Dazu gibt es zwei Szenarien, meint ein Polizist in der Regionalhauptstadt Alexan­droupolis. Entweder Erdogan lasse während der kommenden Wochen eine Gruppe von rund 7000 Migranten auf der türkischen Seite der Grenze bei Pazarkule ausharren. Diese könnten dann womöglich täglich zur Schau einen Ansturm auf den inzwischen mit Stacheldraht verstärkten Grenzzaun unternehmen. Oder – das schlechtere Szenario – Erdogan schalte eine Stufe höher und schicke Hunderttausende Mi­granten auf den Weg Richtung Griechenland.

Derzeit wird der Grenzzaun jeden Tag weiter ausgebaut und repariert. Athen hat zusätzliche Polizei- und Militär­einheiten zusammengezogen. Alle warten angespannt darauf, was Erdogans nächster Schritt sein wird. Eins hat er bereits geschafft: Mit dem Zustrom von Migranten hält er den größten Teil der griechischen Sicherheitskräfte auf Trab. Das kostet Athen Nerven und Geld. Genau das also, was Griechenland zur Zeit nicht brauchen kann – das Land kommt gerade aus der schweren Finanzkrise heraus. Regierungschef Kyriakos Mitsotakis nennt es eine „asymmetrische Bedrohung“ seitens der Türkei. Viele Griechen gehen verbal noch einen Schritt weiter: Sie sprechen von einer „Invasion mit anderen Mitteln“. (dpa/Tsafos)


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