Die Pulswellen gehen hoch: Wenn das Herz-Kreislauf-Risiko zunimmt

Mit zunehmendem Alter werden die Gefäße steifer und die Pulswellengeschwindigkeit nimmt dadurch zu. Das erhöht – vor allem für Frauen – das Herz-Kreislauf-Risiko.

Die Messung der Pulswellengeschwindigkeit ist einfach und sollte in den nächsten Jahren zum Standard werden.
© VASCage/Domig

Von Theresa Mair

Innsbruck – Wer älter wird, merkt, dass er nicht mehr so beweglich ist wie noch in jungen Jahren. Die Gelenke fühlen sich steifer an. Was man nicht mitbekommt, ist, dass auch die Gefäße zunehmend versteifen. „In einem normalen, jungen Körper sind die Gefäße elastisch, sie dehnen sich und tragen damit zum Blutfluss bei. Durch schädliche Prozesse werden sie mit zunehmendem Alter steifer. Die Gefäßsteifigkeit gibt also Information über das Gefäßalter“, erklärt Stefan Kiechl, Direktor der Uniklinik für Neurologie und wissenschaftlicher Leiter von VASCage (Zentrum für Gefäßalterung) in Innsbruck.

Erstmals haben die Innsbrucker Forscher beider Institutionen gemeinsam mit Kollegen des King’s College London sowie der größten medizinischen Einrichtung in Zentralchina in Changsha und der Zhejiang University nun eine Studie zum Thema durchgeführt, die alle Altersgruppen (14 bis 96 Jahre) abdeckt. Dafür haben sie bei mehr als 80.000 chinesischen Teilnehmern die Pulswellengeschwindigkeit (PWG) gemessen.

Sie gibt an, mit welcher Geschwindigkeit die Druckwelle des Pulses durch die Arterien läuft. „Die Pulswellengeschwindigkeit wird schneller, wenn das Blut durch ein starres Gefäß gepumpt wird. Die Partner in China haben eine einfache, gut etablierte Methode angewandt. Mit einer Manschette an jeweils beiden Oberarmen und beiden Unterschenkeln, die aufgeblasen wird“, erklärt Kiechl. Im Prinzip läuft die PWG-Messung also wie eine Blutdruckmessung ab. Das Gerät errechnet die Differenz der Pulskurven zwischen Oberarm und Schenkeln. „Noch ist die Messung nicht im klinischen Standard enthalten. Wir setzen uns dafür ein, dass das zur Routine-Untersuchung wird, und hoffen, dass sie in drei bis fünf Jahren Standard ist“, sagt Kiechl.

Denn auch die Resultate der aktuellen Studie, die im Journal of the American College of Cardiology erschienen ist, untermauern die Relevanz der PWG-Messung. „Im Wesentlichen haben wir drei wichtige Ergebnisse. Die Pulswellengeschwindigkeit ändert sich bereits im Jugendalter. Prävention muss daher schon im Schulalter beginnen“, so der Gefäß- und Schlaganfall-Experte. Ein ungesunder Lebensstil beschleunige die Versteifung der Gefäße.

Das zweite Resultat betrifft Geschlechterunterschiede. Dazu holt Kiechl aus: „Schlaganfälle sind früher häufiger bei Männern vorgekommen. Durch die steigende Lebenserwartung sind jetzt mehr Frauen betroffen. Sie erleiden tendenziell auch schwerere Schlaganfälle als Männer.“ Die Studie liefert eine Erklärung dafür. Sie zeigt, dass bei Männern die Versteifung der Gefäße zwar früher einsetzt und bis zur Menopause auch stärke­r ausgeprägt ist als bei Frauen. Ab den Wechseljahren – im Schnitt mit 49 Jahren – nimmt die Gefäßsteifigkeit bei Frauen allerdings massiv zu, sodass sie die Männer sogar „überholen“, so Kiechl. „Bisher haben wir gewusst, dass Frauen nach der Menopause bei der Atherosklerose aufholen, aber nicht an die Männer herankommen.“

Die Folgen steifer Gefäße sind jedoch mindestens genauso gravierend. „Wenn die Schlagadern steif sind, muss das Herz mehr arbeiten. Dadurch kann es zu Herzinsuffizienz kommen. Im starren Gefäß steigt auch der Blutdruck und der pflanzt sich fort in die kleinen Gefäße von Organen wie Hirn, Herz und Nieren“, schildert er. Warum Frauen bis zur Menopause elastischere Gefäße haben, ist noch nicht ausreichend untersucht. Dank der Monatsblutung kommt es zu keiner Eisenüberladung im Körper. „Man geht davon aus, dass das gut ist.“ Über einen hormonellen Einfluss wird ebenso diskutiert.

Das dritte Ergebnis betrifft die Risikofaktoren. Es hat sich gezeigt, dass gewisse Vorerkrankungen wie Diabetes, chronische Entzündung odereine Fettleber-Erkrankung in Kombination mit steifen Gefäßen das Risiko für einen Schlaganfall potenzieren. „Bei Frauen ist auch dieser Effekt größer als bei Männern.“


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