Tiroler Gymnastin Ruprecht bestreitet im Wohnzimmer ihr Olympia-Training

Die Rhythmische Gymnastin Nicol Ruprecht peilt allen Widrigkeiten zum Trotz ihre zweite Olympia-Teilnahme an. Die 27-jährige Tirolerin über Hindernisse, eine Skandal-WM und warum sie trotzdem auf ihrem Weg blieb.

Gymnastin Nicol Ruprecht (r.) lächelt mit ihrer Trainerin Lucia Egermann alle Schwierigkeiten weg.
© imago images/Beautiful Sports

Mit Punkterekorden und Top-Ten-Plätzen bei Grand-Prix-Wettkämpfen übertrafen Sie sich zuletzt selbst. Die Form scheint zu stimmen?

Nicol Ruprecht: Ich bin ganz zufrieden, wenn man bedenkt, dass die Saison noch jung ist. Unsere neue Halle in Stadlau (Wien, Anm.), in der wir seit Sommer sind, macht sich nun bezahlt. Wir haben endlich einen Gymnastik-Boden mit Unterbau und ich konnte ohne Pausen trainieren – 24 Stunden, sieben Tage die Woche sozusagen (lacht).

Auch Ihre Übungen haben Sie zuletzt noch einmal ausgebaut.

Ruprecht: Wir hatten viele Spezialisten aus dem Ausland eingeladen und meine Übungen gerätetechnisch schwieriger gemacht. Das heißt, ich habe jetzt vier Würfe mehr pro Übung im Programm, das sind in etwa zwei Punkte mehr. Damit habe ich mich abgesichert, wenn die Kampfrichter irgendetwas hinterfragen sollten.

TT-ePaper gratis testen und eine von fünf Snow Cards Tirol gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt mitmachen
TT ePaper

Ist das eine Lehre aus dem Bewertungsskandal bei der WM im Vorjahr, bei der Sie unterbewertet und auch Kampfrichterinnen ausgeschlossen wurden?

Ruprecht: Sagen wir so: Es war nicht gerade einfach danach. Wir Österreicherinnen haben ja leider keinen Kampfrichter. Ich habe nun dieselben Werte, wie sie die Top 10 der Welt in ihren Übungen haben. Im Vorjahr lag ich mit einem kleinen Fehler bei 17,5 Punkten, jetzt bei 19,7.

Das Ergebnis der WM wurmt Sie weiterhin ...

Ruprecht: Im schlimmsten Fall wird, wenn sich nun wegen des Coronavirus keine Olympia-Qualifikation mehr ausgeht, auf diese WM zurückgegriffen. Dann habe ich überhaupt keine Chance, nur weil ich in der falschen Gruppe war (zwei Kampfrichterinnen wurden während des Wettkampfs abgesetzt, Anm.). Dann wäre es vielleicht Schicksal. Ich kann nur weitertrainieren und irgendwann wieder starten …

Zuletzt in Moskau lagen fünf Russinnen vor Ihnen. So gesehen gut, dass maximal zwei pro Land in Tokio starten dürfen. Was ist dort so anders als bei uns?

Ruprecht: Es ist eine andere Welt. Was bei uns Fußball oder Skifahren ist, sind dort die Turnsportarten. Jedes Mädchen fängt dort zu turnen an, die sehr Beweglichen mit den langen Beinen kommen zur Gymnastik, die kleinen Muskulösen zum Geräteturnen, jene mit einem nicht so schön spitzen Fuß zum Eiskunstlauf.

Und der Staat unterstützt das Geschehen.

Ruprecht: Es wird unheimlich viel Geld investiert, von dem neuen Irina-Viner-Palast in Moskau träumt die ganze Welt. Der ist unglaublich, so etwas habe ich noch nie gesehen: sechs Hallen mit zwölf Teppichen, ein Reha-Zentrum, ein Gymnastik-Museum, ein Hotel, sechs Cafés, eine Wettkampfhalle für 4000 Zuschauer, mit einem Beleuchtungssystem, das andere Hallen simulieren kann. Ein Schlaraffenland der Rhythmischen Gymnastik.

Von Irina Viner wurden Sie zuletzt aber auch immer wieder gelobt.

Ruprecht: Das ist wie ein Ritterschlag, das freut einen natürlich und da bin ich auch stolz drauf. Sie kommt zu mir und sagt, dass sie sich freut, dass ich immer noch dabei bin und ich auf der Fläche sehr schön aussehe.

Eine Einladung in Ihren Palast gab es bislang aber noch nicht?

Ruprecht (lacht): Dort zu turnen, kostet 600 Euro am Tag.

Wie sieht Ihr Trainingsalltag derzeit aus?

Ruprecht: Die Halle ist gesperrt, jetzt muss ich daheim trainieren, so gut es eben möglich ist. Ein fünf Meter hohes Wohnzimmer habe ich nicht (lacht), aber ich gehe jeden Tag laufen und mache daheim Krafttraining. Als Ballettstange halten der Esstisch und die Küchenkästchen her.

Und der nächste Wettkampf?

Ruprecht: Alles ist abgesagt, auch unsere EM im Mai fällt aus. Der Weltcup in Pesaro soll nun Anfang Juni stattfinden, die anderen sind noch ungewiss. Ich habe keine Ahnung, wie sich das hinsichtlich Olympia ausgehen soll, aber mal schauen und hoffen. Außerdem bin ich ja nicht die Einzige, die das betrifft.

Nicol Ruprecht in Aktion.
© imago images / Beautiful Sports

Sie waren schon 2016 in Rio de Janeiro am Start, ist eine erneute Olympia-Qualifikation jetzt einfacher, weil Sie Erfahrung haben?

Ruprecht: Eigentlich nicht. Meine Trainerin Lucia hat mich dahingehend auch beruhigen wollen, aber ich bin sehr nervös. Es ist richtig schlimm: Seit vier Jahren arbeite ich erneut auf dieses Ziel hin, mindestens sechs Stunden täglich – jetzt will ich wieder dabei sein.

Beim letzten Mal ließen Sie sich die olympischen Ringe tätowieren, jetzt wieder?

Ruprecht: Klar. Sollte ich qualifiziert sein, mache ich sofort einen Termin aus (lacht).

Und wenn nicht?

Ruprecht: Das wäre sehr ernüchternd, aber man muss auch in diesem Fall am Boden bleiben. Es gab in den letzten vier Jahren so einige Momente, in denen ich es mir nicht erträumt hätte, heute wieder vor einer Olympia-Qualifikation zu stehen. Ich habe nicht gewusst, warum ich mir das alles überhaupt antue: die Bänderrisse, die Hallenbedingungen, die WM ... Dass ich über so viele Hindernisse gekommen bin, alleine das macht mich stolz.

Sie zählen mit 27 Jahren zu den Ältesten. Werden Sie dann Ihre Karriere beenden?

Ruprecht: Natürlich bin ich jetzt in einem Alter, in dem eine Karriere in der Rhythmischen Gymnastik langsam auf ihr Ende zugeht. Irgendetwas wird sich schon verändern, aber jetzt liegt mein Fokus noch voll auf dem Sport.

Sie sagten einmal, nach Ihrer Karriere endlich kurze Haare haben zu wollen.

Ruprecht: Das muss ich mir noch einmal ganz genau überlegen (lacht).

Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer


Kommentieren


Schlagworte