Corona-Krisenmanagement in Tirol: Politisches Nachspiel in Causa Ischgl folgt

Jetzt kommt Sölden wie das Paznaun, St. Anton und alle Vorarlberger Skiorte am Arlberg unter Quarantäne. LH Platter kündigt tiefgreifende Analyse zum Krisenmanagement rund um Ischgl an.

In Ischgl wurden erst Anfang der Vorwoche die Après-Ski-Bars geschlossen. Das Ibiza der Alpen gilt als Auslöser für Corona-Verbreitung.
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Von Peter Nindler

Innsbruck, Ischgl, St. Anton a. A. — Skiurlaub in Ischgl heißt vor allem Halligalli. Und wer etwa in Galtür urlaubt, pilgert abends ebenfalls gern ins Ibiza der Alpen. St. Anton reiht sich auch in die Party ein. Doch die ist seit Tagen jäh vorbei. Hunderte Urlauber aus skandinavischen Ländern und Deutschland haben sich in den alpinen Hotspots Ende Februar und Anfang März infiziert. Dazu kommt noch die unkoordinierte Abreise, seit die Gemeinden am Freitag unter Quarantäne gestellt wurden. Der Gesundheitsminister von Baden-Württemberg, Manne Lucha (Grüne), meinte sogar, „die Après-Ski-Partys in Tirol haben uns ein ganz großes Problem ins Land gebracht".

Es hagelt Vorwürfe an die Tiroler (Gesundheits-)Behörden, Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg (VP) machte noch dazu Montagabend im Fernsehen eine mehr als unglückliche Figur. Hinter den Kulissen brodelt es deshalb, schließlich kursieren immer mehr Meldungen, dass die Verantwortlichen in den Tourismus-Hochburgen im Oberland mögliche Corona-Erkrankungen vertuscht bzw. die Symptome, die darauf hinwiesen, nicht ernst genommen haben. Hauptsächlich in ­Ischgl und St. Anton, seit dem Wochenende außerdem in Sölden im Ötztal. Dutzende Hotelmitarbeiter sollen betroffen sein.

📽 Video | Gesundheitslandesrat Tilg in der ZiB 2

Die Seilbahnwirtschaft wollte sich gestern nicht dazu äußern, ob die Skigebietsschließungen im Paznaun und in Tirol am vergangenen Sonntag nicht zu spät erfolgten. Offenbar wird die Corona-Krise auch zur Belastungsprobe für die Seilbahner. Dort gibt es offenbar unterschiedliche Positionen. Landeshauptmann Günther Platter (VP) versucht unterdessen den Spagat. Er will keine Schuldzuweisungen treffen, verweist auf die Ausnahmesituation, jedoch darauf, „dass es danach eine tiefgreifende Analyse geben wird". Das sei in solchen Situationen allerdings ganz normal.

„Offene Bewertung" mit den Touristikern

Nach menschlichem Ermessen habe Tirol alles getan und einschneidende Maßnahmen getroffen, damit kein Chaos ausbricht, nimmt Platter seinen Gesundheits-LR Tilg in Schutz. „Natürlich werden wir uns danach eingehend mit der Frage beschäftigen, ob wir alles richtig gemacht haben. Das betrifft allerdings nicht nur Tirol, sondern auch Europa." Unabhängig davon, dass es jetzt gelte, die Corona-Krise zu bewältigen, kündigte der Landeshauptmann zum geeigneten Zeitpunkt auch eine „offene Bewertung" mit den Touristikern an. „Mir geht es dabei darum, wie wir künftig mit solchen Situationen umgehen, um eine nachhaltige und positive Entwicklung im Tourismus zu fördern."

Doch nicht nur das Paznaun oder St. Anton sind aktuell von der verhängten Quarantäne berührt, seit Dienstag betrifft es die gesamte Vorarlberger Arlbergregion mit den Gemeinden Lech, Klösterle, Warth und Schröcken. Als Grund für diese Maßnahme nannte Landeshauptmann Markus Wallner den Umstand, dass am Montag fünf positive Fälle in Lech bekannt geworden seien und man mit einer hohen Dunkelziffer rechne.

Das Ötztal mit der Touristenhochburg Sölden rückte dann Dienstagabend in den Mittelpunkt. Auch dort sind Mitarbeiter von Après-Ski-Bars erkrankt, bei einigen ausländischen Mitarbeitern stellte sich nach ihrer Rückkehr in die Heimat am Wochenende heraus, dass sie sich angesteckt haben. Und Dutzende Mitarbeiter von Hotels sollen sich in Isolation befinden. Eine Quarantäne wurde verhängt....

Debatte um Tilg, es hagelt Kritik

Der Coronavirus-Herd Ischgl sorgt zunehmend für Kritik am Vorgehen des Tiroler Gesundheitslandesrats Bernhard Tilg (ÖVP) nimmt zu.

Der grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober will gar nicht ausschließen, dass hier Fehler passiert sein können. Es sei aber ein Schritt nach dem anderen zu gehen - jetzt müsse man die Krise bewältigen. Danach könne man sich anschauen, wo vielleicht Fehler passiert sind. Da brauche es dann volle Transparenz und Konsequenzen.

SPÖ. Für Tirols SPÖ-Chef Georg Dornauer ist Tilg mit der aktuellen Situation überfordert und muss sofort abberufen werden.

FPÖ. "Wir brauchen jetzt kein Scherbengericht. Zuerst gilt es die Krise zu bewältigen, anschließend wird man sich aber sehr intensiv über diese Fehlentscheidungen unterhalten müssen", erklärt FPÖ-Obmann Markus Abwerzger.

Liste Fritz. Mitten in einer der schwersten Krisen der letzten Jahrzehnte sei es ein Gebot der Stunde zusammenzuhalten, sagt Parteichefin Andrea Haselwanter-Schneider. "Jetzt ist nicht die Zeit der Abrechnung und der Krisenanalyse."

NEOS. Es sei unerträglich, wie die verantwortlichen Landespolitiker in der Causa Ischgl herumlavieren, kritisiert NR Gerald Loacker.

📽 Video | Ischgl als Hotspot für Infektionen in Österreich


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