Verständnis für Quarantäne, aber die Ungewissheit bedrückt Tiroler

Das Dorf nicht verlassen, den Alltag drastisch einschränken: Die Bevölkerung unterstützt die einschneidenden Corona-Maßnahmen, aber allein in 62 Gemeinden gibt es keinen Nahversorger.

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In der Apotheke im Innsbrucker Dez in Innsbruck sorgt eine Security-Mitarbeiterin mit Mundschutz dafür, dass die Kunden geordnet eintreten.
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Innsbruck, Tirol – Keine Bewegung! Für einen ehemaligen Spitzen­sportler kaum vorstellbar. Aber: Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Michael Baur bringt großes Verständnis für die drastischen Einschränkungen auf. „Es ist ein großer Eingriff in unser Leben. Ich bin ja ein Mensch, der viel Bewegun­g braucht, nun ist dies­e Bewegungsfreiheit schon sehr eingeschränkt.“ Baur lebt in Westendorf und hat sich für den längeren Aufenthalt zu Hause vorbereitet. „Es gilt jetzt, sich seine persönliche Freiheit zu Hause zu schaffen und das Beste daraus zu machen“, sagt Baur. Nun müsse man zusammenhalten und die älteren Mitbürger schützen.

Der Pfundser Dekan Franz Hinterholzer
© Wenzel

Der Alltag muss für den Pfundser Dekan Franz Hinterholzer ebenfalls weitergehen. „Gestern hatte ich eine Beerdigung und ich habe einen Sterbenden besucht. Ich bin sonst zu Hause und gehe nur hinaus, wenn es notwendig ist.“ Die Maßnahmen seien notwendig, damit das Gesundheitssystem nicht zusammenbreche, findet der Pfarrer, der in der Krise mit neuen Herausforderungen konfrontiert ist. „Ich habe mir zum ersten Mal in meinem Leben einen Youtube-Kanal angelegt.“ Er möchte künftig seine Messen streamen, sollt­e es etwa nicht möglich sein, Ostern in der Kirche zu feiern. Ansonsten telefoniert Hinterholzer viel. „Ich werde oft angerufen. Die Beschränkungen sind für die seelische Gesundheit derzeit das Belastendste.“

"Wissen nicht, wie lange unser Betrieb geschlossen bleiben muss"

Vor allem die Ungewissheit plagt Martina Unterlercher vom gleichnamigen Sportartikelgeschäft in Fügen. „Wir wissen ja nicht, wie lange unser Betrieb geschlossen bleiben muss.“ Es gebe die laufenden Ausgaben wie Geschäfts­mieten, Personalkosten und die täglich eintreffenden Warenlieferungen mit den dazugehörenden fälligen Rechnungen, die nicht mehr gestoppt werden könnten – aber keine Umsätze. „Alle Geschäfte sind voll mit Frühlingsware, ohne die Möglichkeit, sie verkaufen zu können. Alle sollten deshalb zugeben, dass es ohne Verlust­e nicht gehen wird.“

Ähnliche Sorgen hat Dujar Tuncer aus Ehrwald. Seine Pizzeria an der Hauptstraße lief bis zum vergangenen Wochenende bestens. Er hatte einen Koch, eine Bedienung, einen Lieferanten, und er selbst war ebenso voll im Geschäft. „Spencer“, wie sie ihn allen nennen, musste jetzt auf Lieferservice umstellen, hat überall Flyer verteilt. „Ich hoffe nur, dass es nicht zu lange so gehen muss“, meint der Gastronom. Mittwoch hatte er Lieferungen von „vielleicht 100 Euro“. Davon müssten Miete, Strom und sein Mitarbeiter gezahlt werden. Gedanken macht sich „Spencer“ auch über seiner anderen Angestellten, die nun mit Arbeitslosenunterstützung durchkommen müssen. „Das reicht nicht einmal für die Fixkosten wie Wohnung und Auto.“

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„Dass nicht noch mehr Verunsicherung aufkommt.“

Vor Falschnachrichten ist die Bevölkerung derzeit nicht gefeit. In Windeseile verbreitete sich vorgestern im Außerfern ein gefaktes Schreiben von Bezirkshauptfrau Katharina Rumpf. Darin war von 41 bestätigten Corona-Fällen im Bezirk die Rede, davon allein 38 in Häselgehr. Tatsächlich waren es zu diesem Zeitpunkt vier. Wie überhaupt am Mittwoch in allen Landesteilen bereits Meldungen kursierten, dass die eine oder ander­e Gemeinde unter Quarantän­e gestellt wird. Deshalb, so Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP), habe man die landesweit­e Verordnung bereits Mittwochabend verkündet. „Dass nicht noch mehr Verunsicherung aufkommt.“

Wichtiger Energieversorger: Der Ehrwalder Edi Amort beliefert mit seinem kleinen Tankwagen die Kunden. Er beruhigt sie. „Es ist genügend da.
© Paschinger

Der öffentliche Verkehr kommt zusehends zum Erliegen, die Taktverbindungen werden tirolweit angepasst. „Die Leute bleiben tatsächlich zu Hause, wir haben fast gar keine Fahrgäste mehr“, berichten zwei Busfahrer aus Lienz. „Und das nicht nur, weil die Schülertransporte weggefallen sind. Bis auf einzelne Einkäufer ist niemand mehr auf den Straßen unterwegs.“ Beruflich machen sie sich noch keine Sorgen. Auch vor einer Ansteckung fürchten sich die Männer nicht. „Es ist einfach eine besondere Zeit, und es ist gut, dass sich die Menschen an die Verordnungen halten.“

„So ist es jetzt zumindest für alle gleich“

Ein kleiner Rundgang durch den Innsbrucker Stadtteil Amras zeigt, dass die Bevölkerung dort viel Verständnis für die einschneidenden Maßnahmen aufbringt: „Ich finde die Quarantäne für ganz Tirol schon gut“, sagt eine Innsbruckerin, die auf dem Rückweg vom Einkaufen bei einem Bauernhof in Amras die Hühner mit alten Salatblättern füttert. „Lieber 14 Tage eingeschränkt leben, als dass sich das Ganze noch länger hinauszieht.“

Ähnlich sehen das die Arbeiter auf einer nahegelegenen Baustelle: „So ist es jetzt zumindest für alle gleich“, meint einer. Auch was die Baustellen angeht, wären die Arbeiter für eine einheitliche Regelung: „Entweder man macht überall für einige Wochen zu oder man lässt alle offen.“ Sie merken an: Auf einer Baustelle zwei Meter Abstand von den Kollegen zu halten, gehe in der Praxis kaum.

Auch die Kassierin eines Supermarktes – sie trägt zum Selbstschutz Gummihandschuhe – ist klar für die streng­e Quarantäne: „Sonst greifen die Maßnahmen nicht.“ Bei den Kunden gebe es viele, die verständnisvoll und vernünftig seien, aber auch andere, die „schwieriger sind“.

62 Gemeinden ohne Nahversorger

Als völlig legitim bezeichnet der Taxifahrer Hasan Yangö­z die Quarantäne: „Würden wir alles normal weiterlaufen lassen würden, könnten sich noch viel mehr Leute infizieren. Ich bin froh, dass diese Maßnahme ausgesprochen wurde.“ Kundschaften gebe es zurzeit freilich „sehr wenig“, aber das sei für jeden nachvollziehbar.

Taxifahrer Hasan Yangöz vor dem Innsbrucker DEZ; findet Quarantäne für ganz Tirol "völlig legitim"
© Domanig

Die fehlende Nahversorgung erweist sich aktuell als Bumerang. Zumindest in derzeit 62 Gemeinden muss die Bevölkerung auch nach der verhängten Quarantäne über das gesamte Land ihre jeweiligen Gemeindegrenzen verlassen. All diese Gemeinden verfügen nämlich über keinen Nahversorger, also ein Lebensmittelgeschäft. Diese Gruppe umfasst nicht nur solche Gemeinden, die keinen klassischen Supermarkt im Ort haben, auch gibt es dort weder Metzger noch Bäcker.

Das bestätigt der Geschäftsführer der Sparte Handel in der Tiroler Wirtschaftskammer, Alois Schellhorn: „Diese Zahl ist seit einigen Jahren annähernd konstant.“ All diese 62 Gemeinden sind also auf ihre Nachbarorte angewiesen, um ihre Grundversorgung decken zu können. Auch wenn es derzeit der falsche Zeitpunkt für eine solche Debatte sei, so ist Schellhorn davon überzeugt, dass „eine derartige Krise dazu führen kann, dass die Nahversorgung im eigenen Ort wieder mehr gestärkt werden kann“. Und eben zu einem Umdenken bei den Kunden.


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