Coronapartys bei Tirols Nachbarn, 16 Tote in Südtirol

Ministerpräsident Söder droht mit Ausgangssperren in Bayern. Der Schweizer Kanton Uri verbietet allen über 65-Jährigen, ihre Wohnungen zu verlassen.

Noch gibt es in Bayern keine durchgängigen Ausgehbeschränkungen.
© Bildagentur Muehlanger

München, Bern — Ihm ist gestern der Kragen geplatzt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder meinte im Landtag: „Wenn sich viele Menschen nicht freiwillig beschränken, dann bleibt am Ende nur die bayernweite Ausgangssperre als einziges Instrumentarium, um darauf zu reagieren. Das muss jedem klar sein." Was ihn und einige seiner Amtskollegen in anderen Bundesländern auf die Palme treibt, sind so genannte Coronapartys, zu denen sich vor allem junge Menschen auf Grillplätzen oder in Parkanlagen verabreden.

Für einige Bayern ist Söders Drohung bereits Realität geworden. Wegen hoher Fallzahlen wurden über zwei Gemeinden östlich von Bayreuth Ausgangssperren verhängt. Auslöser für die Verbreitung des Virus dürfte ein Starkbierfest in einer der Gemeinden gewesen sein, vermutet der Ministerpräsident. Belegt ist das nicht.

In Bayern wurden laut Söder bis Donnerstagmorgen 2282 Menschen registriert, die mit dem Coronavirus infiziert sind, zehn Menschen sind daran gestorben. „Die Fälle nehmen täglich zu und die Infektionsketten sind immer schwerer zu verfolgen", sagte der CSU-Chef. „Die Lage ist ernst, sehr ernst."

Verschärft wurden auch die Maßnahmen an den Grenzen zu Tirol: Die Bundesstraßengrenze zwischen Kiefersfelden und Kufstein sowie die Grenzübergänge Bayerisch-Zell und Sachrang sind geschlossen. Im Bezirk Kufstein ist es nur noch über die Grenzübergänge Niederndorf-Oberaudorf und über die Autobahn (A12/A93) möglich, nach Bayern einzureisen.

Die deutsche Bundespolizei ersucht Berufspendler, sich ein Bestätigungsformular auf www.bundespolizei.de (unter der Rubrik Coronavirus-Fragen und Antworten) herunterzuladen und vom Arbeitgeber bestätigen zu lassen. Das Formular, gut sichtbar an der Autoscheibe angebracht, erleichtert der Polizei die Abfertigung, wie man bei der Pressestelle betont.

Schweiz erlaubt Fondue-Abend "in kleiner Runde"

zur Schweiz werden schon länger kontrolliert, kleinere Übergänge sind ganz gesperrt. 3888 nachweislich Infizierte wurden im westlichen Nachbarland bereits registriert, 36 starben an den Folgen der Ansteckung, die höchsten Fallzahlen hat das Tessin wegen seiner Nähe zu Italien. Dort sei auch schon absehbar, dass die Zahl der Intensivbetten nicht ausreichen wird, meldete das Bundesamt für Gesundheit.

Am Montag hat Bern den Notstand erklärt. Geschäfte — außer etwa Supermärkte oder Apotheken — sind geschlossen. Die Menschen dürfen raus, aber möglichst nur zusammen mit den Menschen, mit denen sie unter einem Dach leben. Veranstaltungen sind verboten, aber Spielplätze sind offen, und wenn Jugendliche sich spontan draußen treffen, ist das auch in Ordnung. Größere private Feiern darf es nicht mehr geben, den Fondue-Abend in kleiner Runde schon. Überall sollen aber alle zwei Meter Abstand voneinander halten.

Im Kanton Uri dürfen Personen über 65 Jahren seit gestern Abend ihr Haus oder ihre Wohnung nicht mehr verlassen.

Derweil erfolgt laut Verteidigungsministerin Viola Amherd die größte Mobilmachung seit dem Zweiten Weltkrieg: Hunderte Soldatinnen und Soldaten rückten zur Unterstützung der Krankenhäuser ein. Insgesamt will die Armee zunächst bis Ende Juni 8000 Männer und Frauen zur Verfügung stellen. Sie sollen in der Patientenpflege, aber auch in der Logistik, etwa dem Transport von Kranken, eingesetzt werden.

Wenig rosig sind auch die Wirtschaftsprognosen für die Eidgenossen. Die Schweizer Wirtschaft dürfte heuer nach Einschätzung der Regierung stark schrumpfen. So brach etwa die Nachfrage nach Uhren in China wegen des Virus ein.

Schon 16 Tote: Südtirol mahnt Disziplin ein

Auf der Seite des Center for Systems Science and Engineering (CSSE) können die aktuellen Zahlen weltweit verfolgt werden.
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Einen etwas schärferen Ton hat die Südtiroler Landesregierung angesichts der nach wie vor steigenden Zahl der Covid-19-Infizierten gestern angeschlagen. Es könne nicht sein, dass manche immer noch glauben, die Maßnahmen gingen sie nichts an, polterte Landesrat Phi­lipp Achammer im gestrigen Live-Statement, das täglich um 15 Uhr auf stol.it gezeigt wird. „Bleibt konsequent! Bleibt zu Hause! Steht füreinander ein“, damit es möglichst schnell eine Rückkehr zur Normalität gebe. In anderen Ländern seien die Menschen mittlerweile mit denselben Einschränkungen konfrontiert.

Der Bürgermeister von Bozen, Renzo Caramaschi, hält sich nicht mehr mit Appellen auf. Nachdem am Mittwoch schon die meisten Flaniermeilen gesperrt wurden, ließ er nun auch Sitzbänke im Freien mit Absperrbändern umwickeln, um die Menschen davon abzuhalten, sich hinzusetzen.

Auf eine längere Pause als bisher gedacht müssen sich seit gestern auch die SchülerInnen in Südtirol einstellen. Der geplante Termin 3. April für den Wiederbeginn des Unterrichts sei nicht zu halten. Da derzeit keine Entspannung der Lage in Sicht ist, will sich niemand auf ein neues Datum festlegen. Sicher sei nur, dass es eine Matura geben werde, sagte der Landesrat.

Die Zahl der an Covid-19 gestorbenen Patienten in Südtirol ist bis gestern Donnerstag auf 16 gestiegen, vier mehr als noch am Mittwoch. Nachweislich infiziert sind 441, 25 davon müssen intensivmedizinisch versorgt werden, 134 liegen auf Normalstationen. Auch die Anzahl der Personen, die sich in häuslicher Quarantäne befinden, ist nach oben geklettert. Gesamt waren es bis Mittwochabend 1619 Personen. (sta, dpa, APA)


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