Die Seuchen brachten die Medizin voran

Ein Blick zurück zeigt, dass die Menschen immer wieder gegen Krankheitsausbrüche ankämpfen mussten. Der Arzt Henri Kugener, der seit ein paar Jahren in Tirol lebt, besitzt rare Exponate. die er meist nur im Online-Museum zeigt.

Die Masken der Pestärzte fanden Eingang in den Karneval von Venedig.
© Thomas Böhm

Von Alexandra Plank

Innsbruck –Der Arzt Henr­i Kugener lebt in einer Wohnung in Kranebitten. Womit wir beim Thema sind: „Kranebitte heißt Wacholder“, erklärt der gebürtige Luxemburger. Er hat ein „Online-Museum der Medizin und Krankenpflege“ (www.kugener.com) eingerichtet, in dem er rare historische Exponate beschreibt.

So genannte „Schluckbilder“, kaum größer als eine Fingerkuppe, wurden verspeist, um Heilung zu bringen.
© Thomas Böhm

In den häuslichen Vitrinen finden sich einige Besonderheiten, wegen unseres Besuchs hat er zudem wertvolle Stücke aus seinem Lager in Völs geholt. Kugener ist auf die Pest spezialisiert, zudem ein Experte für Seuchen im Inntal. Viele der Dinge, die er gesammelt hat, erscheinen dem heutigen Betrachter als Aberglaube, etwa die getrocknete Kröte. „Doch auch der größte aller Scharlatane Paracelsus legte gedörrte Kröten auf die Wunden, damit sie das Gift der Pest aussögen“, erklärt Kugener. Wir erinnern uns an die Schulzeit und den Leitsatz „Die Dosis macht das Gift“.

Kugener weist darauf hin, dass bis weit ins frühe 19. Jahrhundert Apotheker tote Erdkröten auf Lager hatten. Auch sonst war man gegen ansteckende Krankheiten gewappnet. Der erwähnte Wacholder wurde in Räucherpfännchen mit Resten von Harz und Weihrauch verbrannt. „Auf öffentlichen Plätzen loderten Wacholder-Holz-Feuer, in den Häusern und Ställen räucherte man die Zimmer aus“, sagt der Arzt. Reiner Weihrauch wäre für die großflächige Desinfektion viel zu teuer gewesen. In vielen Tiroler Dörfern hat sich die Sitt­e des Räuchern­s in den Raunächten erhalten (25.Dezember bis 6. Januar).

Getrocknete Kröten sollten gegen das Gift wirken.
© Thomas Böhm

Doch auch die Heiligen mussten ihren Dienst tun. Beliebt waren Reliquienkapseln. Besonders vertrauten Kranke auf den heiligen Rochus. Die Kapseln wurden eng am Körper getragen. Ganz nahe reichte aber offenbar vielen nicht. Kugener zeigt uns „Schluckbilder“. Diese zeigten die heilige Maria und das Jesuskind und wurden verspeist – der Segen damit praktisch verinnerlicht.

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Kapseln mit Kontaktreliquien, hier vom heiligen Rochus, sollten vor Seuchen bewahren.
© Thomas Böhm

Bei der Bekämpfung von Seuchen galt auch die Abschirmung oder Isolation als wirksames Mittel. Der Arzt besitzt einen Bannbrief aus Ferrara. Dieser wurde 1635 ausgestellt und sollte Tiroler von der italienischen Stadt fernhalten. Interessant ist auch, dass sich rund um Mailand im 16. Jahrhundert im Zuge der Bekämpfung der Pest ein Kern-Europa zu bilden begann. Mit Passagierscheinen, die man als Vorläufer der Personalausweise bezeichnen könnte, belegten die Menschen, dass sie pestfrei waren.

1611 breitete sich die Pest in Tirol aus. Es kam zur Errichtung eines eigenen Spitals in Innsbruck. Der Experte hält fest, dass die Behörden in Tirol nur bei wenigen Krankheiten mit Sondereinrichtungen reagierten. Das sei bei der Pest, Syphilis, Cholera und den Blattern der Fall gewesen. Doch die Seuchen führten auch dazu, dass sich die moderne Medizin entwickelte. Der Arzt zeigt seinen Coup: Er hat auf einem Flohmarkt einen Impfausweis aus dem Jahr 1808 gefunden, der Zeit der Tiroler Freiheitskämpfe.

Die medizinischen Geräte, die früher zum Einsatz kamen, flößen immer noch Respekt ein. Wie etwa der spitze Hebel, der für den Aderlass verwendet wurde, samt Hammer für das Eindringen und Schale zum Auffangen des Blutes. „Auch heute wird der Aderlass noch praktiziert“, weiß Kudener. Allerdings passiert das nun mit dickeren Nadeln, die man etwa beim Blutspenden verwendet.

© Thomas Boehm / TT

Pest und Cholera hielten die Menschen über Jahrhunderte in Atem. Selbst in Kochbüchern des 19 Jahrhunderts fanden sich noch Rezepturen zur Bekämpfung des Schwarzen Todes. Zwangsimpfungen, ein Thema, das heute wieder diskutiert wird, wurden 1916 per Befehl zum Schutz vor Blatter­n angeordnet.

Anlässlich der Pest gab es einen Bann für das gesamte Tirol, und zwar mit allen Personen, Tieren und anderen Dingen für die Stadt Ferrara, ausgestellt am 3. September 1635.
© Thomas Böhm

1937 wurde die Kinderlähmung in Tirol zum Proble­m. Betroffen waren das Zillertal und Innsbruck. Die Landeshauptmannschaft gab an, dass es sich um keine Epidemie handle und eine „Gefährdung der Sommergäste in hohem Grade unwahrscheinlich sei“. Auch nach dem 2. Weltkrieg trat Kinderlähmung in Tirol vermehrt auf. Sonderzüge zu den internationalen Sporttagen 1947 in Innsbruck wurden eingestellt. „Die Devise lautete: kein Pilgern, kein Kino, kein Baden an den Seen“, so Kugener.

Auch Scharlach stellte sich wiederkehrend als Problem heraus, 1911 mussten mehrere Schulen in Innsbruck gesperrt werden. Auch 1925 trat ein größerer Befall auf. Typhus war 1932 in Innsbruck ebenfalls nachweisbar. Nach dem 1. Weltkrieg hielt die „Spanische Gripp­e“ auch Tirol in Atem. 167 Persone­n starben. 1925/26 herrschte nach 1918 die zweite Grippe­epidemie, 1931 und 1937 trat sie in Innsbruck wieder auf, aber in harmloser Form. 1949 war rund ein Zehntel der Tiroler an Grippe erkrankt.

Wacholder wurde zum Ausräuchern der Räume verwendet
© Thomas Böhm

Auch einen Mundschutz aus Shanghai (2002) findet man in der Sammlung. „Masken sind für Kranke. Gesunde waschen sich die Hände. Beim Händeschütteln können über eine Million Viren übertragen werden“, sagt der Arzt.

So verabschieden wir uns nach einer intensiven Reise in die medizinische Vergangenheit Tirols per Gruß, aber ohne Händedruck.


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