Zurückversetzt in eine andere Zeit: Kaum noch Verkehr durch Tirol

Am Brennerkorridor ist der Pkw-Verkehr um 90 Prozent, der Lkw-Verkehr um 30 Prozent eingebrochen. Die Lkw-Kontrollstellen sind im reduzierten Einsatz, das Personal wird an der Grenze gebraucht. Vignettenpflicht aufrecht.

Der Schwerverkehr rollt noch durch Tirol. Das dient der Versorgungssicherheit in Zeiten der Corona-Krise.
© Foto TT/Rudy De Moor

Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck –Noch vor wenigen Wochen war die Empörung groß, als EU-Verkehrskommissarin Adina Valean die restriktive Transithaltung Tirols geißelte. Jetzt hat Tirol im Würgegriff des Coronavirus selbst die Wochenendfahrverbote und Blockabfertigungen ausgesetzt.

Verkehrstechnisch fühlt man sich derzeit um Jahrzehnte zurückversetzt. Klaus Gspan, Asfinag-Regionalleiter für die betriebliche Erhaltung, rechnet vor, dass der Pkw-Verkehr auf der Brenner­autobahn mit einem tagesvariablen Minus von bis zu 90 Prozent (jeweils im Vergleich zum Vorjahr) faktisch „zum Erliegen“ gekommen ist. Auch auf der Inntalautobahn im Unterland verhalte es sich ähnlich. Beim Schwerverkehr indes sei der Rückgang deutlich geringer, mit bis zu 30 Prozent aber immer noch beachtlich. Im Oberland hingegen sei der allgemeine Verkehr um rund 60 Prozent, der Schwerverkehr um 20 Prozent zurückgegangen. Dass man dennoch schnell an die Kapazitätsgrenzen gelangen könne, habe der Unfall bei Kufstein am Mittwoch gezeigt. 50 Kilometer stauten sich die Lkw von Kufstein aus zurück.

„Wir fahren Tempo 100 und uns überholt niemand"

In einem Zivilstreifenfahrzeug fuhr der Leiter der Verkehrspolizei, Markus Widmann, gestern zu den neu eingerichteten Grenzkontrollen bei Kufstein. „Wir fahren Tempo 100 und uns überholt niemand.“ Der überwiegende Teil der Verkehrsteilnehmer verhalte sich trotz der allgemeinen Ausnahmesituation im Straßenverkehr diszipliniert: „Da muss ich schon eine Lanze für die Autofahrer brechen.“ Weniger Verkehr, weniger Kontrolle? Widmann will das so nicht stehen lassen: „Es soll keiner meinen, dass sich alles nur um Corona dreht – es kann keiner auf der Straße tun und lassen, was er will.“ Sehr wohl würden Streifendienste auf der Autobahn und allen übrigen Verkehrswegen unterwegs sein. Der Aufbau der Grenzkontrollen führe aber natürlich zu einem verstärkten Personaleinsatz: „Alles, was jetzt Gesundheit betrifft, hat natürlich Vorrang.“

Die Lkw-Kontrollstellen in Kundl und Radfeld sind derzeit nur sehr eingeschränkt in Betrieb, bestätigt Widmann. Auch hier: Das Personal wird für die Grenzkontrollen benötigt. Für Stichproben können Verkehrsstreifen aber auch diese Einrichtung jederzeit nutzen. Streifen seien jedoch auch für allgemeine Lkw-Kontrollen unterwegs. So habe man bereits festgestellt, dass gerade das Tempo-40-Limit vom Brenner nach Innsbruck teils erheblich überschritten werde. Auch das generelle Überholverbot gilt machen derzeit bestenfalls als Empfehlung.

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Asfinag im Notbetrieb, Vignettenpflicht bleibt

Wie beinahe das ganze Land, so befinde sich auch die Asfinag im Notbetrieb, bestätigt Gspan. Baustellen seien eingestellt, jedoch alle Autobahnmeistereien in effizientem Ausmaß besetzt, der Streckenkon­trolldienst im Einsatz: „Alle anderen Streckenmitarbeiter sind in Rufbereitschaft.“ Zudem stünden nach wie vor 98 Prozent aller Lkw-Rastplätze zur Verfügung – was auch der Versorgungssicherheit diene.

Detail am Rande: Wer hofft, dass die Vignettenpflicht ausgesetzt werden könnte, wird enttäuscht. Sie bleibt.

Stillstand bei BBT und Straßenbaustellen

Seit Mittwoch steht auch die größte unterirdische Baustelle Europas still. Wie die Brennerbasistunnelgesellschaft bestätigt, wurde der gesamte Baustellenbetrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt. "Die Gesundheit der dort Beschäftigten sowie der Bevölkerung, vor allem hinsichtlich des Risikos einer Ansteckung, hat oberste Priorität", heißt es von Seiten der Geschäftsführung. Derzeit seien nur noch Schutz- und Absicherungsmaßnahmen im Gange. An den Baulosen Pfons-Brenner und Tulfes-Pfons arbeiteten zuletzt rund 460 Personen.

Auch die Asfinag hat alle Baustellen eingestellt, so beim Perjentunnel und bei Terfens. Diese Baustelle an der Autobahn­brücke ist seit 2017 für die Auto­fahrer eine Geduldsprobe. Dabei kam es vor allem im letzten Sommer häufig zum Verkehrschao­s und zu kilometerlangen Staus. "Es geht um den Schutz unserer Mitarbeiter. Die Baustelle wurde gesichert, sodass der Verkehr ungehindert fließen kann", erklärt Andreas Fromm, Geschäftsführer der Asfinag Bau Management GmbH. Immer wieder werden laut ihm klein­e Teams vor Ort nach dem Rechten sehen. Das zweite Brückentragwerk in Fahrtrichtung Kufstein sollte Ende des Jahres fertig werden. Fromm: "Wir haben zwar einen Puffer eingerechnet, aber ob wir den Zeitplan einhalten können, ist nicht abschätzbar." (mami, emf)


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