Ausgangssperren hin oder her: Müllentsorgung ist in Tirol ein Grundbedürfnis

Die Recyclinghöfe sollen offen bleiben. Der Abfall von Corona-Infizierten wird nicht gesondert beseitigt. In Ischgl und St. Anton ist der Abtransport herausfordernd.

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„Sie kommen in ein Gebiet, das für andere abgeriegelt ist“, beschreibt Entsorgungsunternehmer Toni Prantauer das mulmige Gefühl seiner Arbeiter, wenn sie nach Ischgl und St. Anton fahren.
© Prantauer

Innsbruck, Rum, St. Anton, Ischgl – Ausgangssperren hin oder her: In jedem Tiroler Haushalt fällt trotz Corona-Krise täglich eine Menge Müll an. Und der muss entsorgt werden. Das führte in den vergangenen Tagen mancherorts zu einiger Aufregung. Dürfen etwa Recyclinghöfe weiter offen bleiben? Was passiert mit dem Abfall von Menschen, die sich in Hausquarantäne befinden und positiv auf das Virus getestet wurden? Und wie wird die Situation in den besonders schwer betroffenen Gebieten wie dem Paznaun und St. Anton gemeistert? Ein Rundumblick.

Viele Tiroler Gemeinden haben in der vergangenen Woche beschlossen, ihre Recyclinghöfe zu schließen. Weil sich dort zu viele Menschen versammelt hätten und das im Hinblick auf den Seuchenschutz bedenklich sei, lauteten die Argumente. Außerdem wurde die Quarantäneverordnung des Landes, wonach alles getan werden solle, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, so interpretiert, dass auch Menschenansammlungen an den Müllsammelplätzen zu vermeiden seien. Statt beispielsweise den Sicherheitsabstand zu kontrollieren, wurden sie einfach zugesperrt.

Eine dieser Gemeinden ist Rum, wo der Recyclinghof seit 17. März zu ist. Die Sammel-Inseln für Plastik, Altpapier, Glas und Metall wurden vor Jahren aus dem Ortsgebiet entfernt, das wurde damals politisch bewusst so entschieden. „Damit bleiben wir Rumer auf unserem Müll sitzen“, ärgert sich ein Bürger, der sich an die TT gewandt hat. Der Rumer Amtsleiter Klaus Kandler stellt klar, dass Haus- und Biomüll weiterhin abgeholt würden. Was die Wertstoffe angeht, sehe er grundsätzlich kein Problem, diese temporär daheim zwischenzulagern. Gemeinsam mit dem Umweltamt soll aber rasch eine Lösung erarbeitet werden – entweder Sammel-Inseln bedingt reaktivieren oder Wertstoffe direkt bei Häusern abholen.

"Entsorgung von Abfall gehört zur Grundversorgung"

Der Schließung der Recyclinghöfe schiebt das Land Tirol jedoch einen Riegel vor. „Die Entsorgung von Abfall gehört zur Grundversorgung“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Dies gelte sowohl für Artikel des täglichen Bedarfs als auch für die individuelle Abfallentsorgung. Zu gewährleisten seien aber Hygienerichtlinien und Sicherheitsabstand. „Zur Sicherstellung dieser Regeln kann es auch notwendig sein, den Zutritt zu dosieren.“

Besonders drastische Maßnahmen gibt es seit Anfang vergangener Woche in Südtirol und Italien für jene, die in häuslicher Quarantäne und mit dem Coronavirus infiziert sind. Da laut einer Aussendung des Landes Südtirol nicht geklärt sei, wie lange Müll virulent bleibt, darf dieser nicht mehr getrennt werden. „Es müssen zwei oder drei reißfeste Säcke, übereinander, in einem Behälter verwendet werden.“ Alle Abfälle – von Plastik und Glas bis Biomüll – seien als Restmüll zu entsorgen. Auch Papiertaschentücher, Atemmasken und Handschuhe seien so zu entsorgen.

„Die Abfallsäcke sind mit Bändern oder Klebestreifen fest zu verschließen, ohne sie zusammenzudrücken oder zu beschädigen.“ In Tirol gibt es keine solche Regel, Quarantäne-Patienten entsorgen ihren Müll so wie alle anderen auch. „In Italien ist das einfach anders“, sagt die Innsbrucker Mikrobiologin und Hygieneexpertin Cornelia Lass-Flörl. „Dort stehen sie mit dem Rücken zu Wand.“ Demnach werde dort alles Erdenkliche versucht, um die Ausbreitung zu verhindern. „Aufgrund unserer derzeitigen Situation sind solche Schritte, auch laut Angaben der Bundesregierung, nicht notwendig.“

"Sie kommen in ein Gebiet, das für andere abgeriegelt ist“

Ein flaues Gefühl ist immer mit dabei, wenn sie dorthin fahren, wo sonst niemand mehr hin darf. Zwei Trupps Müllmänner erledigen derzeit die Abfallentsorgung aus den Quarantänegebieten in St. Anton und Ischgl. Fast täglich passieren sie kurz vor sieben die Sperren zu den Orten, um dort bei den Haushalten Rest- und Biomüll abzuholen. Natürlich machen die Arbeiter sich Sorgen, bestätigt ihr Chef, der Zammer Entsorgungsunternehmer Toni Prant­auer. „Sie kommen in ein Gebiet, das für andere abgeriegelt ist.“

Auf der anderen Seite sei es für die Hygiene wichtig, als Entsorger fühle er sich dieser verpflichtet. Die Arbeiter sind mit Mundschutz unterwegs, die Handschuhe werden jeden Abend weggeworfen. Die Truppen bleiben getrennt und sind ausschließlich für ihr Quarantänegebiet zuständig, erklärt Prantauer. Obwohl die Saison eigentlich zu Ende ist, werden die Laster derzeit voll. „Letzte Woche gab es noch viel Müll.“ Es wurde aufgeräumt. Nun werde in den Sommerbetrieb gewechselt. Dann fällt nur noch ein Drittel der Abfallmenge an. (bfk, md, mr)


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