Helden des Alltags: „Es ist wie Quarantäne im Lastwagen“

Jochen Brandacher ist Fernfahrer und auch dieser Tage in Italien unterwegs. Der Tiroler spricht über verzweifelte Angebote von Menschen, die in ihre Heimat wollen, und Körperhygiene auf Raststätten in Zeiten von Corona.

Jochen Brandacher (48) lebt in Stans und sagt: „Natürlich habe ich Angst, dass ich die Krankheit mit nach Hause bringe und meine siebenjährige Tochter, meine Frau oder Bekannte anstecke.“
© Privat

Von Benedikt Mair

Innsbruck, Stans – Vor fast 30 Jahren hat sich Jochen Brand­acher dazu entschieden, Fernfahrer zu werden. Und mit einer kleinen Unterbrechung, in der sich der Tiroler selbstständig machte, ist er diesem Beruf treu geblieben. Seit einigen Wochen ist aber auch für ihn nichts mehr, wie es einmal war. Der Arbeitsalltag des 48-Jährigen aus Stans wurde durch den Ausbruch des Coronavirus völlig auf den Kopf gestellt. Wenn er derzeit über die Straßen steuert, Pausen macht, bei den Firmen die Waren abliefert, „ist es sehr beklemmend, so wie Quarantäne im Lastwagen“, sagt Brandacher.

Mit seinem Kühllastwagen ist er hauptsächlich für lebensmittelverarbeitende Betriebe quer durch Österreich, Deutschland oder die Benelux-Staaten unterwegs. „Wir bringen Fruchtsäfte dorthin, holen Obst von da ab. In letzter Zeit haben wir auch viel Tiefkühlkost geladen.“ Vergangene Woche waren Italien und die Schweiz seine Ziele – beides Länder, die sehr schwer von der Krankheit betroffen sind. „In der Schweiz fühlte es sich recht normal an. Klar, ich stand manchmal im Stau, und ja, auch dort ist eine gewisse Unsicherheit zu spüren, aber das alles ist nichts im Vergleich zu den italienischen Verhältnissen.“

Als er zum ersten Mal, nachdem die Krise ausbrach, Ausgangssperren verhängt und die Grenzen geschlossen wurden, in das Land gefahren ist, habe er es nicht mehr wiedererkannt. „Du kommst dorthin und bist gewohnt, dass alles voller Leben ist, viel Verkehr. Jetzt ist es wie ausgestorben. Bis auf einige Lastwagen sind die Straßen leer. In den Dörfern, wo sonst auch abends Menschen unterwegs sind, ist nichts los. Überall siehst du nur Militär und die Polizei.“

Noch bedrückender wurde es für Brandacher nur, wenn er mit seinem Kühllastwagen die Fabriken ansteuerte. „Dass wir nur noch mit Maske, Mundschutz und Handschuhen aussteigen, versteht sich von selbst. Doch das reicht nicht. Wo wir Fahrer früher beim Ausladen halfen, ist das jetzt nicht mehr erwünscht. Wir machen hinten die Tür auf, lassen die Rampe herunter und damit ist unser Job erledigt.“ Bei der Abwicklung der Frachtpapiere an den Schaltern dasselbe Bild. „Mindestens drei Meter hält jeder Abstand.“

Aber auch die Zeit zwischen den Fahrten, seine Ruhepausen, werden durch das Virus beeinflusst. Lebensmittel führt er selbst mit, der 48-Jährige stattet sich mit allem aus, was er für die Dauer seines Dienstes braucht. Viele andere Dinge und Tätigkeiten des Alltags sind auch voll und ganz auf das Führerhaus und dessen näheres Umfeld beschränkt. „Jeder ist nervös, alle stellen einander aus. Und auf den Parkplätzen überlegst du dir zweimal, ob du aufs WC gehst oder dich einfach hinter einen Baum stellst.“ Auch sonst meidet er dort die Sanitäranlagen.

An einer Raststätte im Raum Venedig hat der Tiroler Fernfahrer etwas erlebt, das ihn mitnahm, aber symp­tomatisch für die konfuse Situation ist. „Ich saß in meinem Lastwagen, machte meine 45-Minuten-Pause, da klopfte jemand ans Fenster.“ Draußen sei ein Mann gestanden, etwa zwischen 40 und 50 Jahre alt, schätzt Brand­acher. „Er fragte mich, ob ich in Richtung Slowenien unterwegs bin und jemanden mit über die Grenze nehmen könnte. Seine Tochter wolle nach Hause, könne aber nicht, weil alles dicht sei.“ Der Tiroler versteht die Verzweiflung dieser Menschen, auch die Idee, in einem Lastwagen diese Reise anzutreten, „denn wir werden nicht so streng kontrolliert. Und die Frau könnte ja theoretisch meine Beifahrerin sein.“ Er habe trotzdem abgelehnt, auch bei anderen Angeboten. „Als Fernfahrer wirst du in sozialen Netzwerken angeschrieben, die darum bitten, Gastarbeiter zurück in ihr Land zu bringen. Sogar aus Tirol habe ich eine Anfrage bekommen.“

Das Wochenende hat Brand­acher mit seiner Familie in Stans verbracht. „Natürlich habe ich Angst, dass ich die Krankheit mit nach Hause bringe und meine siebenjährige Tochter, meine Frau oder Bekannte anstecke. Deshalb dusche ich derzeit nach jeder Tour ausgedehnt, bevor ich überhaupt jemanden treffe.“ In der Nacht auf gestern, gegen 2 Uhr, setzte sich der 48-Jährige wieder ans Steuer seines Lastwagens, die nächsten Fahrten stehen an. „Erst geht es nach Linz, dann ist Treviso das Ziel“, sagt er. „Viele meiner Freunde fragen mich, warum ich in Anbetracht der aktuellen Lage überhaupt noch in solche Länder fahre.“ Er sei vorsichtig, kontert Brandacher die Bedenken. Und jemand muss die Arbeit ja machen.


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