IOC und Japan beraten wegen Olympischen Spielen in Tokio

Die Anzeichen für eine historisch einmalige Verschiebung von Olympischen Sommerspielen wegen der Coronavirus-Pandemie mehren sich. Nachdem sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Sonntag selbst einen Vier-Wochen-Zeitraum für die Entscheidung gegeben hatte, sprach auch Japans Premierminister Shinzo Abe von einer Verschiebung der Sommerspiele in seinem Land.

Vor dem Parlament in Tokio sagte er am Montag, dass damit gerechnet werden müsse. Von einer Absage könne aber keine Rede sein. „Es ist schwierig, Spiele unter diesen Umständen abzuhalten, wir müssen über eine Verschiebung entscheiden, wobei die Gesundheit der Athleten oberste Priorität hat“, erklärte Abe.

OK-Präsident Yoshiro Mori sagte auf einer Pressekonferenz, dass man noch nicht beschlossen habe, die Spiele zu verschieben, es aber als realistische Option betrachten müsse. „Ich bin nicht so dumm, darauf zu bestehen, dass die Olympischen Spiele wie ursprünglich geplant verlaufen.“ Man werde die IOC-Entscheidung akzeptieren.

Eine Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele würde das Gastgeberland Japan nach Meinung verschiedener Experten bis zu 5,7 Milliarden Euro (670 Milliarden Yen) kosten. Der Chefökonomen des Finanzunternehmens SMBC Nikko Securities, Junichi Makino, hat diesen Milliarden-Betrag errechnet.

Österreichs Sportminister Werner Kogler hat sich aufgrund der Coronavirus-Pandemie für eine Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio ausgesprochen. „Ich plädiere im Sinne der Gesundheit aller TeilnehmerInnen, BetreuerInnen und ZuschauerInnen für eine Verschiebung der Olympischen Sommerspiele 2020“, teilte der Vizekanzler in einer Erklärung mit.

Er begrüßte den „mutigen Schritt“ von Kanada, das bereits erklärt habe, dass es keine Athleten nach Tokio schicken werde. Die „schwierige Entscheidung“ sei mit Zustimmung von Sportverbänden und der kanadischen Regierung getroffen worden, hieß es. „Das ist kein Boykott“, sagte ein Sprecher. Australien folgte Kanadas Beispiel. Nun wird auch in Großbritannien, der Schweiz und Norwegen in Erwägung gezogen, keine Athleten zu den Spielen nach Tokio zu entsenden, solange die Coronavirus-Pandemie nicht unter Kontrolle ist.

Als nächste Nation reihte sich allerdings Polen ein, das Nationale Olympische Komitee forderte das IOC auf, die Spiele zu verschieben. Die Zahl der Covid-19-Infektionen würde steigen und die Trainingsbedingungen in Polen limitiert seien.

Derzeit sind die Spiele für den Zeitraum vom 24. Juli bis 9. August 2020 eingeplant. Eine Verschiebung wäre eine monumentale Entscheidung und ein massiver Eingriff in den komplexen Kalender des Weltsports. Denkbar ist eine Verlegung in den Herbst 2020, auf Sommer 2021 oder auf 2022. Gegen 2022 spricht, dass im Februar die Winterspiele in Peking und im November und Dezember die Fußball-WM in Katar stattfinden.

Am wahrscheinlichsten dürfte die Verlegung um ein Jahr sein. Im Sommer 2021 sind aber zum Beispiel die Weltmeisterschaften der Schwimmer in Fukuoka und die der Leichtathleten in Eugene vorgesehen. World Athletics diskutierte bereits mit dem Organisationskomitee „Oregon 21“. Die WM-Organisatoren hätten versichert, mit ihren Partnern und Interessenvertretern über einen alternativen Termin zu beraten. „Olympische Spiele im Juli dieses Jahres sind weder machbar noch wünschenswert“, fand Sebastian Coe, der Chef von World Athletics, klare Worte.

Die selbst gesetzte Deadline von vier Wochen gab das IOC nach einer Telefonkonferenz des Exekutivkomitee bekannt und schloss gleichzeitig eine Komplett-Absage aus. Der Druck bezüglich einer Entscheidung war zuvor immer größer geworden. Neben vielen Athleten hatten sich auch der Schwimm- und der Leichtathletikverband der USA für eine Verlegung ausgesprochen. Die USA haben großes Gewicht, weil der dort übertragende Sender NBC so viel Geld für die Übertragungsrechte an das IOC bezahlt wie sonst keine Fernsehstation der Welt.

IOC-Chef Thomas Bach war erst am Sonntag von seiner Linie abgerückt, er hatte zuletzt immer betont, dass bis zu den Spielen noch lange Zeit und eine Verschiebung kein Thema sei. „Menschenleben haben Vorrang vor allem, auch vor der Austragung der Spiele. Das IOC will Teil der Lösung sein“, zeigte der 66-Jährige nun Einsicht.

Er wünsche sich, dass die Hoffnung, die so viele Athleten, Nationale Olympische Komitees und internationalen Verbände aus allen fünf Kontinenten geäußert hätten, erfüllt werde. „Dass am Ende dieses dunklen Tunnels, durch den wir alle gemeinsam gehen, ohne zu wissen, wie lange er noch dauert, die olympische Flamme ein Licht sein wird.“

Der Österreichische Schwimmverband (OSV) fordert das Österreichische Olympische Komitee (ÖOC) auf, nicht zuzuwarten, sondern „im Sinne eines fairen Sportes beim IOC die Verschiebung der Sommerspiele 2020 zu beantragen“. Wie der OSV in einer Aussendung mitteilte, erging diese Forderung auch an den Weltschwimmverband (FINA).

Die besondere Situation mit der weltweiten Covid-19-Pandemie erfordere besondere Maßnahmen. „Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Aktiven. Die Unsicherheit, wie es mit den Spielen weitergeht, ist eine riesige psychologische Belastung! Viele sind noch nicht qualifiziert und hätten die EM, welche bereits verschoben wurde, als gute Qualifikationsmöglichkeit gesehen“, wird OSV-Generalsekretär Thomas Unger in der Aussendung zitiert.“

Sportdirektor Walter Bär merkte an, dass zur Zeit andere Dinge als Sport vordergründig seien. „Eine Verschiebung der Spiele ist der einzig vernünftige Schritt, der den moralischen Druck von den Schultern der Sportler und aller Beteiligten nimmt.“ Österreichs Schwimmer können nach der Schließung der Schwimmhallen derzeit nicht trainieren. Sollte Anfang Mai der Trainingsbetrieb wieder aufgenommen werden können, würde man sechs bis acht Wochen benötigen, um ein brauchbares Wettkampfniveau zu erreichen.

Zuletzt wurden auch Stimmen laut, dass auch die Paralympics verschoben werden sollen. Der Deutsche Behindertensportverband richtete am Montag eine entsprechende Forderung an das Internationale Paralympische Komitee (IPC). Auch das Österreichische Paralympische Committee (ÖPC) rechnet mit einer Verschiebung.

Eine Olympia-Verschiebung wäre eine historische Entscheidung. Eine Absage gab es in der Vergangenheit dagegen schon einige Male. Im Ersten Weltkrieg wurden die Sommerspiele 1916 (Berlin), im Zweiten Weltkrieg die Sommerspiele 1940 (Tokio) und 1944 (London) sowie die Winterspiele 1940 (Cortina d‘Ampezzo) und 1944 (Sapporo) gestrichen.

Der Fackellauf durch Japan soll am Donnerstag beginnen. IOC-Präsident Bach will die Entscheidung dem Organisationskomitee überlassen, das bereits erklärte, wie geplant daran festzuhalten. Fußball-Teamspielerin Nahomi Kawasumi zog ihre Teilnahme allerdings zurück. Die Weltmeisterin von 2011 wolle nicht riskieren, sich oder jemanden anders mit dem Virus anzustecken.


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