Noch keine konkreten Ermittlungsschritte in Anzeige der Verbraucherschützer

Sachverhaltsdarstellung wegen zu spätem Vorgehen der Tiroler Behörden eingebracht. Vorabinformationen an Hoteliers sorgen für Diskussionen.

St. Anton wurde wie das Paznaun als Erstes unter Quarantäne gestellt. Bürgermeister Mall dementiert Vorabinformationen an Hoteliers.
© Thomas Boehm / TT

Innsbruck – Die Vorwürfe gegen die Tiroler Behörden und Touristiker reißen nicht ab. Zum einen gibt es weitere Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck. Dass der Tourismusverband Ischgl bereits Hoteliers vorab über die bevorstehende Quarantäne am Freitagnachmittag informiert hatte, sorgt außerdem für Debatten. Landeshauptmann Günther Platter erklärte gestern, dass er eine Stunde vor der Sperre des Paznaun sowie von St. Anton mit dem Galtürer Bürgermeister und Landtagsvizepräsidenten Toni Mattle bzw. mit dem St. Antoner Gemeindechef Helmut Mall ein Gespräch geführt habe. „Warum die Informationen dann an die Tourismusbetriebe gegangen sind, darüber weiß ich jedoch nichts.“

Am Dienstag gab es darüber hinaus Hinweise, dass dies in St. Anton ebenfalls der Fall gewesen sei. „Stimmt nicht“, widerspricht Bürgermeister Helmut Mall den Gerüchten. „Ich hatte knapp eine halbe Stunde Vorlaufzeit und wurde vom Landeshauptmann informiert“, betont er. „Ich war der Einzige mit diesen Informationen.“ In St. Anton habe es beim Tourismusverband um 12 Uhr eine Anfrage des Landes über die Ausreiseformulare gegeben, „da wussten wir aber noch nichts“, so Mall. Vor 14 Uhr sei die Information auch nichts ans Dorf hinausgegangen. „Aber auch danach, als die Polizei die Sperren errichtet hatte, ist vieles unklar gewesen.“

In Ischgl wiederum sollen sich bereits Ende Februar mehrere Seilbahnmitarbeiter krankgemeldet haben. Silvretta-Seilbahn-Vorstand Günther Zangerl erklärt hingegen, dass es den ersten Verdachtsfall bei einem seiner Mitarbeiter am Mittwoch, 11. März, gegeben habe. Er habe in der Früh davon erfahren, „daraufhin haben wir das Bergrestaurant, in dem der Betroffene gearbeitet hat, und ein damit verbundenes Selbstbedienungsrestaurant geschlossen“. Noch bevor es eine offizielle Bestätigung gegeben habe, dass es Corona sei. Nach den Fällen in Innsbruck sei man jedoch „auf Nadeln gesessen“, weil man vermutet habe, dass es auch Ischgl treffen werde. Es sei die Direktive ausgegeben worden, dass die Unternehmensleitung im Falle einer Erkrankung zu informieren sei.

Anders sieht es hingegen der Verbraucherschutzverein (VSV). „Ischgl und das Paznauntal, St. Anton am Arlberg, Sölden und das Zillertal sind solche Hot-Spots gewesen, bei denen es massive Hinweise gibt, dass die Tiroler Behörden – offenbar im Interesse der Tourismusbetriebe – Sperren von Pisten und Hotels hinausgezögert haben könnten“, sagt Obmann Peter Kolba. Er hat deshalb eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck eingebracht. Die Anzeige richtet sich gegen Landeshauptmann Platter sowie gegen zwei Landesräte, mehrere Bürgermeister von bekannten Skiorten sowie drei Seilbahnverbände.

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Die Anzeigen gegen das Land Tirol wurden von der Staatsanwaltschaft Innsbruck nicht zurückgelegt, sondern noch keine Ermittlungsschritte aufgenommen. "Wir haben noch keine konkreten Ermittlungsaufträge erteilt", sagte Staatsanwaltschaftssprecher Hansjörg Mayr am Mittwochabend. Ein Ermittlungsverfahren werde dann eingeleitet, wenn der konkrete Verdacht einer Straftat besteht, so Mayr. Nähere Angaben wollte der Sprecher nicht machen.

Die Verbraucherschützer bereiten außerdem Sammelklagen für Personen vor, die sich infiziert und dadurch finanzielle Schäden erlitten haben. LH Günther Platter stellte gestern noch einmal fest, „dass wir uns zu jeder Zeit bemüht haben, die richtigen Maßnahmen zu treffen“. In Tirol seien im Gegensatz zu den anderen Bundesländern immer die ersten Maßnahmen getroffen worden, sei es mit der Sperre von Lokalen, Skigebieten, Tälern und Ortschaften. „Schlussendlich haben wir dann in der Vorwoche eine Gesamtisolation vorgenommen.“ (pn, mr)


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