40 Millionen für Vitaminpillen: Was hilft in Zeiten des Coronavirus? Was schadet?

Mit Nahrungsergänzungsmitteln gegen Corona? Viele Tiroler wollen ihr Immunsystem mit Vitaminen und Co. pushen. Der Umsatz explodiert in Österreich. Was sinnvoll ist, was unnütz und was gefährlich.

Für Immunstärker, Vitamine und Co. flossen in Österreichs Apotheken heuer bereits fast 40 Mio. Euro. Umsatz und Absatz stiegen rasant.
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Von Beate Troger und Nina Werlberger

Innsbruck, Wien – Ob Vitamin C, Präparate für die Darmflora oder Naturheilmittel wie Echinacea: Viele Tirolerinnen und Tiroler probieren aktuell, ihr Immunsystem mit Nahrungsergänzungsmitteln aufzurüsten. Apotheken und Reformhäuser verzeichnen eine enorme Nachfrage. Einige Präparate, die das Immunsystem stärken sollen, sind bereits Mangelware. Zugleich rühren Hersteller medial die Werbetrommel. Was bringt das alles?

„Grundsätzlich ist in einer Ausnahmesituation wie dieser alles hilfreich, was das Immunsystem unterstützt“, sagt Roswitha Körner, Allgemeinmedizinerin in Innsbruck. Vitamin C und Zink seien die altbekannten Helfer für die körpereigene Abwehr von Krankheitserregern. „Vor allem jetzt, nach dem dunklen Winter, herrscht auch oft ein Mangel an Vitamin D“, weiß sie. Anstatt wahllos Präparate zu kaufen, rät sie grundsätzlich dazu, den persönlichen Bedarf zu erheben.

Fakt ist: Keine Vitamintablette kann das Coronavirus allein bekämpfen oder abwehren. Ist man allerdings infiziert, kann je nach individuellem Gesundheitszustand ein stabiles und gut funktionierendes Immunsystem dazu beitragen, dass die Covid-19-Erkrankung mild oder sogar ohne Symptome verläuft, informiert die Ärztekammer.

„Die Mikronährstoffe wie Vitamine und Nährstoffe agieren im Körper wie ein Orchester, in dem alle Instrumente eine bestimmte, wichtige Rolle spielen“, erläutert die Apothekerin Karin Hofinger aus Igls. Nähert sich etwa ein Virus, werde das Orchester aber zu einem Heer, das den schädlichen Eindringling in den Organismus gemeinsam bekämpft.

"An der gesunden Ernährung führt kein Weg vorbei"

Die Pharmazeutin und Ernährungsberaterin betrachtet eine ausgewogene und vollwertige Ernährung als essenziellste Säule des Immunsystems. „An der gesunden Ernährung führt kein Weg vorbei“, stellt Hofinger klar. Gemüse sei dabei unverzichtbar. Wem Zucchini, Broccoli und Co. weniger munden, der könne auch ein Glas frischen Gemüsesaft trinken. Ein qualitativ hochwertiges Multivitaminpräparat, in dem alle wichtigen Mikronährstoffe, also Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente enthalten sind, könne Mängel und Fehler bei der täglichen und gewohnten Ernährung ausmerzen und abfedern, „diese Kapseln sind aber auch keine Wundermittel“, hält sie fest.

Wenn gerade in Zeiten wie diesen Bewegungsmangel und ein Defizit an Sonne und frischer Luft für viele Menschen nicht zu verhindern sind, rät sie zusätzlich zu einer Extraportion Vitamin C, Zink, Selen und Vitamin D. „Damit stellt man dem Immunsystem noch einmal extra Waffen zur Abwehr zur Verfügung“, erklärt sie. Letzteres, also das als Sonnenvitamin bekannte Vitamin D, sei aber oft nicht unbedingt notwendig. „Zur Mittagszeit zehn bis 15 Minuten ohne Sonnenschutz am offenen Fenster zu stehen, reicht schon aus, um die Speicher wieder zu füllen“, sagt Hofinger.

Boom bei Vitamin-Pillen und Co. durch Corona

Im Gefolge der Corona-Krise ist jedenfalls ein Boom bei Vitamin-Pillen und Co. ausgebrochen. In Österreichs öffentlichen Apotheken wurden allein in der zweiten Märzwoche um 315 Prozent mehr Immunstimulanzien verkauft als in der Woche davor. Das erklärte die auf die Pharmaindustrie spezialisierte Beratungsfirma IQVIA gegenüber der TT. Sie erhebt die Verkäufe in den öffentlichen Apotheken in ihrem „PharmaTrend“. Demnach sind Umsatz und Absatz von Vitaminen, Mineral- und Nahrungszusatzstoffen seit Jahresbeginn ebenso rasant gestiegen wie von Stärkungsmitteln für das Immunsystem, Tonika und Ähnliches mehr.

Gaben die Österreicher in der ersten Jännerwoche für alle diese Mittel zusammen 2,6 Mio. Euro aus, so waren es in der Woche vor Beginn der Ausgangsbeschränkungen bereits 6,8 Mio. Euro. In Summe zahlten die Österreicher heuer schon fast 40 Mio. Euro für Vitamine, Immunstärker und Co. – und das sind nur die Zahlen aus den Apotheken.

„Das Thema Immunstärkung ist natürlich allgegenwärtig“, erklärt Alexander Martin, geschäftsführender Gesellschafter der gleichnamigen Innsbrucker Reformhaus-Kette. Er beschreibt einen enormen Beratungsbedarf.

Die Bandbreite sei derart groß, dass jeder Kunde individuell beraten werden müsse – abhängig von Alter, Gesundheitszustand und Beschwerden. Oder eben auch zur Prophylaxe. „Da kann ich pauschal keine Wundermittel anbieten, dann wären wir schon ausverkauft“, so Martin. Er hat die Kapazitäten seines Online-Shops inzwischen verdreifacht. Kunden können künftig ihre Waren auch telefonisch in den Filialen bestellen, dann dort abholen oder sich zuschicken lassen.

Die Mikronährstoffe spielen im Körper wie ein Orches­ter zusammen.
Karin Hofinger
 (Pharmazeutin, Igls)

Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich gesehen Lebensmittel, keine Arznei. Trotzdem können sie gesundheitlich riskant sein, wie Konsumentenschützer warnen. Die Gefahr steige vor allem dann, wenn zusätzlich Medikamente eingenommen werden, betont die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Auch problematisch: Derzeit kursieren im Internet und in den sozialen Netzwerken etliche Mittel mit dubiosen und falschen Versprechen im Zusammenhang mit der Corona-Krankheit.

Vorsicht ist auch bei Nahrungsergänzungsmitteln für Kinder angesagt. Bei einem Test der AK Oberösterreich kam heraus, dass diese Produkte oft überdosiert sind und Zucker oder künstliche Süßstoffe enthalten. Eine gesetzlich verbindliche Obergrenze für Nährstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln gebe es nicht.


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