Bauern suchen in der Corona-Krise Helfer und neue Märkte

Milch-Absatz teilweise weggebrochen. Preise für Zuchtvieh fallen. Erntehelfer werden weiter gesucht.

Symbolbild.
© BAGNG

Von Stefan Eckerieder

Wien, Innsbruck – Die Nahrungsmittelversorgung ist angesichts von Hamsterkäufen während der Corona-Krise in den Fokus gerückt. Neben den Beschäftigten in den Supermärkten stehen dabei auch Landwirte und Lebensmittelverarbeiter vor großen Herausforderungen. Die Nachfrage der Kunden hat sich durch das vermehrte Kochen zuhause verändert, zugleich sind Absatzmärkte weggebrochen, berichten Verarbeiter. Indes suchen Landwirte händeringend nach Erntehelfern.

Aufgrund der Grenzschließungen zu Osteuropa werden in Österreich aktuell 5000 Arbeitskräfte für den Obst- und Gemüseanbau und 9000 für die Fleischverarbeitung gesucht. Bis gestern früh haben sich knapp 7000 Arbeitskräfte beim Portal dielebensmittelhelfer.at des Landwirtschaftsministeriums gemeldet. Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger appelliert auch an Arbeitslose, sich bei Interesse zu melden. Von der Regierung fordert er Prämien für Erntehelfer und dass Mitarbeiter in der Nahrungsmittelverarbeitung nicht besteuert werden.

Selbstversorgungsgrad in Österreich.
© APA

Denn trotz Corona legen Hennen weiter Eier, werden Tiere fertig für die Schlachtung, muss auf den Feldern die Ernte eingebracht werden und geben Kühe weiter Milch. Tirol-Milch-Obmann Stefan Lindner betont, dass „auch die heimischen Molkereien systemrelevant sind“, und will „den Bauern und Milchsammelwagenfahrern für die tägliche Arbeit danken“. „Über den Selbstversorgungsgrad mit Milch muss man sich keine Sorgen machen“, betont Lindner. Die Molkereien müssen sich aber an veränderte Mengenströme anpassen. „Der Großhandel läuft gegen null.“ Auch die Gemeinschaftsverpflegung habe sich verringert. „Im Einzelhandel läuft es normal“, sagt Lindner. Wegen der Hamsterkäufe sei vor allem die Nachfrage nach Haltbar-Milch angestiegen.

Auch die Tiroler Fleischverarbeiter sind mit veränderten Absatzmärkten konfrontiert. „Gastronomieabhängige Artikel sind unverkäuflich“, sagt Michael Wurzrainer vom Zuchtverband Rinderzucht Tirol. Obwohl der Absatz von Jahrling, Tiroler Kalbl und Co. im Einzelhandel um bis zu 30 Prozent steigen dürfte, steht auch bei den Rinderzüchtern unterm Strich ein Minus. „Einen massiven Preisverfall gibt es bei der Schlachtkuh, weil der Absatz einer Fastfood-Kette, die zu 100 Prozent österreichisches Fleisch verarbeitet, wegfällt“, sagt Wurzenrainer. Auch Werksschließungen im Autobau wirken sich negativ aus. Weil sich die Produktion von Leder-Autositzen verringert, verfällt der Preis für die Kuhhäute. „Den Wertverlust trägt der Bauer.“

ÖGB gegen Zwangsrekrutierung

Erntehelfer – auch sie zählen aufgrund der Corona-­bedingten Schließung der Grenzen zu den dringend benötigten Arbeitskräften. Die Tiroler Landwirtschaft benötigt, wie berichtet, für die in den kommenden Wochen anstehende erste Ernte bis zu 400 Erntehelfer. Die Landwirtschaftskammer fordert, hierfür auch freigestellte Tourismusarbeiter einzusetzen.

Dem kann Gewerkschafter und AK-Vorstandsmitglied Bernhard Höfler gegenüber der TT gar nichts abgewinnen, „Zwangsrekrutierungen“ lehnt er entschieden ab: „Man kann doch nicht von aktuell arbeitslosen Menschen erwarten, ein möglich höheres Arbeitslosengeld gegen die niedrigeren Löhne in der Landwirtschaft zu tauschen.“ Es gäbe genug Leute, die helfen würden, jedoch von Seiten des Staates auch noch bestraft würden. So solle das Beschäftigungsverbot während des Arbeitslosenbezugs für diesen Bereich befristet gestrichen werden. „Es braucht finanzielle Anreize, nicht bloß eine ,Dating-Plattform‘“, so Höfler zur Initiative von Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger. Höfler erinnert daran, dass insbesondere Ernte­helfer in der Vergangenheit regelrecht „ausgebeutet“ worden seien. (mami)


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