Drago Jancar erhält Staatspreis für Europäische Literatur

Der slowenische Autor Drago Jancar erhält den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2020. Weitere Literaturpreise gehen an Gertraud Klemm, Kathrin Röggla, Leonora Leitl, Renate Habinger und Thomas Macho. „Sobald es wieder möglich sein wird, Veranstaltungen abzuhalten, werden wir mit den Planungen für die Verleihungen beginnen“, versicherte Staatssekretärin Ulrike Lunacek (Grüne).

„Bücher geben uns die Möglichkeit innezuhalten und Abstand zu gewinnen. Bücher - und sie werden von vielen Buchhandlungen auch nach Hause geliefert - helfen uns zu reflektieren, zu lernen und Hoffnung zu schöpfen“, hob Lunacek am Mittwoch in einer Aussendung hervor. „Sie entführen uns in andere Zeiten und an unbekannte Orte. Sie zeigen uns Menschen, und was diese erfahren, erleben, fühlen und denken. Und oft legen sie Einspruch ein - gegen kleine und große Übel, gegen Ignoranz und Überheblichkeit, gegen Unrecht und Unmenschlichkeit.“

Gewichtigen Einspruch hat auch der 71-jährige Romancier, Erzähler und Essayist Drago Jancar in seinem Werk stets eingelegt. Mit ihm werde ein Schriftsteller geehrt, „dessen Werk bezeugt: ohne Widerspruch, ohne Widerrede bleibt jedes Bild unvollständig und in der Tendenz totalitär“, hieß es heute. Sein vielgestaltiges Werk sei durchdrungen von einer „Offenheit voller Zweifel“, er schreibe „seit jeher im Bemühen darum, Simplifizierungen als etwas kenntlich zu machen, das letztlich auf die Vernichtung der Menschlichkeit hinausläuft“. Die Jury für den mit 25.000 Euro dotierten Preis bildeten Katja Gasser, Cornelius Hell, Alexander Potyka, Martina Schmidt und Anne-Catherine Simon. „Am Einzelnen die Verwerfungen unserer Geschichte eindringlich nachvollziehbar zu machen: darin liegt eine der großen Stärken seiner Literatur“, begründeten sie ihre Wahl.

Drago Jancar wurde am 13. April 1948 in Maribor geboren. 1974 wurde er in Jugoslawien wegen „feindlicher Propaganda“ inhaftiert. Heute lebt er in Ljubljana und gilt als der bedeutendste zeitgenössische Autor Sloweniens, seine Romane, Essays und Stücke wurden in viele Sprachen übersetzt. Zu seinen auf Deutsch erschienenen Büchern zählen „Rauschen im Kopf“, „Der Baum ohne Namen“, „Der Galeerensträfling“ und „Die Nacht, als ich sie sah“. Zuletzt hatte Jancars 2017 im Original und 2019 in deutscher Übersetzung erschienene Roman „Wenn die Liebe ruht“ für großes positives Echo gesorgt. Ausgehend von einer Ansichtkarte aus dem besetzten Marburg des Jahres 1943 entwickelt er in dem Buch ein bitteres Epos über die Verheerungen des Krieges.

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Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur wird jährlich für das literarische Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines europäischen Autors verliehen, das international besondere Beachtung gefunden hat. Das Werk muss auch in deutschsprachiger Übersetzung vorliegen. Zu den bisherigen Preisträgern zählen der spätere Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano (2012), Mircea Cartarescu (2015), Karl Ove Knausgard (2017), Zadie Smith (2018) und zuletzt Michel Houellebecq.

Gertraud Klemm erhält den mit 10.000 Euro dotierten Outstanding Artist Award für Literatur. Ihr „gelang es in bislang fünf, in rascher Abfolge seit 2015 erschienen Romanen, Feminismus nicht nur zu propagieren, sondern auch literarisch erfolgreich umzusetzen“, hieß es. „Gertraud Klemm ruft mit ihren Büchern vor allem in Erinnerung, dass alles Schreiben über jenen utopischen Kern verfügen muss, der einmal folgendermaßen definiert wurde: ‚Keine neue Welt ohne neue Sprache!‘“, so die Jury (Bernhard Fetz, Erich Klein und Barbara Neuwirth).

Der mit 15.000 Euro dotierte Österreichische Kunstpreis für Literatur geht an Kathrin Röggla. Ihr vielfältiges, konventionelle Gattungsgrenzen überschreitendes Schreiben widme sich „der Darstellung, Analyse und Kritik der Gegenwartsgesellschaft, des neoliberalen Ausnahmezustands und seinen sozialen wie sprachlichen Verwerfungen“, hieß es in der Begründung der Jury (Maja Haderlap, Daniela Strigl und Norbert Christian Wolf).

Der biennal vergebene und mit 15.000 Euro dotierte Österreichische Kunstpreis für Kinder- und Jugendliteratur geht an Renate Habinger. Sie sei „seit nunmehr rund 40 Jahren als Illustratorin und Autorin eine Ausnahmeerscheinung in der österreichischen Kinderbuchszene, die sie auch als Gründerin eines eigenen Kinderbuchhauses wesentlich mitgestaltet hat“, hieß es. Der ebenfalls biennal vergebene Outstanding Artist Award für Kinder- und Jugendliteratur (10.000 Euro) geht an die Illustratorin Leonora Leitl. „Sie stellt scheinbar naive Figurengestaltungen in kräftiger Farbigkeit in den Vordergrund, weiß aber die Komplexität der jeweiligen Texte künstlerisch zu inszenieren, indem sie nicht nur mit Buntstift und Collagetechniken arbeitet, sondern auch zu ganz ungewöhnlichen Materialien greift“, begründete die Jury.

Die APA erreichte Jancar am Mittwoch kurz nach der Bekanntgabe per Mail in seinem Home-Office in Ljubljana. Von dort schickte er folgendes Statement: „Eine gute Nachricht für mich in dieser schwierigen Zeit. Die Zeiten sind so besorgt, dass alles auf der Welt weitaus wichtiger ist als die Literatur. Dennoch hat die Literatur immer von dem armen Menschen gesprochen, seiner Verletzlichkeit. Aber auch über Trotz“, schreibt der neue Staatspreisträger.

Der mit 10.000 Euro dotierte und alle zwei Jahre vergebene Österreichische Staatspreis für Kulturpublizistik schließlich geht an Thomas Macho. „Seine besondere kulturpublizistische Leistung besteht nicht zuletzt in seinen klug gesetzten Zitaten. Wie kaum ein anderer weiß Thomas Macho die Verknüpfung menschlichen Handelns mit politischen, kunstgeschichtlichen und mythischen Narrativen sichtbar zu machen“, so die Jury.


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