Helden des Alltags: Fachliteratur lesen, reden, Neues lernen

Rosa Bellmann-Weiler hat Österreichs erste Corona-Infizierte behandelt. Sie berichtet von einsamen Visiten, pausenarmen Arbeitswochen und offenen Erwartungen ihrer Patienten.

Rosa Bellmann-Weiler (hier bei einem TT-Besuch Anfang März) ist Infektiologin an der Klinik Innsbruck.
© Thomas Boehm / TT

Von Benedikt Mair

Innsbruck –Legt Rosa Bellmann-Weiler ihren Arztkittel ab und das Stethoskop beiseite, ist sie wie ausgewechselt. Lange Zeit war es zumindest so. „Wie eine Verkleidung“ sei die Medizinerkluft. „Schon früh in meiner Karriere habe ich gelernt, Beruf und Privatleben zu trennen. Sonst schaffst du es nicht.“ Seit das Coronavirus Österreich erreicht hat, bricht sie ihre Regel. Und nimmt Arbeit auch mit nach Hause.

Bellmann-Weiler ist stellvertretende Leiterin der Infektiologie an der Innsbrucker Universitätsklinik. Auf die Station, für welche sie verantwortlich ist, wurden Ende Februar zwei junge Italiener eingeliefert, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Österreichs erste Fälle. Keinen Monat später liegen in den Zimmern 17 Menschen, alle mit dem Erreger infiziert, einige in kritischem Zustand. „Um kurz nach sieben Uhr in der Früh komm’ ich ins Büro, sehe mir an, wie viele Patienten da sind und wie ihr Zustand ist“, sagt die Ärztin. Dann zieht sie Schutzmantel, Maske und Brille an und geht zu ihnen.

Oft steht Bellmann-Weiler derzeit bei den Visiten alleine in den Zimmern, als Vorsichtsmaßnahme, um Distanz auch unter den Stationsmitarbeitern zu wahren, so wenig Kontakte wie möglich zu haben. „So ist das Prozedere natürlich schwieriger und anstrengender. Es dauert auch länger, kostet mehr Konzentration.“ Für Pausen bleibt wenig bis keine Zeit, anschließend müssen die Visiten aufgearbeitet, Besprechungen abgehalten, Aufgaben verteilt werden.

Der straffe Terminkalender, die fehlenden Momente zum Durchatmen seien es, was ihren aktuellen Arbeitsalltag zu dem vor Corona unterscheide. „Und die Patienten sind dankbarer.“ Nicht lang sei es her, dass viele das Gefühl hatten, nichts anderes als die beste Behandlung stehe ihnen zu. „Was ja durchaus berechtigt ist.“ Dementsprechend war aber auch der Umgangston. „Nun sind viele verunsichert, weil sie es mit einer Krankheit zu tun haben, die neu ist.“ Die Erwartungen auf Bellmann-Weilers Station sind mittlerweile offener.

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„Und eine gewisse Neugierde"

Aus einer „sehr idealistischen Motivation heraus“ hat sich die gebürtige Osttirolerin vor über 30 Jahren dazu entschieden, Medizin zu studieren. „Ich wollte Menschen helfen.“ Auch in Zeiten von Corona treibt sie das an. „Und eine gewisse Neugierde. Die Frage, wohin es sich entwickelt.“ Denn wie für die daran Erkrankten ist das Virus auch neu für sie. „Ich lese derzeit viel Fachliteratur, spreche ausführlich mit den Patienten, um daraus auch lernen zu können.“ Deshalb tauscht sie sich auch mit Kollegen aus – innerhalb der Klinik, österreichweit und mit denen in besonders betroffenen Regionen wie Italien. „Was dort passiert, gibt schon zu denken.“ Es sei, sagt Rosa Bellmann-Weiler, beruhigend zu wissen, dass Tirol gut vorbereitet ist.

Gegen 18 Uhr verlässt die Ärztin ihr Büro, um zu Hause damit zu beginnen, E-Mails und Akten abzuarbeiten, für die tagsüber keine Zeit war. „Mit der Einstellung, dass das nicht über Jahre so weitergehen wird, lässt es sich aushalten. Aber der April wird noch sehr anstrengend werden.“


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