Platter und Kompatscher: „Vermissen schmerzlich eine einheitliche EU-Linie“

Tirol und Südtirol wollen die Corona-Krise gemeinsam bewältigen. Aber auch danach in der Euregio alles unternehmen, dass es wieder aufwärtsgeht, betonen die Landeschefs Günther Platter und Arno Kompatscher.

„Können auf eine intensive Zusammenarbeit bauen“, betonen LH Günther Platter (l.) und der Südtiroler LH Arno Kompatscher.
© Land Tirol

Herr LH Platter, Südtirol und Tirol demonstrieren derzeit Solidarität. Aber könnte das Signal, dass Südtiroler Intensivpatienten in Tirol aufgenommen werden, nicht falsch verstanden werden? Schließlich werden in Tirol ja auch Operationen verschoben.

Günther Platter: Nicht nur in Tirol, sondern auch in anderen Ländern werden wegen der Corona-Krise Operationen verschoben, um Kapazitäten freizuhalten. Ich könnte es nicht verantworten, in einer derartigen Ausnahmesituation auf unsere Landsleute südlich des Brenners zu vergessen. Noch dazu, wo wir aktuell noch über ausreichend Kapazitäten verfügen, nehmen wir fünf Patienten auf. Das ist für mich gelebte Partnerschaft auch in der Krise.

Tirol hat die Skigebiete erst am 15. März geschlossen, Südtirol früher. Hätte es nicht eine bessere Abstimmung in der Euregio geben können, dass vielleicht Tirol gleichzeitig mit Südtirol seine Gebiete schließt?

Arno Kompatscher: Beide Landesteile haben ihre jeweiligen Maßnahmen aufgrund der vorliegenden Informationen und Daten sowie gemäß den Vorgaben der Gesundheitsstandards getroffen.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Platter: Zum damaligen Zeitpunkt herrschte in Italien und Österreich eine unterschiedliche Betroffenheit. Für uns alle in Nord-, Süd- und Osttirol war entscheidend, dass kein Urlauberschichtwechsel mehr stattfindet, wodurch neuerlich Hunderttausende Urlauber zu uns gekommen wären.

Hätte man nicht schon früher viel stärker grenzüberschreitend kooperieren müssen? Wären nicht generell gemeinsame Bettenpläne sinnvoll, vor allem in der intensivmedizinischen Betreuung?

Kompatscher: Das Bundesland Tirol und Südtirol arbeiten schon seit Langem intensiv zusammen. Es ist eine Tatsache, dass das Universitätsklinikum Innsbruck für bestimmte Eingriffe, die in Südtirol nicht durchgeführt werden können, unser Bezugskrankenhaus ist. Wir haben auch Partnerschaften mit Krankenhäusern in italienischen Regionen und auch im deutschsprachigen Ausland. Aber natürlich gibt es mit diesen keine so intensive Zusammenarbeit wie mit Innsbruck. Gerade in der aktuellen Krise, in welcher wir bislang eine einheitliche Linie der europäischen Staatengemeinschaft so schmerzlich vermissen, sind der Zusammenhalt und die Zusammenarbeit auf regionaler Ebene geradezu existenziell für viele Menschen.

Platter: Gerade im medizinischen Bereich wird intensiv zusammengearbeitet, sowohl bei der Ausbildung als auch in der Praxis. Die Klinik Innsbruck ist ein perfektes Beispiel dafür. Wir wissen aber auch, dass es bei grenzüberschreitenden Einsätzen Probleme wegen nationaler Vorschriften gibt. In der Euregio arbeiten wir deshalb daran, praktikable Lösungen zu finden.

Aber benötigt es nicht noch engere Verflechtungen zwischen den Krankenhäusern und Gesundheitsbehörden?

Platter: Das Gesundheitssystem ist wahrscheinlich eines der komplexesten Felder, weil es hier sehr viele staatliche Regelungen gibt. Es ist auch kein Zufall, dass es europaweit keine einheitlichen Vorgaben gibt. In der Euregio gibt es hingegen das klare Bekenntnis, im Rahmen unserer Zuständigkeiten und Kompetenzen noch enger zusammenzuarbeiten – egal ob im Ausbildungsbereich, der Prävention oder der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei Notfällen.

Kompatscher: Es findet ein ständiger Austausch statt. Auch im medizinischen Bereich gibt es eine rasante Entwicklung. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass es auch künftig eine Zusammenarbeit geben wird und diese selbstverständlich auch weiter ausgebaut werden kann.

Die Wirtschaft, vor allem der Tourismus, nimmt schweren Schaden wegen der Corona-Krise. Wird es danach Anstrengungen geben, um den Euregio-Raum noch besser zu positionieren, damit es schneller aufwärtsgeht?

Kompatscher: Es ist in dieser Krise so, dass wir jetzt sowohl in Tirol als auch in Südtirol Maßnahmen setzen müssen, um die Wirtschaft zu schützen. Die beste Maßnahme ist, so schnell wie möglich die Infektionsketten zu unterbrechen und die Kurven nach unten zu bringen, damit das wirtschaftliche und das gesellschaftliche Leben baldmöglichst wieder in Gang gebracht werden können. Dann geht es natürlich darum, gezielte touristische Marketinginitiativen zu setzen. Das werden die beiden Standorte natürlich für ihre jeweils starke Marke Tirol bzw. Südtirol machen.

Platter: Ich gehe davon aus, dass durch diese Pandemie die Reise- und Urlaubslust zumindest vorerst massiv abnehmen wird. Ich sehe es aber auch als eine Chance, denn gerade in schwierigen Zeiten ist der Rückzugsort Alpen, wo man Kraft tanken kann, der mit der Natur verbunden ist und wo ein hoher Komfort geboten wird, ein wertvolles Argument. Mit der Tourismusstrategie „Mehr Qualität statt Quantität“ und „Wertschöpfung statt Nächtigungsrekorde“ stimmt die Richtung. Wir werden sie aber natürlich an die Erkenntnisse aus der Krise anpassen und noch besser akzentuieren.

Wo können grenzüberschreitende Perspektiven am Arbeitsmarkt geschaffen werden?

Kompatscher: Ich denke, die beste Initiative für den Arbeitsmarkt ist, wenn wir unseren Standort insgesamt stark aufstellen. Südtirol profitiert von einer starken Wirtschaft in Nord- und Osttirol und umgekehrt. Es gibt bereits einen starken Austausch am Arbeitsmarkt, auch indem wir entsprechende Instrumente entwickeln, um im Gesamttiroler Raum eine Arbeitsvermittlung vorzunehmen, sei es, was die Angebots-, oder auch, was die Nachfrageseite anbelangt.

Platter: Es gibt wohl sehr wenige Regionen, wo der Austausch so stark ist wie zwischen unseren beiden Ländern. Die duale Ausbildung ist hier eines unserer Hauptthemen. Wir möchten die jeweiligen Stärken in den Systemen gegenseitig ausloten und dort, wo es sinnvoll ist, verstärken. Generell ist aber zu sagen, dass wir grundlegend offen sein müssen gegenüber Entwicklungen, die von anderswo kommen, und uns überlegen, welche Anwendungen bei uns Früchte tragen können.

Welche Herausforderungen wird es für die Euregio nach der Corona-Krise geben?

Platter: Unsere volle Konzentration gilt momentan den gesundheitlichen Auswirkungen der Corona-Krise und der finanziellen Hilfe für die Menschen. Schon am ersten Tag nach der überstandenen Krise werden wir nichts unversucht lassen, um die Folgen der Krise gemeinsam zu bewältigen.

Kompatscher: Das sehe ich auch so, doch zunächst gilt es in erster Linie für Liquidität zu sorgen. Das betrifft Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmer und Familien genauso wie Unternehmen.

Die Fragen stellte Peter Nindler


Kommentieren


Schlagworte