Wie zuhause bleiben, ohne ein richtiges Zuhause?

Die Corona-Krise verschärft nicht nur die Wohnungslosigkeit von Frauen, sondern ist auch für Opfer häuslicher Gewalt problematisch.

Für Frauen, die von Wohnungslosigkeit oder häuslicher Gewalt betroffen sind, verschärft sich die Situation dieser Tage noch einmal.
© Volkmar Schulz /

Innsbruck –Am Morgen, nachdem die Quarantäne-Maßnahmen in Tirol verhängt worden waren, leuchteten am Anrufbeantworter der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft des Dowas für Frauen in Innsbruck sieben Anrufe auf. Alle von derselben Nummer. Sie gehört Frau R., die auf der Warteliste für einen Wohnplatz steht. Die Frau hat sich von ihrem Mann getrennt und lebt aktuell mit ihrem dreieinhalbjährigen Sohn bei ihrer Schwester, die selbst nur ein­e Garçonnière bewohnt. Der Raum ist eng mit zwei Fraue­n und einem kleinen Kind. In der aktuellen Situation wird der Raum noch enger. Frau R. braucht den Wohnplatz – dringender als zuvor.

Beim aktuellen Aufruf, zuhause zu bleiben, wird oft vergessen, dass viele Menschen kein Zuhause haben. Soziale Einrichtungen wie das Dowas für Frauen sind damit täglich konfrontiert. Die Forderung nach leistbarem Wohnraum, gerade auch für Frauen und Kinder, ist keine neue, doch die Corona-Krise macht noch einmal deutlicher, wie wesentlich sie ist.

Geschichten wie die von Frau R. hört das Team des Dowa­s für Frauen regelmäßig. „Trennungen, psychische und physische Krankheit sowie Jobverlust bringen Frauen und ihre Kinder rasch in die herausfordernde Situation, sich ihren Lebensunterhalt, allem voran das Wohnen, nicht mehr leisten zu können“, erklärt Julia Grabenweger, psycho­soziale Mitarbeiterin von Dowas für Frauen.

„Unsichtbare Wohnungslosigkeit“

Weibliche Wohnungslosigkeit ist in den meisten Fällen eine „verdeckte“ Wohnungslosigkeit. Das bedeutet, dass wohnungslose Frauen seltener als Männer auf der Straße leben und damit nicht dem vermeintlichen Bild von Obdachlosigkeit entsprechen. Aus diesem Grund wird dies­e Form der Wohnungslosigkeit auch „unsichtbare Wohnungslosigkeit“ genannt. Häufig suchen Frauen für sich und ihre Kinder in Notsituationen Unterkunft bei Bekannten oder Verwandten, oft auch bei so genannten „Zweckpartnern“. Damit begeben sich Frauen nicht selten in prekäre Abhängigkeitsverhältnisse. „Wir wissen, viele Frauen sind unter diesen Umständen Nötigungen oder sogar offener Gewalt ausgesetzt. Oft wird von ihnen erwartet, den Haushalt zu führen oder sexuell gefügig zu sein“, beschreibt Graben­weger.

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Die Corona-Krise verschärft die Lebenssituation zusätzlich. Frauen sind ebenfalls von Kündigungen betroffen. Aus diesem Grund steigt der Bedarf an finanziellen Mitteln für Frauen und ihre Kinder in Notsituationen. „Zudem ist aufgrund der beengten Lebensumstände mit vermehrten Gewalttaten an Frauen und folglich auch mit Trennungen zu rechnen“, verdeutlicht Grabenweger. Frau R. hofft, dass eine der aktuellen Bewohnerinnen in der Dowas-für-Frauen-Wohngemeinschaft auszieht und damit Platz für sie und ihren Sohn entsteht.

Auch die Stadt Innsbruck machte gestern in einer Aussendung auf die Probleme im Zuge der Corona-Krise, speziel­l in Hinblick auf den Gewaltschutz, aufmerksam. Schließlich seien die Maßnahmen besonders für Opfer häuslicher Gewalt problematisch. „Ich möchte explizit darauf hinweisen, dass auch in Zeiten der Corona-Krise häusliche Gewalt nicht tolerierbar ist. Niemand, der von familiärer Gewalt betroffen ist, wird allein gelassen. Zahlreiche Beratungsstellen bieten den Opfern telefonisch oder online die notwendige Hilfe“, betont Innsbrucks Frauenstadträtin Elisabeth Mayr (SPÖ).

Das Gewaltschutzgesetz sei in seinem vollen Umfang auch dieser Tage aufrecht. „Das bedeutet, dass die Exekutive Betretungs- und Annäherungsverbote ausspricht, überprüft und bei Bedarf auch die zwangsweise Einhaltung dieser Verbote vollziehen wird. Die gesetzlich vorgesehene Kooperation zwischen Polizei und Gewaltschutzzentrum Tirol funktioniert weiterhin ohn­e Einschränkungen“, betont die Leiterin des Gewaltschutzzentrums Eva Pawlata.

„Das Gewaltschutzgesetz wird nach wie vor in vollem Ausmaß vollzogen. Für die Unterbringung von gewalttätigen Personen und deren Quarantän­e auswärts ist gesorgt“, erklärt Stadtpolizeikommandant Oberst Martin Kirchler. (TT)


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