„Spielplanänderung“: Welttheater im Abseits

Die von Simon Strauß herausgegebene Anthologie „Spielplanänderung“ stellt 30 Stücke vor, die auf ihre Wiederentdeckung warten.

Karl Schönherrs „Weibsteufel“ (im Bild: Birgit Minichmayr) wurde bereits wiederentdeckt. In „Spielplanänderung“ wird nun eine Lanze für Schönherrs „Glaube und Heimat“ gebrochen.
© APA/Techt

Von Joachim Leitner

Innsbruck – An den deutschsprachigen Schauspielhäusern herrscht dieser Tage bestenfalls Notbetrieb: Keine Vorstellungen, nicht einmal Proben gibt es. Aber gebastelt wird. Nicht etwa in den Werkstätten – auch hier macht der Arbeitsalltag derzeit (Zwangs-)Pause. Sondern an künftigen Spielplänen. Und vielleicht kommt das von Simon Strauß herausgegebene Buch „Spielplanänderung“, das lange vor dem Virus und den Schutzmaßnahmen dagegen die Form fand, in der es jetzt erschienen ist, gerade deshalb zur rechten Zeit.

Strauß ist Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Und als solcher konstatierte er bereits im Jänner vergangenen Jahres, was auch weniger professionalisierten Zuschauerinnen und Zuschauern kaum entgangen sein kann: Während der Ruf nach größerer Diversität strukturell erste Effekte zeitigt, die Ensembles vielfältiger und die Leadingteams weiblicher werden, sehen sich die Spielpläne großer wie kleinerer Bühnen erschreckend ähnlich. Es müsse ja erstaunen, schreibt Strauß, „mit welcher Einfallslosigkeit (...) immer wieder dieselben Stücke aufgeführt werden, als umfasste der allgemein spielbare Kanon nur etwa fünfzehn Autoren“. Ergänzt würden die „altbekannten Klassiker“ hin und wieder um ein paar Dramatisierungen allgemein beliebter Stoffe: Kinofilme werden adaptiert, Bestseller oder anderweitig Preisgekröntes dramatisiert. Kurzum: „Aufregende Programmgestaltung sieht anders aus.“

Strauß sucht nach Auswegen aus dieser Misere in den Schatzkammern der Theaterliteratur. Und er hat namhafte Mitstreiterinnen und Mitstreiter für seine Entdeckungsfahrt gefunden: die Schauspielerinnen Dörte Lyssewski und Johanna Wokalek zum Beispiel, die Autoren Hans Magnus Enzensberger, Daniel Kehlmann und Deborah Feldmann oder die Dramaturgen Bernd Stegemann und Carl Hegemann. Insgesamt 30 Stücke haben sie ausgemacht, die auf Wiederentdeckung warten. Im Buch sind sie chronologisch gereiht: Von Lope de Vegas „Fuente Ovejuna“ (1619), das Paul Ingendaay anpreist, bis zu „Frankie und Johnny“ (1987) des vor wenigen Tagen verstorbenen US-Dramatikers Terrence McNally, das Filmkritikerin Verena Lueken gegen seine Star-gespickte Banalisierung durch Hollywood verteidigt.

Auf zeitgenössische Dramatik wurde in „Spielplanänderung“ absichtsvoll verzichtet. Gesucht und gefunden wurden Stücke, die zeitlose Deutungen ermöglichen und am Exempel Allgemeines verhandeln: Macht, Missbrauch, Liebe, Hass, Intrige. Wobei sich ein Ansatz durch alle Texte zieht: Beschworen wird ein – auf den ersten Blick – einfaches Theater: Sprache und Körper als Instrumente, um Menschliches und allzu Menschliches zu untersuchen. Das mag – wiederum auf einen ersten Blick – einigermaßen konservativ wirken. Doch gerade dieser Tage, wo auf so viel Spektakel verzichtet werden muss, wird deutlich: Multimediale Mätzchen lassen sich reproduzieren, die Wirkung von Körpern im – mit Peter Brook gesprochen – „leeren Raum“ nicht.

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Tatsächlich lässt sich in „Spielplanänderung“ ein Welttheater im Abseits entdecken: Die wilde Verwechslungs-Komödie „Der Wanderer“ (1677/1681) von Aphra Behn, der ersten Berufsschriftstellerin der europäischen Geschichte; George Sands Roman in dramatischer Form „Gabriel“ (1839); oder „Automatenbüffet“ (1932) der gebürtigen Wienerin Anna Gmeyner, das sich vor Ödön von Horváth oder den Stücken Marieluise Fleißers – deren „Der starke Stamm“ (1950) hier in Erinnerung gerufen wird – nicht verstecken muss. Auch der Tiroler Karl Schönherr findet mit „Glaube und Heimat“ (1910) Eingang in den Versuch, den Kanon des Gängigen zu öffnen. Der muss hierzulande vielleicht nicht wiederentdeckt werden. Aber aus der Stube holen und auf die große Bühne stellen könnte man ihn allemal.

Anthologie. Simon Strauß (Hg.): Spielplanänderung. Tropen, 260 Seiten, 20,60 Euro.


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