Coronavirus-Maßnahmen verschärft - Mehr als 9.300 Fälle

Der Kampf gegen das Coronavirus wird in Österreich um weitere Maßnahmen verschärft. Beim Supermarkt-Einkauf müssen Masken getragen werden und gefährdete Personen sollen von der Arbeit ins Home Office wechseln oder freigestellt werden. Zudem plant die Regierung 2.000 Stichproben-Tests auf das Virus in der Bevölkerung. Bis Montag, 15.00 Uhr gab es 9.377 bestätigte Infizierte und mehr als 100 Tote.

Vor Supermärkten soll künftig ein sogenannter Mund-Nasen-Schutz (MNS) an Kunden ausgeteilt werden. Ohne eine solche Maske werde der Zutritt verwehrt, hieß es bei einer Pressekonferenz der Regierungsspitze. Gelten soll diese Regel, sobald genügend Stückzahlen vorhanden sind, gerechnet wird damit ab Mittwoch. Zum Einsatz kommen darf auch ein selbst hergestellter Schutz, etwa aus Stoff. So weit möglich soll dieser Schutz auch überall getragen werden, wo Menschen zusammenkommen, appellierte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Das Abstandhalten im Supermarkt soll ebenfalls genauer geregelt werden.

Risikogruppen - also Menschen mit Vorerkrankungen oder Personen über 70 Jahre - sollen aus ihren Arbeitsstätten herausgenommen werden und Home Office nützen. Ist dies nicht möglich, werden sie verpflichtend freigestellt. Alle Hotels, Pensionen und sonstige Quartiere für „touristische Zwecke“ müssen schließen. Der Start dieser Maßnahme war ebenso noch unklar wie Details zu den weiteren bekannt gegebenen Plänen der Regierung.

Die Behörden wollen sich mittels repräsentativer Stichprobentests jedenfalls einen besseren Überblick über die Infektionszahlen in der Gesamtbevölkerung verschaffen. Dazu sollen 2.000 Testungen vorgenommen werden, Ende der Woche soll das Ergebnis vorliegen. Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) betonte, dass man nach Ostern die Maßnahmen keineswegs lockern könne, denn sonst würden die Kapazitätengrenzen der medizinischen Einrichtungen überschritten und dies würde dann „viel mehr Tote“ bedeuten. Kanzler Kurz machte zudem klar, dass zunächst der Handel, dann erst Schulen und Universitäten aufgesperrt würden.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Der Expertenbeirat der Regierung hatte zuvor eher düstere Prognosen erstellt. In einem Montagfrüh bekannt gewordenem Papier heißt es, wahrscheinlich benötige es „deutlich strengere Maßnahmen als derzeit in Kraft sind“. Unter der realistischen Annahme eines Replikationsfaktors von 1,7 - also eine Person steckt 1,7 Menschen an - werde das Gesundheitssystem Mitte April zusammenbrechen, betonen die Fachleute. „Die Wahrheit ist: Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Und wie grausam dieser Sturm sein kann, merkt man, wenn man in unser Nachbarland Italien schaut“ sagte Kurz - und warnte vor „Verharmlosern“.

„Wir sind von unserem Ziel noch weit entfernt“, betonte auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). Die Zahl der Toten durch das Coronavirus stieg am Montag auf mehr als 100. Bis 9.30 Uhr wurden 108 Verstorbene gemeldet, 22 mehr als 24 Stunden zuvor. 999 Infizierte wurden in Spitälern behandelt, 193 davon auf Intensivstationen (ebenfalls Stand 9.30 Uhr). 636 Personen galten als wieder genesen, seit Beginn des Übergreifens der Pandemie auf Österreich wurden hierzulande 49.455 Tests durchgeführt.

9.377 nachweislich an Covid-19 Erkrankte führte das Gesundheitsministerium um 15.00 Uhr auf. Das waren im 24-Stunden-Vergleich 564 Fälle bzw. 9,9 Prozent mehr und damit erstmals seit Freitag eine Steigerung des prozentuellen Anstiegs. Für Tirol wurden 2.205 Infizierte ausgewiesen, für Oberösterreich 1.535 und für Niederösterreich 1.533. Wien hielt bei 1.235 Fällen, die Steiermark bei 958, Salzburg bei 855, Vorarlberg bei 616, Kärnten bei 261 und das Burgenland bei 179 Infizierten.

Mehr als 10.000 Anzeigen wegen Verstößen gegen das Anti-Corona-Maßnahmenpaket sind bisher bundesweit ergangen. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) kündigte ein konsequentes Vorgehen der Polizei gegen Missetäter und entsprechende Strafen an. Das Nichteinhalten des Mindestabstands nannte der Innenminister „katastrophal gefährlich“.

Die Polizei ortete unterdessen eine Verlagerung bei den Kriminalitätsdelikten. Gewaltdelikte auf der Straße - wie Raub und Körperverletzungen - sowie Einbrüche waren zwei Wochen nach Einführung der Ausgangsbeschränkungen rückläufig. Eine von vielen Seiten befürchtete Zunahme der häuslichen Gewalt wurde dagegen vorerst nicht registriert. Frauenhäuser und die Frauen-Helpline 0800-222-555 verzeichneten jedoch vermehrt telefonische Anfragen und Beratungen.

Die NEOS begrüßen die von der Regierung angekündigten Verschärfungen der Corona-Maßnahmen. Allerdings forderte Klubchefin Beate Meinl-Reisinger in einer Aussendung am Montag schlagkräftigere Hilfen für Unternehmer und Klarheit für Eltern und Schüler über die Schließung der Bildungseinrichtungen. „Die Verunsicherung in der Bevölkerung ist groß“, warnte sie und verlangte eine „Fördergarantie“.

Man habe volles Vertrauen in die Kompetenz des medizinischen Expertenrates, betonte Meinl-Reisinger und begrüßte, dass nun rechtliche und finanzielle Klarheit für Risikogruppen geschaffen werde. Auch die von der Regierung nun angekündigten repräsentativen Tests freuen die NEOS-Chefin: „Das ist wichtig und richtig und längst überfällig.“

Je länger die Einschränkungen dauern, desto wichtiger seien aber auch schlagkräftigere Wirtschaftshilfen. Auch für Schülerinnen und Schüler brauche es neue Modelle. „Sowohl Wirtschaft als auch Schülerinnen und Schüler brauchen eine Fördergarantie“, forderte Meinl-Reisinger: „Auch die vielen Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrpersonal brauchen endlich Klarheit, wie lange Bildungseinrichtungen geschlossen bleiben.“

FPÖ-Chef Norbert Hofer wirft Bundeskanzler Kurz unterdessen vor, mit der Mitte März angekündigten „Wiederauferstehung nach Ostern“ die Unwahrheit gesagt zu haben. Hofer kritisiert weiters, dass der viel beschworene „nationale Schulterschluss“ mit der Opposition gescheitert sei, weil die von der Regierung am Montag angekündigten Maßnahmen zwar medial bereits im Vorfeld verbreitet, aber nicht mit den anderen Parteien besprochen worden waren. Außerdem ärgert sich der FPÖ-Chef über die „Salamitaktik“ bei der Verkündung neuer Maßnahmen. Denn dass es die von Kurz angekündigte „Wiederauferstehung“ nach Ostern nicht geben würde, sei schon Mitte März klar gewesen.

Um Hamsterkäufe zu vermeiden, fordert der FPÖ-Chef die Regierung auf, die Bevölkerung kostenlos mit Schutzmasken zu versorgen. Außerdem mokiert sich Hofer über den „Salto rückwärts“ des Kanzlers bei der Maskenpflicht. Dennoch noch Anfang März hatte sich Kurz dagegen ausgesprochen, „mit Schutzmasken durch die Gegend zu laufen - vor allem, wenn es Masken sind, die einen ohnehin nicht schützen“.

Die Überwachung der Bevölkerung zur Eindämmung der Corona-Pandemie lehnt Hofer strikt ab: „Es wäre nicht das erste Mal, dass unter dem Vorwand einer Krise Menschen bespitzelt und Bürgerrechte eingeschränkt werden.“

Kritik an der kommenden Schutzmaskenpflicht beim Einkaufen kam unterdessen auch aus dem Lebensmittelhandel. Die Nah&Frisch-Gruppe kritisiert, nicht im Vorfeld von der Regierung informiert worden zu sein. Die Beschaffung der Masken bis Mittwoch sei eine „große logistische Herausforderung. Die Bundesregierung hat uns überrumpelt“, kritisierte Geschäftsführer Hannes Wuchterl.

„Es gab keinerlei Vorabinformation für uns als Nahversorger im ländlichen Bereich“, so Wuchterl weiters. „Wir arbeiten gemeinsam mit unserem Partner Markant, aber auch mit anderen möglichen Quellen, an der Beschaffung der Masken“, denn Nah&Frisch unterstütze das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Bekämpfung der Corona-Krise grundsätzlich. Aber: „Die Informationspolitik und vor allem die Kooperation mit einem wichtigen Systemerhalter der Nahversorgung in Klein- und Kleinstgemeinden hat in diesem Falle versagt“, so die Kritik an der Bundesregierung von ÖVP und Grünen.

Auch vonseiten der Branchenvertreter gab es Kritik an der angekündigten Schutzmaskenpflicht für Einkäufe im Supermarkt. Die Maßnahme sei nicht abgesprochen gewesen und viele Details seien noch offen, so Peter Buchmüller, WKÖ-Obmann der Fachgruppe Handel, am Montag im Ö1-“Abendjournal“ des ORF-Radio.

„Mit der Sparte Handel wurde über diese Maskenpflicht nicht gesprochen, also ich habe die Information aus den Medien,“ so Buchmüller. Der Handel werde mit der Regelung, die vorsieht, dass die Masken von den Lebensmittelhändlern selbst an die Kunden ausgehändigt werden müssen, organisatorisch überfordert.

Zudem gebe es noch viele Fragen zu klären: „Wo kommen diese Masken her, werden alle Geschäfte bedient damit - auch die Kleinsten -, wie regeln wir das mit den Türstehern, die die Kundenströme leiten sollen - das sind alles offene Fragen,“ sagte Buchmüller in dem Bericht. Man warte nun ab, was genau in der Verordnung zu der Maßnahme geschrieben steht.


Kommentieren


Schlagworte