Mit großer Integrität seiner Zeit voraus: Siegfried Lenz' „Der Überläufer" im TV

Gute Zeiten für alle Bewunderer von Siegfried Lenz: Nachdem seine „Deutschstunde“ fürs Kino verfilmt worden war, kommt jetzt ein ganz besonderes Werk als TV-Zweiteiler auf die Bildschirme: „Der Überläufer“.

Siegfried Lenz († 2014) war einer der bekanntesten deutschsprachigen Erzähler der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. (Archivfoto von 2011)
© dpa

Von Ludwig Heinrich

München – „Der Überläufer“ war der zweite Roman von Siegfried Lenz, die Veröffentlichung war eigentlich für November 1951 geplant. Erschienen ist das Werk jedoch erst 2016.

Der Münchner Floria­n Gallenberger, Oscar-Preisträger des Jahres 2001 („Quiero ser“, bester Kurzfilm), hat den Stoff nun fürs Fernsehen aufbereitet. Die Ausstrahlung ist für den 8. und 10. April in der ARD angesetzt, jeweils um 20.15 Uhr.

Damals, 1951, schrieb der Verlagslektor über das Buch: „Es packt den Leser im Genick.“ Dann verschwand es für viele Jahre im Keller. Warum? Weil der Held, der junge Wehrmachtssoldat Walter Proska, ein Deserteur war? Sogar ein zweifacher. Deserteure galten über viele Jahre ja als Verräter.

Florian Gallenberger: Das ist sehr wahrscheinlich. Ein Deserteur, hier sogar als zentrale Figur. Ich kann mich nicht erinnern, so was bislang im Kino gesehen zu haben. Bis heute ist ja die Meinung verbreitet: Deserteure sind Schweine.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Dem Österreicher Franz Jägerstätter, der sich einst geweigert hatte, für Hitler zu kämpfen, und der deswegen hingerichtet wurde, war ja auch über viele Jahre jegliche Ehrung verweigert worden.

Gallenberger: Ich glaube, dass Siegfried Lenz mit dem Buch in den Fünfzigern seiner Zeit voraus war. Und ich denke, es lohnt sich, sich mit einem solchen Menschen zu befassen. Walter Proska ist eine sehr spannende Figur, die in der unendlich schrecklichen Situation des Krieges, in der es kein Richtig und kein Falsch mehr gibt, versucht, ihre Integrität zu bewahren. Ich halte den Roman von Siegfried Lenz, auch wenn er damals nicht veröffentlicht wurde, in Sachen Qualität für eine ungemein erzählenswerte Arbeit, die über einen großen Zeitraum aktuell geblieben ist. Ich denke, es gibt bis heute eine reflexartige Ablehnung auf den „Überläufer“, denn die Menschen denken oft in Gruppenzugehörigkeit. Ausländer gegen Inländer, Moslems gegen Christen, oder harmloser, im Sport, Bayern-München-Anhänger gegen München-1860-Fans.

Auch das Thema Liebe im Krieg nimmt in der Geschichte wesentlichen Raum ein. War das schon im Buch der Fall?

Gallenberger: Im Buch passiert die Affäre zwischen Walter und der polnischen Partisanin Wanda sogar noch schneller. Dort beginnen sie sich schon im Zugwaggon, in den er sie unbemerkt mitnimmt, zu küssen. Ich habe mich mit meinen Hauptdarstellern intensiv damit auseinandergesetzt. Ich verstehe dieses Verhalten so, dass sich hier zwei junge Leute in einer Situation befanden, in der sie nicht wussten, ob sie den nächsten Tag noch erleben würden oder nicht. In Extremsituationen ändert sich das menschliche Verhalten auf vielfache Weise. Ich habe keine Zweifel, dass es solche Liebesgeschichten wirklich gab, deshalb lag mir daran, die Augenblicke, in denen sie sich in einem Kornfeld lieben, möglichst ungebrochen zu zeigen. Für Momente haben sie sich da wie in einem Traum aus der Realität herausgestohlen.

Brillieren im Film „Der Überläufer“ des Münchner Regisseurs Florian Gallenberger: das Schauspieler-Team Sebastian Urzendowsky, Malgorzata Mikolajczak, Jannis Niewöhner und Rainer Bock (v. l.).
© www.picturedesk.com

Komplimente für das Casting. In Jannis Niewöhner und der Polin Malgorzata Mikolajczak haben Sie ein tolles Liebespaar gefunden. Niewöhner scheint ja wirklich das Zeug zu einem kommenden internationalen Star zu haben?

Gallenberger: Er hat in der Tat Aussehen, Präsenz und Ausstrahlungskraft eines künftigen Stars. Er ist für mich eine Ausnahmeerscheinung, und trotz allem ist er unglaublich geerdet und bringt eine Kollegialität mit, die außergewöhnlich ist. Mit Haut und Haar, mit jeder Zelle seines Körpers. Obwohl ich meinen Job schon ein paar Jahre mache – ich bin ein großer Fan von ihm geworden.

Und Malgorzata Mikolajczak als Partisanenmädchen Wanda?

Gallenberger: Es war nicht einfach, sie zu finden. Wir haben ja zunächst eine junge Schauspielerin gesucht, die auch Deutsch kann. Die Ausbeute war relativ überschaubar. Also haben wir das Casting „geöffnet“. Da hat sich dann Malgorzata relativ schnell herauskristallisiert. Der Vorteil war, dass Jannis mit dabei war und ich die beiden bei den Proben auf Augenhöhe agieren lassen konnte. Allerdings spricht sie ja kein Deutsch und musste ihre Dialoge in wirklich sehr kurzer Zeit phonetisch lernen. Es war für mich unglaublich schön, sie und Jannis miteinander zu beobachten.

Was war für Sie der schwierigste Teil der ganzen Arbeit?

Gallenberger: Die Zeitknappheit, die wie ein Korsett war. Und Dreharbeiten in den Sümpfen sind immer ein richtiger Albtraum. Da verlangsamt sich alles, und es wird manchmal ungemein anstrengend. Doch Jannis setzte immer seine ganze Energie ein und riss das ganze Team mit.

So weit sich in der gegebenen Situation überhaupt etwas planen lässt: Was haben Sie als Nächstes vor?

Gallenberger: Ich möchte im Sommer mit „Es ist nur eine Phase, Hase“ beginnen, eine leichte, warmherzige Komödie übers Älterwerden. Doch im Augenblick steht ja alles, was in der Filmbranche besonders dramatisch ist, weil die meisten Mitwirkenden ja keine großen finanziellen Rücklagen haben. Somit hoffe ich sehr, dass sich der Vorhang bald wieder heben wird.


Kommentieren


Schlagworte