Die verzweifelte Suche nach der richtigen Schutzmaske

Die seit dieser Woche geltende Mundschutzpflicht nimmt nicht nur der Handel ernst: Viele Menschen versuchen irgendwo in der Welt an das begehrte Stück zu kommen. Im Internet locken Fake-Angebote, die meisten „echten“ Hersteller und Händler beliefern nur noch medizinisches Personal. Andere Firmen satteln auf Stoffmasken um und helfen.

Egal, ob Nasen-Mund-Schutz aus Stoff oder medizinische FFP-Masken: Das große Rennen um und das Warten auf Masken haben begonnen.
© Getty Images/iStockphoto

Von Liane Pircher und Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – Zumindest Tirols Hausärzte atmen seit Mittwoch auf. Nach langem Hin und Her wurden endlich alle mit einem Basispaket von 200 chirurgischen OP-Masken, 20 FFP-Masken und fünf Litern Desinfektionsmittel ausgerüstet. Anders als bei einer Verteilungsaktion zuvor erfolgte die Ausgabe diesmal einheitlich. Viel gebracht hat den Ärzten auch ein Aufruf an andere Berufssparten, Schutzmaterial zu spenden. Rund 70 Ärzte konnten damit ausgerüstet werden.

Insgesamt, so erklärt Herbert Bachler, Präsident der Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin, seien die Hausärzte fürs Erste versorgt. Man habe auch 1000 Stück Stoffmasken über die Wirtschaftskammer dazubestellt. Man werde aber bald neuen Nachschub brauchen, so Bachler.

An Ausrüstung zu kommen versuchen derzeit nicht nur die Ärzte und der Handel. Egal, ob Einmalschutz- oder FFP-Masken – alles ist schwer zu bekommen. Und selbst wenn man das begehrte Gut aus Asien, wo die größten Hersteller sitzen, ergattert, dann muss es erst einmal nach Österreich kommen. Das dauert. Europäische Hersteller von Schutzkleidung, die auch für medizinisches Personal taugt, liefern ohnehin nur noch an Kliniken und andere medizinische Einrichtungen. Um Verständnis dafür, dass diese Personen besonders schutzbedürftig sind und man ihnen deshalb Vorrang lasse, bittet etwa die Leitung der bayerischen Firma Uvex – einer der wenigen Hersteller von Schutzkleidung, die größtenteils in Europa produzieren. Aufgrund der hohen Nachfrage gibt es Lieferverzögerungen.

Schutzkleidung statt Gleitschirme näht seit dieser Woche auch die Tiroler Firma Nova – 4000 Masken werden pro Tag produziert.
© Nova

Obwohl Privatpersonen ohnehin das Tragen von Einweg- oder Stoffmasken empfohlen wird, versuchen viele an FFP-Masken zu kommen. Diese sind nicht wirklich alltagstauglich, weil nicht ganztägig, sondern nur stundenweise tragbar. Trotzdem: Viele wollen so eine haben und suchen im Internet danach. Dort treibt die verzweifelte Suche nach Masken höchst zweifelhafte Blüten, nicht nur was den Preis anbelangt. IT-Experten warnen vor „Fake“-Seiten. Für Laien ist der Unterschied zwischen „falsch“ und „echt“ oft schwer zu erkennen.

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„Generell ist es ratsam, sich das Impressum einer Seite anzusehen – fehlt es, ist das ein absolutes Warnsignal. Auch ist es wichtig, nicht nur User-Bewertungen auf der Website selbst anzuschauen, sondern zum Beispiel zu schauen, ob andere im Netz auf seriösen Websites den Anbieter bereits rezensiert haben“, sagt dazu Ingrid Brodnig, die sich als Autorin und Journalistin u. a. mit dem Aufdecken von „Fake News“ beschäftigt. Ihr Tipp: Die Faktenchecker für Fälschungen im Netz (www.mimikama.at).

📽 Video | Mundschutz im Supermarkt: So trägt man MNS-Masken richtig

Für Verunsicherung hat diese Woche auch die Aussage der Regierung geführt, die erklärt hat, dass man die in Supermärkten ausgegebenen Einmal-Masken nach Hause nehmen und wiederverwenden könne. Der Grund: Die vom Handel ausgegebenen Einmal-Masken sind Mangelware. So waren bei Tiroler Supermärkten am Samstagvormittag teils keine mehr am Eingang erhältlich. Mehrere Experten warnen indes davor, Einmal-Masken mehrmals zu verwenden. Besser seien in jedem Fall waschbare Stoffmasken. Diese werden mittlerweile von vielen Privatpersonen produziert. Je besser der Stoff, desto mehr bringt er an Schutz. Ein Trick: Je weniger ein Stoff Wasser durchrinnen lässt, desto wertvoller die Maske. Auch viele Firmen haben auf die Herstellung von Masken umgerüstet (die TT berichtete).

Im größeren Stil stellt seit dieser Woche beispielsweise auch die Tiroler Firma Nova Schutzausrüstung statt – wie sonst – hochwertige Gleitschirme für Sportler her. Gefertigt werden pro Tag 4000 Masken und auch Schutzmäntel. Verkauft wird aus logistischen Gründen in Mindestabnahmen von 50 Masken und zehn Mänteln.

Wenn es um die Suche nach Masken geht, erreichen viele Beschwerden momentan auch den Internet-Ombudsmann, sagt Projektleiter Karl Gladt: „Die Leute wenden sich an uns, weil die im Internet bestellten Masken nicht bei ihnen einlangen und die Unternehmen nicht auf Rückfragen antworten.“ Auch für die Internet-Experten sei schwer einzuschätzen, ob es sich um Fake-Shops handelt oder um seriöse Anbieter, die wegen der großen Nachfrage derzeit mit der Lieferung im Verzug sind. Auch liegt die Vermutung nahe, dass manche kürzere Lieferfristen versprechen, als sie tatsächlich einhalten können.

© Prokes

Zur Unsicherheit trägt bei, dass einige etablierte Händler zusätzlich Schutzmasken ins Sortiment genommen hätten, um sich damit über die wirtschaftlich schwierige Zeit zu retten. Gladt: „Aber es gibt leider dieses Phänomen, dass überall, wo Not herrscht oder Situationen unübersichtlich sind, Betrug gedeiht.“

Auch der Verein für Konsumenteninformation (VKI) rät zu Vorsicht bei Online-Angeboten. Nicht alle Anbieter seien vertrauenswürdig, Bewerbungen manchmal irreführend und Produktinformationen ungenau, manchmal fehlen sie auch komplett. Der VKI klagte aus diesen Gründen etwa die Firma „kitzVenture“, die unter „mundschutzmasken24.com“ Produkte anbietet. Bei Website-Namen wie diesem kann davon ausgegangen werden, dass sie erst nach Beginn der Krise online gingen.

Der Tiroler Unternehmer Tom Manhart von der Firma „Medi-M“, die Medizinprodukte vertreibt, bemüht sich, Mundschutzmasken aufzutreiben. „Es ist unwahrscheinlich schwer“, sagt der Thierseer. Bestellt werden kann in China nur gegen Vorkasse und in sehr großen Mengen. Die Preise seien „jenseits von Gut und Böse“ und etwa auf das Vierfache angestiegen. Deshalb habe er sich mit anderen Betrieben zusammengetan, gemeinsam wird nun auf eine Lieferung von 250.000 NMS-Masken gewartet. Sie sollen per Flugzeug geliefert werden – auch das lässt die Preise nach oben schießen –, auf dem Schiff wäre die Ladung einige Wochen unterwegs.

„Wir sind schon einigen Phantomen nachgejagt“, berichtet Matthias König, Präsident der Tiroler Apothekerkammer, über etliche Versuche, „auf allen möglichen Wegen“ zu Schutzausrüstung zu kommen. Die Apotheken waren die Ersten, die Schutzmaßnahmen getroffen haben, indem sie etwa die Anzahl der Kunden in den Geschäften reduzierten. „Bisher musste keine einzige wegen des Virus gesperrt werden.“ Der Versuch, Schutzausrüstung zu erstehen, geht „an mehreren Fronten“ weiter, so König. „Wir hoffen, dass sich in den nächsten Tagen etwas tut.“

📽 Video | "MNS" und "FFP": Welche Maske schützt wovor?

Diese Hoffnung vieler könnte vielleicht auch der Innsbrucker Christoph Prokes (CP Projects) erfüllen, der Ende der Woche eine große Lieferung von FFP2-Schutzmasken in Empfang nehmen konnte. Möglich war das durch eine Zusammenarbeit mit Großimporteuren – „man muss die Kontakte haben und sich zusammenschließen“. Trotzdem sei alles immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Ware gebe es genug, in China würden in manchen Fabriken 750.000 Masken an einem Tag produziert. Inzwischen wird allerdings bereits der Rohstoff Vlies knapp. Der Preis sei hoch und nicht mit früher vergleichbar.

Ein Grund dafür sind auch die Tarife bei Cargo-Flügen, die derzeit boomen und doppelt so teuer seien wie noch vor einigen Monaten. Über die Tiroler Wirtschaftskammer meldeten sich Betriebe aus der Baubranche, Zahnärzte, aber auch Bestatter bei Prokes. Die 10.000 Masken, die in Innsbruck ankamen, sind alle verkauft, „das Telefon läutet alle zwei Minuten, es gibt etliche Anfragen, auch von Krankenhäusern“. Die Ware wird nun in Kleinstbestellungen von 1 bis 100 Stück aufgeteilt, die Hälfte soll an Seniorenheime gehen.

Für diese Woche soll es Nachschub geben. Prokes rät auch anderen zur Zusammenarbeit: „Wenn sich Krankenhäuser, das Land und die Gemeinden zusammentäten und gemeinsam Schutzausrüstung kaufen, würde das besser funktionieren, als sich auf den Bund zu verlassen.“

© APA

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