Gletscherbericht 2019: Keine Trendwende im Gebirge

Der durchschnittliche Rückgang der heimischen Gletscher fiel im Jahr 2019 mit 14,3 Metern zwar geringer aus als in den Vorjahren. Optimismus ist laut Experten aber unangebracht.

Der Ochsentaler Gletscher in der Silvretta-Gruppe (hier 2019) weist mit -86,7 Metern den zweithöchsten Rückzugswert in Österreich auf.
© ÖAV Gletschermessdienst/Groß

Von Benedikt Mair

Innsbruck – Was auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht wirkt, ist bei genauerer Betrachtung gar keine. Zwar war der Rückzug der Gletscher im Vorjahr geringer als in den vorangegangenen Messperioden, eine Trendwende ist das laut Experten aber nicht. Im Gegenteil. „Das Jahr 2019 reiht sich nahtlos in eine lange Periode mit sehr gletscherungünstigen Bedingungen ein“, sagte Gerhard Lieb, einer der beiden Leiter des Alpenverein-Gletschermessdienstes, gestern bei der Präsentation des jährlichen Gletscherberichtes.

Im Schnitt 14,3 Meter und damit so wenig wie seit fünf Jahren nicht zogen sich die österreichischen Gletscher im Vorjahr zurück, 2018 waren es noch 17,2 Meter. Von 92 beobachteten Gletschern konnte bei 86 (94 Prozent) ein Schwund der Eismasse festgestellt werden. „Immerhin fünf Gletscher sind stationär geblieben, im Jahr 2018 war das bei vieren der Fall“, erklärte Lieb. Das Maurerkees in der Glocknergruppe wuchs sogar geringfügig um knapp über zwei Meter. Dass alle Gletscher, die nicht schrumpften, in den Hohen Tauern liegen, ist für den Leiter des Messdienstes „ein Signal, dass die Gletscherbedingungen im Osten Österreichs etwas besser sind als im Westen. Das alles sollte aber nicht dahingehend interpretiert werden, dass die Rückzugsgeschwindigkeit der Gletscher gebremst wurde.“ Die Eis- und Schneemassen wirkten auf Bildern „eingefallen. Es ist ihnen anzusehen, dass sie schlecht ernährt werden.“

Ein Bild vom Ochsentaler Gletscher aus dem Jahr 2013.
© ÖAV Gletschermessdienst/Groß

Für den Gletscherbericht des Alpenvereins wurden zwischen 20. August und 25. Oktober 2019 in zwölf österreichischen Gebirgsgruppen 92 Gletscher beobachtet, 84 davon genau vermessen. „Bei drei wurde ein Rückzug von über 80 Metern festgestellt“, berichtete Andreas Kellerer-Pirklbauer, der zweite Leiter des Gletschermessdienstes. Und zwar beim Bärenkopfkees in der Glocknergruppe in Salzburg (minus 86,9 Meter), dem Ochsentaler Gletscher in der Silvrettagruppe in Vorarlberg (minus 86,7 Meter) und dem Schweikertferner in den Ötztaler Alpen im Kaunertal (minus 86,3 Meter). Die Pasterze, seit Jahren Sinnbild für die Gletscherschmelze, zog sich um 60 Meter zurück – der dritthöchste Wert in der Messgeschichte. Gebremst wurde der Gletscherschwund laut Kellerer-Pirklbauer vor allem dadurch, dass in vielen Gebirgszügen die Schneedecke noch bis Juni 2019 relativ dick gewesen und erst im Juli komplett verschwunden sei.

Ingrid Hayek, Präsidentin des Alpenvereins, zog eine Parallele zwischen der aktuellen Ausgangssperre und dem Gletscherschwund. Es gebe viele Dinge, die es zum rein physischen Überleben nicht brauche, sagte Hayek. „Das so genannte Überflüssige, das wir nicht wirklich wertgeschätzt haben, vermissen wir plötzlich. Wir blicken sehnsüchtig in die Berge, weil wir nicht hinaufsteigen können. Was passiert, wenn die Gletscher verschwinden? Mit kitschigen Postern können wir sie nicht ersetzen.“

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