Helden des Alltags: Jongleur des Nahverkehrs in der Corona-Krise

Statt einem Jahr hatten sie nur eine Woche: Michael Schön und sein Team haben in der Corona-Krise den ÖBB-Nahverkehr neu organisiert.

Michael Schön erstellt in seinem Home-Office die Fahrpläne für den ÖBB-Nahverkehr in Tirol.
© ÖBB

Von Matthias Reichle

Landeck – Er selbst pendelt derzeit nicht – er sorgt aber dafür, dass alle anderen rechtzeitig zum Job und am Abend wieder heim kommen. Frühmorgens setzt sich der Land­ecker Michael Schön zu Hause in sein Büro – und taucht ab in eine Welt, die von der Uhr und von Zahlen bestimmt wird: Tausende An- und Abfahrtszeiten, Zugkapazitäten und Anschlusstermine, die eingehalten werden müssen. Er und sein Team sollen da auch in der Corona-Krise den Überblick behalten. Der ÖBB-Mitarbeiter ist der Kopf hinter den Fahrplänen für den Nahverkehr in Tirol – und die zu erstellen, ist derzeit eine echte „Herkulesaufgabe“.

„Normalerweise haben wir ein Jahr Vorlaufzeit, um einen komplett neuen Fahrplan zu erstellen“, erzählt der Chefplaner, „diesmal hatten wir eine Woche.“ Schön und seine Mitarbeiter mussten im vergangenen Monat etwas schaffen, von dem nicht sicher war, ob das möglich ist.

Der ÖBB-Nahverkehr wurde seit Ausbruch der Krankheit reduziert. Von den 366 Nahverkehrsverbindungen eines „normalen“ Werktags fielen 83 komplett weg, 168 wurden auf Teilstrecken oder an bestimmten Tagen gestrichen, erklärt Schön. Hintergrund sind die sinkenden Fahrgastzahlen.

In enger Abstimmung mit VVT und Land galt es in kürzester Zeit die Verbindungen neu zu überdenken und eingleisige Streckenabschnitte ebenso im Kopf zu behalten wie die Fahrgastkapazitäten, um auch die Gefahr einer Ansteckung zu minimieren. Aktuell jonglieren sie dabei mit insgesamt 30 Talent-Zügen und zwei Garnituren mit Lok und Waggons.

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„Wir haben normalerweise viele ausländische Fahrzeuge aus Italien und Deutschland im Einsatz – die waren mit einem Schlag weg“, berichtet Schön. „Untertags haben wir kein Problem, aber es gilt die Spitzen in der Früh abzufangen.“ Ein Talent-Wagen hat normalerweise 200 Sitzplätze. Momentan muss jeder Abstand halten, da ist nur noch Platz für 50 Personen.

So mussten trotz sinkender Fahrgastzahlen – bundesweit ist es ein Minus von 80 bis 90 Prozent – manche Verbindungen sogar verstärkt werden. Gleichzeitig galt es auch ausgefallene Züge im Fernverkehr, die von manchen Pendlern genutzt werden, zu ersetzen und die geänderten Busfahrpläne miteinzubinden.

Das alles unter einen Hut zu bringen, war am Anfang „extrem schwierig“, so Schön. Bereits am ersten Tag, an dem der Fahrplan im Einsatz war, gab es die erste Abänderung. Inzwischen arbeitet man an der achten Adaptierung.

Nicht allen kann man es freilich recht machen – die Reaktionen sind gemischt. „Einige sind sehr dankbar und verständnisvoll, manchmal gibt es auch kritische Stimmen, die fragen, warum sie nun fünf Minuten früher aufstehen müssen“, schmunzelt der ÖBB-Planungsmitarbeiter. „Wir sind ein gutes Team“, ist er überzeugt, „alle Abteilungen machen einen exzellenten Job in dieser schwierigen Phase.“


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