Paul McCartney träumt noch immer von John Lennon

Am 10. April 1970 endet eine der größten Erfolgsgeschichten der Popmusik: McCartney gab den Bruch der Beatles öffentlich bekannt.

1964 war die Beatles-Welt noch in Ordnung: Ringo Starr, George Harrison, John Lennon und Paul McCartney und (v. l. n. r.) in New York.
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London –Die berühmteste Band der Welt verschwand nicht mit einem Knall – sondern mit einer banalen Pressemitteilung zu Paul McCartneys erstem Soloalbum. Darin erklärte er, dass seine Partnerschaft mit John Lennon beendet und seine Zeit bei den Beatles vorbei sei. „Ist dein Bruch mit den Beatles vorübergehend oder dauerhaft? – Ich weiß es nicht“, schrieb der eine der beiden Frontmänner der „Fab Four“.

Der Daily Mirror brachte die Hiobsbotschaft am 10. April 1970 als erste Zeitung mit der Schlagzeile: „Paul quits the Beatles“ (Paul hört bei den Beatles auf). McCartneys Abschied kam aber nicht wirklich überraschend: Das als „Pilzköpfe“ gestartete Quartett aus Liverpool – McCartney, Lennon, George Harrison und Ringo Starr – war schon seit über zwei Jahren auseinandergedriftet.

Paul McCartney und Ringo Starr (l.) sind übrig geblieben.
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Früher funktionierte die Zusammenarbeit zwischen Lennon und McCartney ohne Worte. „Wir schauten uns nur an“, sagte McCartney der Rundfunkanstalt BBC Jahrzehnte später. „Er dachte sich etwas aus, ich dachte mir etwas aus, und wir inspirierten uns einfach gegenseitig.“

Doch bereits das so genannte „White Album“ von 1968 illustrierte den tiefen kreativen Spalt zwischen den beiden – mit Lennons exzentrischer Komposition „Revolution 9“ und McCartneys zuckersüßem Popsong „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ als Gegensatz.

Im selben Jahr stiegen sowohl Harrison als auch Starr für kurze Zeit bei den ­Beatles aus. Lennon hatte in der Avantgarde-Künstlerin Yoko Ono seine „Göttin der Liebe“ gefunden, die – entgegen einer unausgesprochenen Bandregel – an Studio-Sessions teilnahm. Er heiratete seine neue Muse am 20. März 1969, acht Tage nach McCartneys Hochzeit mit der US-Fotografin Linda Eastman. Während dieses Paar im engen Kreis auf dem Standesamt heiratete, nutzten Lennon und Ono das riesige öffentliche Interesse, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Sie luden die Presse zu ihren „Bed-Ins“ im Hotelbett ein, um ihre Botschaft „Make Love Not War“ unters Volk zu bringen.

Der letzte Kraftakt

Im Sommer 1969 wollte schließlich auch Lennon gehen. In einem Gespräch mit SiriusXM erinnerte sich McCartney: „Es gab ein Treffen, bei dem John hereinkam und sagte: ,Ich verlasse die Band.‘ Und rückblickend hatte er diesen Lebensabschnitt erreicht. Das hatten wir alle.“

Doch die anderen Beatles überredeten Lennon, seine Entscheidung geheim zu halten, um die nächsten Veröffentlichungen nicht zu gefährden. „Abbey Road“ mit dem berühmten Zebrastreifen-Coverfoto erschien wenige Wochen später, im September 1969 – und trotz aller internen Spannungen verkaufte sich das Meisterwerk rund 15 Millionen Mal. Es war ein letzter Kraftakt der Beatles: „Wir haben die Gruppe zusammengehalten, um ,Abbey Road‘ zu beenden“, sagte Starr später.

Paul McCartney zog sich daraufhin desillusioniert auf seinen Bauernhof in Schottland zurück. Gerüchte, dass er tot sei, machten die Runde – deshalb schickte das US-amerikanische Life Magazine im Herbst 1969 ein Team nach Schottland und zeigte den Sänger mit seiner Familie auf der Titelseite: „Paul is still with us“ (Paul ist immer noch da).

Eigentlich ließ McCartney bereits damals die Bombe platzen: „Die Beatles-Sache ist vorbei. Sie ist explodiert, teils durch das, was wir getan haben, und teils durch andere Menschen.“ Doch die Journalisten verstanden nicht die Tragweite seiner Worte.

Das letzte Beatles-Album „Let It Be“ war für April 1970 geplant, genauso wie Ringo Starrs erste Soloplatte. Dann erfuhr die Band, dass McCartney seine erste Soloplatte ebenfalls im April herausbringen wollte. Der Drummer versuchte ihn persönlich umzustimmen. Doch statt wie erwartet nachzugeben, warf McCartney Starr aus dem Haus. Anschließend veröffentlichte er seine berüchtigte Pressemitteilung, durch die sich der Bruch der Beatles manifestierte. McCartney wurde zum Buhmann. Vor allem Lennon war sauer, weil er seinen Abschied aufgeschoben hatte.

"Ich habe oft Bandträume“

Fans hofften jahrelang auf ein Revival der Beatles – bis zu jenem tragischen Dezembertag 1980, als John Lennon von einem geistesgestörten Fan erschossen wurde.

George Harrison starb 2001 an Krebs. Ringo Starr veröffentlichte knapp zwei Dutzend Soloalben und machte auch ein bisschen Karriere mit Filmen.

Nur Paul McCartney verwaltet in gewisser Weise das Beatles-Erbe – und blieb Lennon tief verbunden: „Ich liebe es, wenn Leute im Traum zu einem zurückkehren. Ich habe oft Bandträume“, gestand er 2019 in „The Late Show with Stephen Colbert“. „Ich träume oft von John.“ (dpa)


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