Leben mit „Corona Light“: Lehren aus der Corona-Krise im Pflegebereich

Die Corona-Krise bringt Chancen im Kampf gegen den Fachkräftemangel in der Pflege. Reha-Patienten dürften nicht zu kurz kommen, Heimbewohner nicht verängstigt werden.

Am Ausbildungszentrum West steht die Pflegeausbildung im Mittelpunkt. AZW-Chef Walter Draxl fordert, dass unter Schutzvorkehrungen wieder unterrichtet werden kann.
© Thomas Boehm / TT

Von Anita Heubacher

Innsbruck – In diesen Tagen werden sie oft als Heldinnen und Helden des Alltags gefeiert: Ansonsten gilt die Pflege oft als unterbezahlt, vor allem die Pflegeassistenten hatten zuletzt aufgrund einer Schlechterstellung bei ihrer Entlohnung aufgeschrien. „Vor drei Monaten hatten wir noch einen Fachkräftemangel, jetzt haben wir in Tirol rund 40.000 Arbeitslose“, erklärt der Leiter des Ausbildungszentrum West, Walter Draxl. Von der Heimhilfe, über den Pflegeassistenten bis hin zum Bachelor. Mit 250 Ausbildungsplätzen bietet das AZW Ausbildungsmöglichkeiten für Interessierte. Allein die waren in den letzten Jahren zu wenig in Tirol. Draxl half sich, indem er mit seinem AZW Hochschulpartnerschaften in Sarajevo und Tiflis einging und versuchte, in Kroatien oder Albanien Pflegerinnen oder solche, die es noch werden wollten, anzuwerben.

Die strengen Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung im Kampf gegen das Coronavirus trägt Draxl zwar mit, fordert aber, „kreativer“ zu sein. Im Bereich der Bildung sei es zu wenig, in Null und Eins zu denken, also in Öffnen oder Zusperren. Unter bestimmten Schutzmaßnahmen müsse es möglich sein, zu unterrichten. „Labor­unterricht oder verschiedene Pflegetechniken können nicht via E-Learning unterrichtet werden.“ Es brauche eine Zwischenlösung im Ausbildungssektor.

Eine Öffnung fordert Draxl im Reha-Bereich. „Es braucht eine Nachbetreuung nach Operationen, Schmerztabletten können nicht die Lösung sein.“ Physiotherapeuten befänden sich noch immer in einer Grauzone. „Das gehört geklärt, mit dem Ziel, dass Therapeuten arbeiten können.“ Es könne nicht sein, dass Nicht-Corona-Patienten vernachlässigt würden.

Bei der Lockerung der Maßnahmen hätte sich Draxl mehr Differenzierung erhofft. „Endlich hat man eingesehen, dass Joggen und ausgedehntes Spazierengehen keine Straftaten sind, dann untersagt man generell Skitouren.“ Die auf der Piste seien wohl als harmlos anzusehen, was das Verletzungsrisiko angehe.

Skitouren sind in Tirols Altenheimen kein Thema, wohl aber, dass es für die Heimbewohner nicht möglich ist, auf den Friedhof zu gehen oder einen Spaziergang zu machen. „Corona Light“ bringt da keine Erleichterung. „Wir sind die Letzten, wo es Lockerungen geben wird“, sagt der Obmann der Arge Altenheime, Robert Kaufmann. In der Arge sind rund 70 Altenheime verankert. „Die Situation ist angespannt“, erklärt Kaufmann. Das Thema sei sehr präsent. Angst hätten die Bewohner nicht wirklich. „Alte Menschen haben ein Stück weit Gelassenheit. Sie sagen, woran sie letztlich sterben würden, sei ihnen auch schon egal.“ Der Umgang mit dem Tod sei in den Altenheimen ein anderer als unter Jüngeren. Kaufmann leitet ein Altenheim in Zirl. An die 35 Bewohner würden jedes Jahr sterben, an Krebs, an Altersschwäche, an verschiedenen Krankheiten.

Die Angst, kein Beatmungsgerät auf einer Intensivstation zu bekommen, plage die Heimbewohner weniger, als die Frage, wie hoch ihre Chancen stünden, eine tagelange oder wochenlange Beatmung zu überstehen.

Unter den Pflegekräften sei die Angst größer. „Sie fühlen sich der Gefahr, sich oder andere anzustecken sehr ausgeliefert.“ Die Arbeitsbelastung sei nicht anders als in Vorkrisenzeiten – „solange keiner ausfällt“, räumt Kaufmann ein. Manche sporne die Krise gar zur Höchstform an. „Es gibt ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Wir richten uns jedenfalls auf Monate in Isolation ein.“

Die Chance in der Krise sieht Kaufmann in einer Imagekorrektur des Pflegeberufes und langfristig einer Erhöhung der Bezahlung.


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