Digitales Lernen als Chance und Hürde für Tiroler Schüler

Kinder aus benachteiligten Familien drohen beim Unterricht zu Hause den Anschluss zu verlieren.

Das familiäre Umfeld spielt eine wesentliche Rolle dabei, ob ein Kind beim Lernen zu Hause auf sich alleine gestellt ist.
© Getty Images

Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Während der größte Teil der rund 59.000 Tiroler Pflichtschüler entweder digital zu Hause unterrichtet oder weiterhin in den Schulen betreut wurde, gab es bis zum Beginn der Osterferien zu 1665 Kindern und Jugendlichen keinen Kontakt. „Jeder Schüler, den wir nicht erreichen, ist einer zu viel“, hatte Bildungslandesrätin Beate Palfrader daraufhin erklärt und angekündigt, ein besonderes Augenmerk auf diese Schüler legen zu wollen.

Dass die aktuelle Situation vor allem für Kinder aus benachteiligten Familien oft eine schwierige ist, erklärt Claudia Schreiner vom In­stitut für LehrerInnenbildung und Schulforschung an der Universität Innsbruck. „Unterschiede in der familiären Situation machen sich beim Lernen zu Hause natürlich noch mehr bemerkbar als zu normalen Schulzeiten.“ Eine Rolle spielt dabei unter anderem, wie viel Platz zu Hause ist, welche technische Ausstattung es gibt, ob Arbeitsaufträge ausgedruckt werden können oder ob jemand dem Kind hilft, sich zu organisieren.

„Von der Schule aus sollten wir darauf achten, auf die Situation der Kinder zu Hause möglichst gut Rücksicht zu nehmen. Viele Schulen bieten zum Beispiel an, sich ausgedruckte Aufgabenstellungen in der Schule abholen zu können, oder achten darauf, die Online-Kommunikation so zu gestalten, dass Schulaufgaben auch dann gut zu Hause bearbeitet werden können, wenn die Kinder nicht durchgehend Zugriff auf einen Computer haben“, erklärt Schreiner. Die Unterstützung von Kindern aus benachteiligten Familien hält sie jedenfalls derzeit für eine der größten Herausforderungen für die Lehrerinnen und Lehrer.

Sich selbst zu organisieren, verlangt den Kindern, besonders den jüngeren, einiges ab.
Claudia Schreiner (Bildungsforscherin)

Grundsätzlich biete das E-Learning durchaus Vorteile. „Digitales Lernen wird im Allgemeinen mit einem größeren Ausmaß an Selbstständigkeit und Selbstverantwortung bei den Lernenden assoziiert, zeit- und ortsunabhängigem Lernen und damit einhergehend einem größeren Ausmaß an Flexibilität und größeren Freiheiten in der Arbeitseinteilung“, streicht die Bildungsforscherin hervor. Allerdings würden diese Bedingungen auch sehr hohe Anforderungen an die Lernenden stellen: „Sich selbst beim Lernen zu organisieren, verlangt den Kindern, insbesondere den jüngeren, einiges ab. Wie gut sich jemand selbst organisieren und selbst motivieren kann beim Lernen, das wird individuell sehr unterschiedlich sein. Insofern spielen individuelle Lernvoraussetzungen aktuell noch eine größere Rolle, als dies normalerweise schon der Fall ist.“

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Die aktuelle Situation sei daher Chance und Herausforderung zugleich. „Kinder wachsen oft über sich hinaus, wenn man ihnen etwas zutraut. Manche Kinder werden sich hier als sehr erfolgreich erleben dürfen.“ An einer Aufgabe zu scheitern und sich selbst neu zu motivieren, könne jedoch schwerfallen und den Frust steigen lassen. Hier seien wieder die Lehrpersonen gefordert, aus der Distanz zu unterstützen, damit die Kinder nicht auf sich allein gestellt sind.

Ebenfalls unterstützend müssen die Eltern tätig sein. „Es ist aber nicht ihre Aufgabe, in dieser Situation die Lehrpersonen zu ersetzen“, betont Schreiner. „Natürlich können sie sich mehr um die Gestaltung des Lernumfelds kümmern – also so gut wie möglich dafür sorgen, dass die Kinder einen ruhigen Platz zum Erledigen der Aufgaben haben, sie technisch ein bisschen unterstützen, das eine oder andere Frust­erlebnis auffangen und beim Motivieren helfen. Oder die Kinder auch einmal daran erinnern, Pausen zu machen.“


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